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St. Galler Stiftung archiviert KI-Modelle

Keystone-SDA

Von St. Gallen aus soll die Digitalisierung von Schweizer Archiven vorangetrieben werden. Mit diesem Ziel hat die Stiftung "Internet Archive Switzerland" als lokaler Ableger eines der weltweit grössten digitalen Archive ihre Tätigkeit begonnen. Sie setzt sich unter anderem für die Archivierung von KI-Modellen ein.

(Keystone-SDA) Es sind gewaltige Bestände, welche im Internet frei zugänglich sind: Über 90 Millionen digitalisierte Bücher, Dokumente, Fotos, Audio- sowie Videoaufnahmen und Softwareanwendungen stellt die gemeinnützige Organisation «Internet Archive» aus San Francisco auf ihrer Webseite archive.org zur Verfügung. Die dazugehörige «Wayback Machine» archiviert zudem seit mehreren Jahren laufend Internetseiten. Seit kurzem gibt es gemäss einer Mitteilung des Kantons St. Gallen einen Ableger des «Internet Archive» in der Schweiz, die Stiftung «Internet Archive Switzerland» mit Sitz in St. Gallen.

«Wir wollen Schweizer Organisationen, Institutionen oder Unternehmen über die Möglichkeiten aufklären, das Internet Archive als digitales Archiv für ihre Bestände zu nutzen», sagte Roman Griesfelder auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Der ausgebildete Soziologe und Betriebswirtschafter ist der Geschäftsführer der Stiftung «Internet Archive Switzerland». Sie soll Interessierte wie beispielsweise Bibliotheken oder Firmen dazu beraten, wie sie das «Internet Archive» als Plattform für ihr eigenes, öffentlich zugängliches Online-Archiv nutzen können.

Gemäss Griesfelder sind die auf archive.org archivierten Inhalte stark auf den englischsprachigen respektive US-amerikanischen Raum konzentriert. Dank der Arbeit der Stiftung «Internet Archive Switzerland» sollen die bestehenden Bestände von archive.org schrittweise mit spezifischen Schweizer Inhalten ergänzt werden.

«Freier Zugang zu allem Wissen»

Die Stiftung in St. Gallen ist die dritte, rechtlich vom «Internet Archive» in San Francisco unabhängige Organisation. In Vancouver ist bereits das «Internet Archive Canada» und in Amsterdam das «Internet Archive Europe» tätig. Sie alle haben gemäss Griesfelder dasselbe Ziel: «Freier Zugang zu allem Wissen».

«Internet Archive Switzerland» will dabei nicht nur als Wissensvermittler und lokaler Ansprechpartner für Interessierte am «Internet Archive» respektive an archive.org in der Schweiz dienen, sondern auch eigene Projekte umsetzen. In Kooperation mit der «School of Computer Science» an der Universität St. Gallen (HSG) hat die Stiftung bereits damit begonnen, öffentlich zugängliche KI-Modelle (Large Language Models, LLM) zu archivieren.

«Wir wollen später besser verstehen können, wie sich die Large Language Models über die Zeit entwickelt haben», erklärte Roman Griesfelder das Projekt. In einigen Jahren soll es dank der fortlaufend archivierten Versionen der KI-Modelle für Forschende und die Allgemeinheit möglich sein, zu rekonstruieren, welche Entwicklungsstadien die LLM durchlaufen haben.

Weiter kann dereinst erforscht werden, welche Vorurteile in diesen Modellen vorhanden waren oder welche gesellschaftlichen Trends sie abbildeten. Ziel sei es, alle öffentlich verfügbaren und zukünftigen KI-Modelle zu archivieren.

Kriege bedrohen Archive weltweit

Die Ambitionen der Stiftung gehen weiter. Die Schweiz soll nicht weniger als ein digitaler Zufluchtsort für bedrohte Archive werden. Durch Kriege, politische Unruhen, wirtschaftliche Zwänge oder Naturkatastrophen seien Archive weltweit immer stärker bedroht. «Internet Archive Switzerland» plant deshalb gemäss Griesfelder eine sogenannte «Endangered Archives»-Initiative, zu deutsch: eine Initiative für bedrohte Archive.

Die Stiftung stehe bereits in Kontakt mit der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco). Sie möchte klären, wie gefährdete Dokumente bewahrt werden können, indem diese in der Schweiz archiviert werden. Ein Ansatz könnte gemäss Griesfelder sein, diese Archive auf Servern in der Schweiz zu sichern. Details zur Initiative sollen an einer Unesco-Konferenz in Paris im November besprochen werden.

Bewusst auf St. Gallen gesetzt

Die Stiftung «Internet Archive Switzerland» habe St. Gallen bewusst als Standort ausgewählt, so Griesfelder. Die Stadt verfüge über eine sehr lange Archivtradition und besitze ein grosses Know-how bei der Informationssicherung. «Das Stiftsarchiv St. Gallen archiviert seit mehreren hundert Jahren Dokumente und hat eine sehr hohe Qualität.»

Eine konkrete Zusammenarbeit zwischen dem Stiftsarchiv und dem «Internet Archive Switzerland» gebe es derzeit zwar noch nicht. Griesfelder zeigt sich aber überzeugt davon, dass die beiden Organisationen vom jeweiligen Wissen profitieren können.

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