Ostschweizer Kantone erhoffen sich viel vom selbstfahrenden öV-Taxi
Lange dauert es nicht mehr, bis selbstfahrende Autos den bestehenden öffentlichen Verkehr im ländlichen Raum ergänzen. Zumindest sieht die Post genau dies ab 2027 in und um das St. Galler Rheintal vor. Die Kantone setzen grosse Hoffnungen in das Projekt.
(Keystone-SDA) Vereinzelt sind sie bereits im St. Galler Rheintal und im Appenzeller Vorderland anzutreffen: Die gelben Autos mit schwarzem Posthorn auf den Seitentüren und schwarzem Dach, die dereinst Fahrgäste komplett autonom rund um Altstätten SG chauffieren sollen. Vorerst allerdings nur, um mit Sensoren und Kameras das Gebiet zu erfassen, in dem sie später ohne Fahrerin oder Fahrer unterwegs sein sollen. Dereinst haben die «AmiGo»-Fahrzeuge wohl das Potenzial, den öffentlichen Verkehr im ländlichen Raum nachhaltig zu verändern.
Wie das geschehen soll, lässt sich aus Antworten der Postauto AG und der beteiligten Kantone – darunter St. Gallen und beide Appenzell – zumindest grob skizzieren. «AmiGo ergänzt den öffentlichen Verkehr dort, wo der klassische Linienverkehr an seine Grenzen stösst», schreibt etwa die Medienstelle der Postauto AG auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Heisst konkret, dass keine bestehenden Postautolinien im ländlichen Raum ersetzt werden sollen. Stattdessen werden weniger gut erschlossene Regionen vor allem zu Randzeiten überhaupt erst ein öV-Angebot erhalten. Das Projekt setze dort an, wo fixe Fahrpläne weniger gut geeignet seien.
Auch die Rufbusse PubliCar, die rund um Oberegg AI und Appenzell bestellt werden können, sollen mit der Einführung von «AmiGo» nicht verschwinden, versichert die Postauto-Medienstelle. «Beide Angebote können parallel bestehen.»
Unklare Auswirkungen auf die Taxibranche
Unklar ist derzeit noch, wie viel die maximal vier Passagiere künftig für Fahrten mit den selbstfahrenden Autos, welche zusammen mit dem chinesischen Robotaxiherstellers Appollo Go der Techfirma Baidu entwickelt wurden, bezahlen müssen. Die Preise sollen sich an den Tickets für den öffentlichen Verkehr orientieren und nicht am Taximarkt, heisst es seitens Postauto. Je mehr Fahrgäste mitfahren, desto günstiger wird die Fahrt für jeden Einzelnen.
Eine Konkurrenz zu Taxiunternehmen will Postauto mit «AmiGo» nicht aufbauen, heisst es auf deren Webseite. Vertreter aus der Taxibranche können aktuell noch nicht abschliessend abschätzen, ob dies auch tatsächlich zutrifft. Ein Taxiunternehmer aus Heiden AR gibt auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA an, sich mit dem Projekt noch nicht vertieft auseinandergesetzt haben. Grundsätzlich bedeute aber jedes neue Angebot eine zusätzliche Konkurrenz. Seine Hauptsorge seien jedoch der Druck auf die Fahrtpreise, unter anderem ausgelöst durch App-basierte Fahrdienste, so Alija Selman von Blitz Taxi.
Anders sieht es ein angefragter Chauffeur von Rheintal Taxi, der rund um Altstätten SG fährt. «Ich glaube nicht, dass die Leute gerne in ein Auto ohne Chauffeur sitzen.» Grosse Auswirkungen auf das Taxigewerbe befürchte er nicht.
Noch nicht definitiv festlegen will sich Thomas Zerner, der im Vorstand des Taxiverbandes St. Gallen aktiv ist. Er sieht zwei mögliche Szenarien, wie er auf Anfrage schreibt: Entweder die Post greift künftig entgegen ihren Beteuerungen letztlich doch in den Taximarkt ein, weil die Fahrgäste bis vor die Haustüre gebracht werden. Oder aber «AmiGo» sorgt generell für mehr Mobilität im ländlichen Raum, wovon letztlich auch die Taxibranche profitieren könnte. Zerner zeigte sich zudem skeptisch, dass die selbstfahrenden Autos bereits 2027 voll einsatzfähig sein werden.
Einzelne Linien könnten wegfallen
Grosse Hoffnungen in die selbstfahrenden Autos setzt der Kanton St. Gallen, wie Patrick Ruggli auf Anfrage erklärt. «Automatisiertes Fahren sehen wir als vielversprechende künftige Mobilitätsform», schrieb der Leiter Amt für öffentlichen Verkehr des Kantons St. Gallen. Für Transportunternehmen werde es immer schwieriger, qualifiziertes Fachpersonal zu finden. «Automatisiertes Fahren könnte eine mögliche Lösung sein, zuerst für PW und später auch für Busse.»
Der Fokus liege auf einer Ergänzung des bestehenden Angebotes durch «AmiGo». Ruggli kann aber nicht ausschliessen, dass einzelne Buslinien wegen ihres tiefen Kostendeckungsgrads durch den Kanton künftig nicht mehr bestellt werden. «Allenfalls» ersetzen die selbstfahrenden Autos dereinst «Linien mit sehr tiefem Kostendeckungsgrad».
Wenig Einfluss wird das potentielle Angebot gemäss der Einschätzung von Ruggli jedoch auf den Marktanteil des öV im Kanton St. Gallen haben, der bei rund 20 Prozent und damit unter dem Schweizer Durchschnitt von 25 Prozent liege. «AmiGo wird den Marktanteil nicht markant steigern, aber die Mobilität für die Bevölkerung wird besser.» Insbesondere bei der sogenannten ersten respektive letzten Meile sei zu erwarten, dass die Bevölkerung das eigene Auto vermehrt stehen lasse und selbstfahrende öV-Taxis nutze.
Streusiedlungen erschweren Erschliessung
Die Ausserrhoder Regierung legt ihre Motivation für die Unterstützung des Pilotprojektes unter anderem in Antworten auf eine schriftliche Anfrage aus dem Kantonsrat dar. Auch sie verweist auf den tiefen Marktanteil des öV im Kanton, der bei lediglich 14 Prozent liege. Die Gründe dafür sieht die Regierung unter anderem in den vielen Streusiedlungen, die von Bahnen und Bussen kaum angefahren werden. Diese mit klassischen öV-Angeboten besser zu erschliessen, sei nur schwer möglich.
Auch der Kostendeckungsgrad gewisser Buslinien von unter 30 Prozent habe dazu beigetragen, neue Formen der Mobilität in Betracht zu ziehen. «Lösungen mit tieferen Betriebskosten und gleichzeitig höherer Auslastung sollen die Finanzierbarkeit durch die Besteller, Kantone und Bund, langfristig sicherstellen», schreibt die Ausserrhoder Regierung weiter. Sie zeigt sich überzeugt, dass die Bevölkerung zeitnah von einem besseren öV-Angebot profitieren wird.
Ähnlich klingt es in Appenzell Innerrhoden. «Durch ergänzende Angebote wie ‚AmiGo‘ sollen neue Nutzergruppen angesprochen und die Attraktivität des öV inbsesondere in Randzeiten und in weniger gut erschlossenen Gebieten erhöht werden», schreibt die kantonale Medienstelle auf Anfrage.