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Nachrichtenlose Vermögen Prominente vergessen Geld auf Schweizer Konten

Der berühmte US-Kletterer Royal Robbins besitzt ein "ruhendes Konto" in der Schweiz.

Der berühmte US-Kletterer Royal Robbins besitzt ein "ruhendes Konto" in der Schweiz.

(Keystone/Tom Frost)

Als einer der bekanntesten Kletterer seiner Zeit vertuschte Royal Robbins gerne sämtliche Spuren seiner Aufstiege. Bei einem Aufenthalt in der Schweiz aber hinterliess der Amerikaner etwas: ein vergessenes Bankkonto – eines von fast 4000 öffentlich gemachten sogenannten nachrichtenlosen Vermögen.

Als nachrichtenlos gilt ein Kontoexterner Link auf einer Schweizer Bank, wenn der letzte Kundenkontakt mindestens 60 Jahre zurückliegt. Ausserdem muss der Wert des Vermögens mehr als 500 Schweizer Franken betragen oder unbekannt sein. Insgesamt belaufen sich diese nachrichtenlosen Vermögenswerte auf über 52 Millionen Schweizer Franken. Die Konto-Inhaber oder deren Nachkommen haben fünf Jahre Zeit, das Geld zurückzufordern. Ansonsten geht es an den Schweizer Staat.

Royal Robbins bezwang als erster die Nordwestwand des Half Dome, einem 2693 Meter hohen Berg im Yosemite-Nationalpark im US-Bundesstaat Kalifornien. Er ist der Gründer eines erfolgreichen Unternehmens für Outdoor-Bekleidung, das seinen Namen trägt. Der Kletterer lebt heute in den USA, seinem Geburtsland. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands beantwortete seine Frau Liz die Fragen von swissinfo.ch.

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"Ich erinnere mich echt nicht mehr an ein Konto dort, aber vermutlich hatten wir eines", schrieb sie in einer E-Mail. Sie hätten das Konto in den 1960er-Jahren eröffnet, als Royal als Instruktor an der Internationalen Bergsteiger-Schuleexterner Link in Leysin im Kanton Waadt gearbeitet habe.

Das bedeutet, das Konto wäre nur etwa 50 Jahre alt – eine Anomalie, die schwierig zu erklären ist, da nachrichtenlose Konten mindestens 60 Jahre alt sein müssen, um auf der Website zu erscheinen. Laut der Schweizerischen Bankiervereinigung liegt es in der Kompetenz der einzelnen Banken, Konten in diese Liste einzutragen, und man könne nicht alle Einträge überwachen.

Liz Robbins kann sich nicht daran erinnern, dass die Bank, die das Konto verwaltet, sich je bei ihnen gemeldet hätte, um ihnen mitzuteilen, dass dieses nun auf der öffentlichen Liste der nachrichtenlosen Vermögen stehe. "Ich werde die Bank nun kontaktieren und das Konto schliessen, ich danke Ihnen", schreibt sie in der Mail.

Die Leichtigkeit, mit der Robbins ausfindig gemacht werden konnte, zeige, dass ein paar Schweizer Banken ihre Hausaufgaben nicht gemacht hätten, sagt André Naef. Er ist Co-Gründer der Firma FAST Searchexterner Link, die im Auftrag von Banken Kunden ausfindig macht.

Naef arbeitete früher selber für eine Privatbank. Heute hilft er Finanzinstituten, mit ihren nachrichtenlosen Vermögen aufzuräumen. Private Kunden unterstützt er bei der Suche nach ihren Geldern in der Schweiz. Die 4000 Konten, deren Kunden sich seit mindestens 60 Jahren nicht mehr gemeldet haben, sind laut Naef nur die Spitze des Eisbergs.

Tickende Bomben

Wieviel Geld auf diesen Konten liegt ist unklar. Die Banken geben sich diesbezüglich zurückhaltend. Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) schätzt, dass etwa 52 Millionen Franken auf rund 2900 dieser Konten liegen. Mit Blick auf sämtliche nachrichtenlosen Vermögenswerte, deren Kunden sich seit mindestens zwei Jahren nicht mehr gemeldet haben, schätzt Naef, dass sich der Betrag auf mindestens zwei Milliarden Schweizer Franken beläuft.

Ab 2018 könnte das zu einem Problem werden. Denn da beginnt die Schweiz mit dem automatischen Informationsaustausch mit anderen Staaten, um Steuerhinterziehung zu bekämpfen.

Es sei gut möglich, dass einige dieser Konten "ansehensschädigende Bomben" enthalten, die zu "unangenehmen Fragen anderer Länder" führen könnten, so Naef zu swissinfo.ch. Er sei überrascht, dass viele Banken nicht mehr unternehmen würden, um mit den nachrichtenlosen Vermögen aufzuräumen.

Die SBVg sagt hingegen, Steuerhinterziehung habe beim Aufbau der Internetseite für nachrichtenlose Vermögenswerte keine Rolle zu spielen. "Überall auf der Welt können Banken mit einer Situation konfrontiert sein, in welcher der Kontakt zu einem Kunden verloren gegangen ist", schreibt sie in einer schriftlichen Antwort. Die aktuelle Gesetzgebung gehe auf den Vorschlag der Banken zurück, eine rechtlich adäquate Lösung für Konten zu finden, die über einen sehr langen Zeitraum nachrichtenlos geblieben sind. Werde ein Kontobesitzer oder legitimierter Erbe eines solchen Kontos ausfindig gemacht, stehe es in der Verantwortung dieser Person, allfälligen Steuerpflichten im Zusammenhang mit diesem Vermögen nachzukommen.

Firestones Erben

Nicht nur Kletterer Robbins sondern auch andere Namen von Konto-Inhabern sind mit Hilfe der Suchmaschine Google ziemlich leicht ausfindig zu machen. So zum Beispiel Harvey S Firestone aus Akron in den USA: Es muss sich hier um den Gründer des US-Reifenherstellers Firestone Tires oder dessen Sohn handeln.

Firestone Senior war seinerzeit einer der reichsten Amerikaner. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verkehrte er mit Leuten wie Henry Ford und Thomas Edison im sogenannten "Millionärs-Klub". Obwohl es keinen Hinweis darauf gibt, dass dieses Konto (oder ein anderes) nicht deklariert ist, zeigt sich Naef darüber beunruhigt, dass die Bank einen so einfach erkennbaren Namen nicht entdeckt hat. "Es zeigt, dass Banken einfach nicht genug über ihre Kunden wissen und forschen", sagt er.

Die lückenhaften Eintragungen auf der Liste der nachrichtenlosen Vermögen macht die Verfolgung einiger dieser Konten aber auch praktisch unmöglich. In ein paar Fällen kennt die Bank nicht einmal den Namen des Kunden, ganz zu schweigen von Geburtsdatum, Nationalität, Wohnort oder Kontonummer.

Naef hält es dennoch für praktisch sicher, dass 10% aller Kontoinhaber oder deren Nachkommen mit den auf der Liste eingetragenen Informationen ausfindig gemacht werden könnten. Als "vernünftig" bezeichnet er zudem die Chance, weitere 44% anhand der vorhandenen Informationen aufzuspüren. Doch ein Jahr nach der Lancierung der Webseite für nachrichtenlose Vermögenswerte hat sich erst im Fall von 5% der öffentlich gemachten Konten jemand gemeldet.

Nachrichtenlose Vermögenswerte

Einer Änderung des Bankengesetzes folgend, hat die Schweiz im Dezember 2015 eine Internetseite ins Leben gerufen, auf der die ältesten der sogenannt nachrichtenlosen Vermögenswerte aufgelistet sind. Auf der öffentlich zugänglichen Liste stehen nur Konten, die seit mindestens 60 Jahren nachrichtenlos sind.

Die Liste wird regelmässig mit neuen Namen ergänzt. Deren Anzahl ist von ursprünglich 2600 auf bereits knapp 4000 angestiegen. Der genaue Betrag der Fonds wurde nicht offengelegt. Die Schweizerische Bankiervereinigung nannte mit Blick auf Dreiviertel der Konten die ungefähre Zahl von 52 Millionen Schweizer Franken.

Sogenannt berechtigte Ansprecher haben nach der Publikation zwischen einem und fünf Jahren Zeit, um sich bei der entsprechenden Bank zu melden. Tut dies niemand, wird das Konto geschlossen und die Bank liefert die Vermögenswerte dem Staat ab.

Nur bei der Hälfte der Einträge stehen Angaben zur Nationalität des Kunden. Fast zwei Drittel davon sind Schweizer und Schweizerinnen, gefolgt von französischen Staatsangehörigen (15%) und anderen Nachbarstaaten. US-Bürgerinnen und -bürger machen weniger als 1% der aufgelisteten Nationalitäten aus.

Das älteste aufgelistete Geburtsjahr ist 1808, das jüngste 1956. Im Durchschnitt sind die Kontoinhaber und -inhaberinnen 111-jährig.

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(Übertragung aus dem Englischen: Kathrin Ammann)

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