Eskalation der Gewaltam G-8-Gipfel in Genua
Bei Protesten gegen den G-8-Gipfel in Genua ist ein junger Mann gemäss unbestätigten Meldungen durch einen Schuss der Polizei getötet worden. Eine weitere Demonstrantin und ein Polizist wurden laut offiziellen Angaben sehr schwer verletzt. Die Strassenkämpfe flachten am Freitagabend ab.
Gemäss Augenzeugenberichten hatte der Mann ein Polizeifahrzeug mit einem Feuerlöscher angegriffen. Daraufhin sollen Carabinieri aus dem Wagen auf ihn geschossen haben. Die Nationalität des Opfers war zunächst nicht klar. Es soll sich nach unbestätigten Meldungen um einen Italiener oder Spanier handeln.
Gewaltbereite Aktivisten hatten immer wieder versucht, in die hermetisch abgeriegelte «Rote Zone» in der Altstadt einzudringen. Die Polizei reagierte mit Wasserwerfern und Tränengas.
Der militante Block schleuderte Molotow-Cocktails, Flaschen, Steine und Rauchbomben gegen die Sicherheitskräfte. Geschäfte und Banken wurden verwüstet, Autos und Container angezündet. Rauchwolken lagen über der Altstadt.
Damit bestätigten sich schlimmste Befürchtungen von Krawallen beim Treffen der sieben führenden Industriestaaten und Russland. Schätzungsweise 100’000 Menschen protestierten in den Strassen Genuas gegen Armut in den Entwicklungsländern.
Unter dem Motto «Genua ist überall» fanden am Freitag wie bereits an den Vortagen auch im Tessin kleinere Kundgebungen gegen den G-8-Gipfel statt. Demonstrierende, denen die Einreise nach Italien verwehrt wurde, machten mit kurzen Besetzungen ihrem Ärger Luft.
Womöglich der letzte Gipfel
In Genua gingen friedliche Aktionen gegen den Gipfel – so eine Kundgebung von Zehntausenden und eine Gebetsinitiative von Christen – im allgemeinen Chaos praktisch unter.
Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi machte seinen Unwillen über das nötige Dispositiv mit 20’000 Sicherheitskräften deutlich. Die Gipfel der grossen Industrienationen müssten überdacht werden, sagte Berlusconi. Genua sei womöglich der letzte Gipfel dieser Art gewesen sein.
Angesichts des Geschehens in den Strassen um das von 15’000 Polizisten bewachte Tagungszentrum verblassten alle politischen Botschaften, wie die Gründung eines milliardenschweren Gesundheitsfonds der Vereinten Nationen mit Hilfe der G-8.
G-7 vorsichtig optimistisch
Das Treffen im Dogenpalast hatte am Mittag mit einem Arbeitsessen der sieben wichtigsten Industriestaaten (G-7) begonnen. Bei den Beratungen ohne Russland über die schwache Weltkonjunktur zeigte sich die G-7 vorsichtig optimistisch, dass es bald eine Erholung gebe.
Eine nachhaltige Belebung der Wirtschaft sollen die angestossenen Reformen, insbesondere die Steuersenkungen in Europa und den USA bringen, vereinbarten die Staats- und Regierungschefs in ihrer Arbeitssitzung. Alle hätten übereingestimmt, der angestrebten Welthandelsrunde im November zum Durchbruch zu verhelfen.
Aids und Entwicklungsländer
Am späten Freitagnachmittag wurde aus dem G-7- der G-8-Gipfel: Der russische Präsident Wladimir Putin traf als letzter Teilnehmer in Genua ein.
UNO-Generalsekretär Kofi Annan würdigte die Teilnehmer des Gipfels. Mit ihrem Gesundheitsfonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose hätten sie «der Solidarität im 21. Jahrhundert neue Bedeutung gegeben».
«Eine Milliarde Dollar ist ein guter Anfang, aber viel, viel mehr ist nötig», lobte er die ersten Zusagen der G-8-Führer. Er hoffe auf weitere 700 bis 800 Millionen Dollar Spenden jährlich.
Annan war eingeladen worden, um zusammen mit Vertretern sechs armer Länder bei den Gipfelberatungen der G-8 in erweiterter Runde über Hilfsmassnahmen für die Dritte Welt zu sprechen.
swissinfo und Agenturen
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