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Wichtig für die Schweizer Demokratie? Zwei von drei Menschen leisten Freiwilligenarbeit

Turnerinnen in Lausanne
Ohne Freiwilligenarbeit undenkbar: Das Eidgenössische Turnfest 2025 lockte 300'000 Besuchende und 65'000 Turner:innen nach Lausanne. Keystone / Jean-Christophe Bott

Der neue Freiwilligenmonitor der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft zeigt auf, dass jene, die sich freiwillig engagieren, auch öfter Verständnis für Kompromisskultur und Demokratie haben.

Knapp zwei von drei Menschen in der Schweiz leisten eine Form von Freiwilligenarbeit. 5000 Personen nahmen an der umfangreichen, wissenschaftlichen Umfrage für den neuen Freiwilligenmonitor der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG)Externer Link teil. Viele engagieren sich in Sportvereinen, füllen politische Ämter aus – oder betreuen und unterstützen Menschen ausserhalb des eigenen Haushalts.

Im internationalen Vergleich zeichne sich die Schweiz, so heisst es im Monitor, «durch ein hohes Mass an freiwilligem Engagement aus». Zusammen mit Norwegen, Dänemark, Schweden und den Niederlanden nehme die Schweiz «sowohl bei der formellen als auch beider informellen Freiwilligenarbeit einen Spitzenplatz innerhalb Europas ein».

Der Zusammenhang zwischen Freiwilligenarbeit und Partizipation in der direkten Demokratie

«Freiwilligenarbeit gibt es überall», sagt Projektleiter Andreas Müller. «Sie kann nachweislich zum sozialen Zusammenhalt beitragen. Aber das spannende in der Schweiz ist, wie sie mit dem Milizsystem und der Partizipation in der direkten Demokratie zusammenspielt.» Die Ergebnisse des Monitors weisen daraufhin, dass sich jene, die Freiwilligenarbeit leisten, auch häufiger politisch beteiligen.

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Der Monitor unterscheidet zwischen formeller und informeller Freiwilligenarbeit. 41% engagieren sich im Jahresverlauf in der formellen Freiwilligenarbeit. Dazu gehören Engagements in einem der 90’000 Schweizer Vereine und Non-Profit-Organisationen in der Schweiz ebenso wie offizielle Ehrenämter.

51% der Schweizer Bevölkerung leistete im Jahresverlauf informelle Freiwilligenarbeit. Viele davon tun das sporadisch, etwa im Rahmen der Nachbarschaftshilfe oder indem sie Verwandte betreuen. Insgesamt 64% der Bevölkerung, also knapp zwei Drittel, haben sich über ein Jahr hinweg im formellen oder informellen Rahmen – oder auf beide Arten – freiwillig engagiert.

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Reicht es, wenn Freiwilligenarbeit «knapp stabil» bleibt?

Der Freiwilligenmonitor erscheint nur alle fünf Jahre. Entsprechend gespannt habe man die Ergebnisse erwartet – da die Coronapandemie dazwischen lag. Diese habe das Vereinsleben phasenweise stark eingeschränkt, aber gleichzeitig sei, laut Monitor, «eine Welle der Solidarität durch die Schweiz gegangen».

Der Vergleich mit dem letzten Freiwilligenmonitor ist allerdings durch eine angepasste Methodik etwas erschwert. Insgesamt beschreibt der Monitor aber eine ähnliche Situation wie vor fünf Jahren.

Müller von der SGG zeigt sich aber skeptisch, ob das «aus demokratiepolitischer Sicht» zufriedenstellend sei: «Wenn es knapp stabil bleibt, ist das keine gute Nachricht. Es wäre eigentlich schöner, die Freiwilligenarbeit würde zunehmen.» Denn langfristig bröckele sonst der gesellschaftliche Zusammenhalt.

Höheres Grundvertrauen in Politik und Gesellschaft

Tatsächlich zeigt der Freiwilligenmonitor einen starken Zusammenhang zwischen Freiwilligenarbeit und Verbundenheit. Wer sich engagiert, fühlt sich in der Tendenz stärker mit der Nachbarschaft, dem Wohnort und der Schweiz verbunden.

Wer sich freiwillig engagiert, hat ein höheres Grundvertrauen gegenüber seinen Mitmenschen und gegenüber den politischen Institutionen.

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Engagierte haben ein höheres Verständnis für «Kompromisskultur» und fühlen sich politisch weniger ohnmächtig: 55% jener, die formelle Freiwilligenarbeit geleistet haben, lehnen die Aussage ab, dass sie «keine Mitsprachemöglichkeit haben, bei dem was die Regierung macht». Bei jenen, die gar keine Freiwilligenarbeit leisten, finden nur 36% die Aussage unzutreffend.

«Jeder kleinste Beitrag, den man leistet, ist positiv für die Gesellschaft», sagt Müller. Vereinzelung sei nicht im Interesse der Gemeinschaft. Auch, wer ein Fussballtraining leitet, unterstütze den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Der internationale Vergleich der Freiwilligenarbeit hat Schwierigkeiten

Wie der Freiwilligenmonitor hervorhebt, erreichte die Schweiz in der European Values Study von 2017 den zweiten Rang nach Norwegen.

Doch im jüngsten europaweiten Vergleich von 2022 kam die Schweiz auf tiefere Werte: Gemäss der Europäischen Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen leisten nur 25,7% der Menschen in der Schweiz Freiwilligenarbeit.

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Müller möchte dies nicht überbewerten. Unterschiedliche Erhebungen definieren unterschiedliche Tätigkeiten als freiwillig bzw. als Arbeit.

Zudem habe der internationale Vergleich von Freiwilligenarbeit eine grundlegende Schwierigkeit: «In der Schweiz, besonders der Deutschschweiz, überwiegt die Vorstellung, dass die Zivilgesellschaft ihre Probleme selbst löst. In gewissen Ländern hat der Staat eine andere Rolle.»

Wer in der Schweiz freiwillig die Kinder aus der Nachbarschaft hütet, leiste informelle Freiwilligenarbeit. In Ländern wie Frankreich gebe es mehr und erschwinglichere Kinderkrippen, auch für ganz kleine Kinder. «Da braucht man logischerweise weniger Nachbarschaftshilfe. Doch das bedeutet nicht unbedingt, dass der soziale Kitt schwächer ist.»

In der Schweiz stehe man gerade jetzt vor einer grossen politischen Debatte, was Freiwilligenarbeit ist und ob und wie der Staat sie fördern soll, glaubt Müller. Denn im November findet die Volksabstimmung über die Service-Citoyen-Initiative statt. Diese fordert eine zivile oder militärische Dienstpflicht für alle Schweizer:innen. «Ob man dafür ist oder fürchtet, dass der Pflichtdienst das freiwillige Engagement verdrängt: Der Schweizer Bevölkerung steht eine Grundsatzdiskussion bevor: Was will sie unter dem Milizprinzip verstehen – und was ist Freiwilligenarbeit?»

Lesen Sie auch unseren Beitrag zum Milizsystem – ein Leitprinzip des Schweizer politischen Systems:

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Editiert von Reto Gysi von Wartburg

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