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Von Covid bis Hormus: Was hat die Schweiz aus Medikamenten-Lieferengpässen gelernt?

Container auf einem grossen Schiff, von oben fotografiert
Der dänische Schifffahrtsriese Maersk gehört zu den Reedereien, die ihre Schiffe nun umlenken müssen. Keystone / EPA/ Olivier Hoslet

Der Konflikt im Nahen Osten hat die globalen Lieferketten, darunter auch jene der Pharmaindustrie, schwer beeinträchtigt. Nutzt die Schweiz die Lehren aus ähnlichen Herausforderungen während der Covid-19-Pandemie?

Die Blockade der Strasse von Hormus hat Lieferketten unterbrochen, der Transport rund eines Viertels des weltweit gehandelten Rohöls und Flüssiggases kam weitgehend zum Stillstand.

In der Folge stiegen die Kraftstoffpreise drastisch in die Höhe. Die Internationale Energieagentur (IEA) sprach von der «grössten globalen Energiebedrohung der Geschichte»Externer Link.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte vor Folgewirkungen in allen Sektoren, darunter auch bei lebenswichtigen Medikamenten und anderen Gütern des täglichen Bedarfs.

In der Schweiz heisst es im jüngsten Bericht des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL), das die Versorgungslage bei lebensnotwendigen Gütern wie Energie und Nahrungsmitteln überwacht, es drohten keine Versorgungsengpässe – mit Ausnahme von lebenswichtigen Arzneimitteln, Medizinprodukten und Hygieneartikeln.

Diese Produkte wurden im BWL-Bericht vom 15. April mit einem gelben Rahmen gekennzeichnet. Das signalisiert die «eingeschränkte» Verfügbarkeit einiger wichtiger pharmazeutischer Wirkstoffe.

Die Schweiz ist für ihre Pharmaindustrie bekannt. Wie kommt es also, dass gewisse Medikamente nicht erhältlich sind?:

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Derzeit sind in der Schweiz rund 140 lebenswichtige Arzneimittel nicht verfügbar. Sie gehören zu einer grösseren Gruppe von über 500 verschreibungspflichtigen Medikamenten, die aufgrund der Abhängigkeit der Pharmaindustrie von nur wenigen Beschaffungsmärkten nicht erhältlich sind.

Die Produktionsketten wurden durch den Konflikt im Nahen Osten zusätzlich geschwächt: Er hat die Lieferung von Chemikalien verzögert, die für Arzneimittel- und Medizinproduktehersteller in China unerlässlich sind, die Produktion in Indien verlangsamt und zu höheren globalen Transportkosten geführt.

Bislang gibt es noch keine weiteren Medikamentenengpässe. Expert:innen weisen jedoch darauf hin, dass Generika wie Schmerzmittel besonders anfällig für LieferengpässeExterner Link sind, da sie grösstenteils aus Indien und China importiert werden, hohe Transportkosten verursachen, nicht zu den lebenswichtigen Medikamenten zählen und im Vergleich zu patentierten Arzneimitteln nur geringe finanzielle Vorteile bringen.

Während der Covid-19-Pandemie beschränkte die Schweiz den Verkauf von Paracetamol vorübergehend auf eine Packung pro Patientin oder Patient. Eine ähnliche Situation könnte laut Expert:innen innerhalb weniger Monate erneut eintreten.

Die Wiederherstellung der von Angriffen betroffenen Energieinfrastruktur wird mehrere Monate dauern. Das BWL weist darauf hin, dass sich ungeachtet eines etwaigen Waffenstillstands zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten Warenlieferungen nach Europa verzögern werden.

«Man kann Versorgungsengpässe nicht einfach verhindern, aber man kann sich auf sie vorbereiten», sagt der Schweizer Apotheker Enea Martinelli. Er sitzt im Komitee einer Volksinitiative, die sich für eine verbesserte Arzneimittelbeschaffung einsetzt.

Swissinfo beleuchtet die in der Schweiz ergriffenen Massnahmen zur Vermeidung von Arzneimittelengpässen sowie jene Änderungen, die in Folge der Covid-19-Pandemie vorgenommen wurden, der letzten globalen Bedrohung für die Arzneimittelbeschaffung.

Welche Massnahmen gibt es derzeit, um Medikamentenengpässe zu vermeiden?

Die Schweiz ist verpflichtet, ausreichend lebenswichtige Arzneimittel wie Krebsmedikamente, Schmerzmittel und Impfstoffe für fünf bis sechs Monate zu lagern. Seit 2015 müssen Händlerinnen und Händler zudem die Behörden über drohende Engpässe bei lebenswichtigen Medikamenten informieren, die 14 Tage oder länger andauern könnten.

Eine regelmässig aktualisierte Liste von Wirkstoffen legt fest, welche Medikamente als lebenswichtig gelten, darunter befinden sich auch Insulin und Blutverdünner.

Das Land kämpft seit Beginn des 21. Jahrhunderts mit Medikamentenengpässen. Gründe dafür sind die Auslagerung kritischer Produktionsschritte in Niedriglohnländer, die starke Abhängigkeit von wenigen Produktionsstätten in Asien sowie die Reduzierung der Lagerbestände entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Trotz zusätzlicher Massnahmen seit 2006, wie etwa Gesetzesänderungen zur Verbesserung der Medikamentenversorgung von Spitälern, bedrohen globale Krisen wie die Covid-19-Pandemie oder der aktuelle Konflikt im Nahen Osten die laut BWL sowieso «fragilen und gestörten Lieferketten» systematisch.

Wie steht es um neue Massnahmen?

Derzeit überarbeitet die Schweiz ihr Epidemiegesetz, das die Bevölkerung vor ansteckenden Krankheiten schützen soll. Ziel ist es, der Regierung mehr Handlungsspielraum zu geben.

Im Fall eines Mangels an medizinischer Ausrüstung könnte beispielsweise Bern eingreifen, anstatt sich wie bisher allein auf die Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und Kantonen zu verlassen.

Um den täglichen Engpässen bei lebenswichtigen Medikamenten entgegenzuwirken, hat die Schweiz bereits 2023 die Kostenerstattung für in Apotheken zubereitete Arzneimittel eingeführt, die Liste der lebensrettenden Medikamente erweitert und den Verkauf von Tabletten in Teilmengen genehmigt.

Zudem hat sie sich unter bestimmten Umständen bereit erklärt, auf die üblichen regelmässigen Preisreduzierungen für lebenswichtige Medikamente zu verzichten, die der Senkung der Gesundheitskosten dienen. Arzneimittelherstellern soll so ein Anreiz gegeben werden, diese Medikamente auf dem Markt verfügbar zu halten.

Die Versorgungsketten für Medikamente sind besonders komplex, was die Umsetzung von Lösungen erschwert. «Man sollte keine revolutionären Massnahmen erwarten, denn die würden nicht funktionieren», sagt Martinelli.

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Nach zweijähriger Forschung legte die Regierung dem Parlament im vergangenen März einen Vorschlag vor: Kurzfristig sollen Importe aus der Europäischen Union vereinfacht und die in der Schweiz vorgeschriebenen mehrsprachigen Beipackzettel in Medikamentenpackungen durch QR-Codes ersetzt werden, um den Zugang zu in der EU zugelassenen Produkten zu erleichtern.

Bis Ende 2026 wird die Schweiz damit beginnen, alle im Land zugelassenen Arzneimittel in verschiedene Kategorien einzuteilen – und nicht mehr nur die unentbehrlichen –, um deren Verwendung festzulegen und ihre Verfügbarkeit zu verfolgen. Bis dahin bleibt Drugshortage.chExterner Link, 2016 auf Initiative von Martinelli eingerichtet, die einzige Plattform, die alle Arzneimittelengpässe erfasst.

Einige dieser Massnahmen werden bereits umgesetzt. Langfristig erhofft man sich eine Verfassungsänderung, um der Regierung zusätzliche Befugnisse zu erteilen, darunter auch Gesetzesänderungen, die Arzneimittelherstellern wirtschaftliche Anreize für den weiteren Vertrieb bestimmter Medikamente bieten sollen.

Welche Probleme bleiben bestehen?

Zwar wurden Massnahmen für lebenswichtige Produkte ergriffen, doch sind die Hersteller nicht verpflichtet, Engpässe bei Medikamenten zu melden, die nicht als unverzichtbar gelten.

In der Schweiz kommt es daher regelmässig zu Engpässen bei Medikamenten gegen chronische Krankheiten, da keine Vorausplanung möglich ist.

So ist beispielsweise das Pulver Nemluvio des Schweizer Pharmaunternehmens Galderma, das zur Behandlung von schweren Ekzemen dient, seit Anfang Februar nicht mehr erhältlich. Die Behörden haben die Einfuhr eines identischen in Deutschland vertriebenen Produkts genehmigt.

Laut Martinelli kommt der Plan der Regierung, die Versorgung mit Medikamenten für chronische Erkrankungen zu überwachen, etwa zehn Jahre zu spät, da dessen Umsetzung aufgrund der Schweizer Gesetze mehrere Jahre dauern wird.

«Die Situation ändert sich zu schnell, als dass unser System damit Schritt halten könnte. Unser politisches System ist einfach zu langsam», sagt er.

Sollte der Nahostkonflikt zu weiteren Arzneimittelengpässen führen, würde die Schweiz auf ihre Reserven an lebenswichtigen Medikamenten zurückgreifen. Bei Arzneimitteln zur Behandlung chronischer Krankheiten bleibt dem Land jedoch nichts anderes übrig, als abzuwarten und auf internationale Zusammenarbeit zu hoffen. «Wir sind auf uns allein gestellt – das ist das Problem», sagt Martinelli.

Auch für die EU stellen Lieferketten im Pharmabereich Risiken dar. Doch der Unterschied bestehe darin, dass die EU über eine Strategie verfüge, im Gegensatz zu dem «Konzept eines Plans» der Schweiz, sagt Martinelli.

Die Verschärfung der Vorratshaltungsvorschriften durch Frankreich im September 2021 gilt derzeit als Best Practice in den 27 Mitgliedstaaten der Union. Einige EU-Länder haben zudem Exportbeschränkungen. Sie legen fest, dass ein Produkt, wenn es knapp wird, nicht ausserhalb der Grenzen der Union verkauft werden darf – und damit auch nicht in der Schweiz.

Das ist der wichtigste europäische Pharmapartner der Schweizer Arzneimittelhersteller:

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Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verfüge über eine eigene internationale Abteilung, «die regelmässigen Kontakt zu anderen internationalen Arbeitsgruppen zu diesen Themen pflegt», sagt eine Sprecherin des BWL.

Die Marktgrösse der Schweiz wird jedoch ein Knackpunkt bleiben. «Die Schweiz ist im internationalen Vergleich ein kleiner Markt und daher für global agierende Unternehmen weniger attraktiv. Das verschärft die Situation, beispielsweise durch den Rückzug von Unternehmen aus dem Markt», fügt sie hinzu.

Im vergangenen Jahr zog Roche sein Krebsmedikament Lunsumio vom Schweizer Markt zurück, da man sich mit der nationalen Zulassungsbehörde nicht auf einen Preis einigen konnte.

Gleichzeitig gab der Hersteller von Ampullen und Infusionsbeuteln, Bichsel in Interlaken, bekannt, dass er aufgrund finanzieller Schwierigkeiten zum Jahresende schliessen werde.

Laut lokalen MedienberichtenExterner Link bleibt damit nur noch die Firma Streuli übrig, um das Land mit unverzichtbaren medizinischen Hilfsmitteln zu versorgen.

Für Martinelli ist der vollständige Aufbau von Produktionslinien in der Schweiz aus Kostengründen keine realistische Option. Die Lösung des Medikamentenmangels erfordere vielmehr einen Paradigmenwechsel: Behandlungen dürften nicht mehr als wirtschaftliches, sondern müssten als therapeutisches Problem betrachtet werden.

«Heutzutage würde selbst eine sehr wichtige, aber nicht mehr rentable Behandlung in der Schweiz nicht mehr angeboten werden. Und genau daran muss die Schweiz arbeiten», sagt er.

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Editiert von Virginie Mangin/gw, Übertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von KI-Tools: Petra Krimphove/raf

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