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Staudämme zwischen Furcht und Hoffnung

Der höchste Staudamm der Schweiz: Grande Dixence im Wallis.

(Keystone)

Die Befürchungen bezüglich Klimawechsel und Post-Fukushima versetzen einer Schweizer Spezialität neue Impulse: Der Hydroenergie oder Wasserkraft.

Rund 900 Staudamm-Experten haben sich letzte Woche in Luzern zum jährlichen Anlass der Internationalen Kommission für grosse Talsperren (ICOLD) getroffen, um Meinungen auszutauschen und zu sehen, was die Schweiz in diesem Bereich vorzuweisen hat.

Die Schweiz kennt eine lange Tradition im Dammbau: Der älteste, immer noch funktionierende Damm ist der Wenigerweiher im östlichen Teil des Kantons St. Gallen. Gebaut wurde er 1822. Heute gilt die Schweiz als Land mit der weltweit höchsten Staudamm-Dichte.

Die Glanzzeiten des Schweizer Dammbaus waren die 1960er- und 1970er-Jahre. Die Erfahrungen, die damals gewonnen wurden, sind auch anderswo genutzt worden. Das "Damm Engineering" sei zum Schweizer "Exportgut" geworden, sagt Walter Steinmann, Chef des Bundesamts für Energie.

Fast 60% des schweizerischen Stroms werden mit Wasserkraft produziert. Nachdem sich die Regierung kürzlich für den Ausstieg aus der Nuklearenergie entschieden hat, liegt es auf der Hand, sich vermehrt der bestehenden Wasserkraft zuzuwenden.

"Im letzten Jahrzehnt hatten wir kleinere Hydroenergie-Projekte", sagt Steinmann gegenüber swissinfo.ch. "Jetzt denken wir, dass künftig wieder grössere Neu-Projekte anstehen."

Beziehe man die laufenden Pläne für vier oder fünf Pumpkraftwerke mit ein, könnte die Schweiz "zur Batterie für die Stromproduktion Europas werden".

Neue Möglichkeiten, neue Herausforderungen

Dass die Wasserkraft jetzt wieder zur Option wird, hat nicht nur mit der jüngsten Zunahme der Befürchtungen rund um die Atomkraft zu tun. Auch der Klimawandel hat einen dramatischen Einfluss auf die Alpen: Mit der Gletscherschmelze bilden sich neue Seen. Diese werden gleichzeitig als neue Möglichkeiten, aber auch als Gefahr erachtet.

Werden die neu entstandenen Seen gestaut und ins bestehende Hydroenergie-System integriert, ergäbe sich ein Zuwachs in der schweizerischen Stromproduktion – ein unerwarteter Bonus, wie es der Präsident der Christlichdemokraten, Christophe Darbellay, gegenüber der Sonntagszeitung nannte: "Wasserkraft hat ein viel grösseres Potenzial als bisher angenommen wurde."

Doch werden diese Seen wegen dem Klimawandel auch eine Gefahr darstellen. Felsstürze und Erdrutsche werden wohl zunehmen, wenn es wärmer wird, nicht zuletzt, weil der heute noch bestehende Permafrost, der die Oberflächen zusammenhält, ebenfalls schmilzt.

Dies könnte zu Tsunami-ähnlichen Wasserwellen führen. Die Staudämme müssten also hoch genug sein, um zu verhindern, dass solche Wellen überlaufen.

Weitere grosse Bedenken, die in den letzten 20 Jahren aufgekommen sind, betreffen die zunehmenden Ablagerungen von Sedimenten auf dem Stauseegrund, hervorgerufen durch Erosion.

Gemäss Professor Anton Schleiss, Präsident des Schweizerischen Talsperrenkomitees, bedroht dies den Wasserabfluss aus den Seen. Und andererseits werden durch das abschleifend wirkende Sediment-Material die Turbinen angegriffen. Der Effekt sei schleifpapier-ähnlich.

Dies geschah beim zweitgrössten Schweizer Staudamm Mauvoisin im südlichen Teil des Wallis. In der Folge mussten die Tunnelröhren, durch die das Wasser fliesst, angehoben werden.

Staudämme "Swiss Made"

Schleiss versichert gegenüber swissinfo.ch, dass die Fundamente der Schweizer Staudämme so fest seien, dass sie so lange halten werden wie die ägyptischen Pyramiden. Er benutzt gerne den Ausdruck "nützliche Pyramiden". Am Ende werden sie mit Sediment gefüllt sein, und immer noch halten.

Eines der besten Schweizer Verkaufsargumente betrifft die Sicherheits-Expertise: Die Staudämme werden ständig überwacht, Experten begeben sich wöchentlich selbst zum Damm und prüfen ihn von Auge. Ein Bericht zu Handen des Bundesamts wird jährlich verfasst, und alle fünf Jahre steht ein Gross-Check an.

Die Vorschriften bezüglich der Erdbeben-Sicherheit sind kürzlich verschärft worden. Und wo es nötig ist, gibt es bauliche Anpassungen. "Dammbau ist nicht Gebäudebau, wo einfach der Architekt einigermassen kompetent sein muss", sagt Schleiss. "Beim Talsperrenkomitee sind wir es, die Kompetenzpioniere sein müssen. Ein Ingenieur kann nicht sagen, er habe etwas nicht wissen können."

Letzten Mittwoch haben China und die Schweiz eine Übereinkommens-Erklärung unterzeichnet, was den Erfahrungsaustausch beim Dammbau betrifft.

Betroffene Bevölkerung

Nicht alle sind glücklich darüber, wenn in der Nachbarschaft grosse Staudämme entstehen. Oft zieht der Bau eines Stausees die Umsiedlung von lokal Ansässigen nach sich.

"Wir in der Schweiz wissen, dass alle Betroffenen miteinbezogen werden müssen, wenn ein Projekt Erfolg haben soll", sagt Schleiss. "Deshalb musst schon ganz von Beginn weg mit der lokalen Bevölkerung verhandelt werden." Auch diese Erfahrung wird von China geschätzt, sagt ICOLD-Präsident Jia Jinsheng, gegenüber swissinfo.ch.

"Heutzutage sind gesellschaftliche Thema so wichtig, weil derart viele Leute betroffen sind", so Jinsheng. "Wir möchten verstehen, wie die entwickelten Länder dies gelöst haben, um vorwärts zu kommen."

Auch ICOLD-Vizepräsident Imo Ekpo vom nigerianischen Wasserkraft-Ministerium stimmt überein, dass die Prozeduren und Vorgehensweisen, die in Luzern diskutiert werden, für sein Land von Nutzen sind. "Wir müssen uns auf die Leute zubewegen, wenn wir sie überzeugen wollen."

Von anderen lernen

Während die Schweiz über die Jahre ein breites Wissen aufgebaut hat, kann das Land aber auch von anderen lernen. Japan kann beispielsweise Informationen zum Verhalten von Staudämmen bei Erdbeben liefern, China hat Probleme mit der Ablagerung von Sedimenten, was auch in der Schweiz immer mehr zum Thema wird.

Zwar mag es erstaunen, aber auch CO2-Emissionen aus Stauseen sind ein Problem: Während sich in der Schweiz die meisten Stauseen in den Alpen befinden und daher kein CO2 ausstossen, können grosse bewachsene Gebiete, die überflutet werden, zu einem echten Problem werden.

Und während die Schweizer Experten wissen, wie sich Beton unter kalten Bedingungen verhält, können sie von anderen lernen, welche Eigenschaften er in warmem Klima hat.

Weil viele Schweizer Ingenieurbüros Aufträge im Ausland ausführen, müssen sie auch über die dortigen Bedingungen im Bild sein. Und der Lernprozess hört bekanntlich nie auf: "Jeder Damm ist ein neuer Prototyp", sagt Schleiss.

Schweizer Staudämme

Die Nutzung von Wasserkraft in der Schweiz blickt auf eine lange Tradition zurück, sei es mit Staudämmen oder Flusskraftwerken.

Die Schweiz verfügt über die höchste Dichte an Talsperren: Rund 5 pro 1000 km2.

Die Wasserkraft hat derzeit einen Anteil von 56% an der gesamten Energieproduktion.

Die meisten Staudämme in den Bergen wurden gebaut, um im Sommer Wasser zu speichern, aus dem im Winter Strom hergestellt wird, wenn die Nachfrage am grössten ist.

Der grösste Staudamm der Schweiz ist die Grande Dixence im Kanton Wallis. Der 1961 fertiggestellte Bau hat eine Höhe von 285 Metern und speichert bis zu 401 Millionen m3 Wasser.

Die meisten Speicherseen befinden sich im Süden der Schweiz in den Kantonen Wallis, Tessin und Graubünden.

Trotz hohen Sicherheitsstandards mit ständiger Überwachung ist es zu einigen Problemen gekommen: Einige der älteren Talsperren aus Beton beginnen sich wegen der zur Bauzeit noch unbekannten Reaktion des Betons auf Wasser zu verformen. Ein Damm musste neu erbaut werden, bei zwei weiteren mussten strukturelle Veränderungen vorgenommen werden.

Auch Strassen- oder Bahntunnels in der Nähe von Staudämmen können zu Problemen führen: So werden gegenwärtig drei Dämme in der Nähe des sich im Bau befindenden Gotthard-Basistunnels sehr genau beobachtet.

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Icold

Die internationale Kommission für grosse Staudämme (International Commission on Large Dams, ICOLD) ist eine internationale Nichtregierungs-Organisation, die sich für den sicheren Bau von Staudämmen einsetzt.

Die Organisation wurde 1928 gegründet und hat nationale Komitees aus 92 Ländern mit rund 10'000 Mitgliedern.

Ehemals zum Austausch von Wissen und Erfahrung im Dammbau geschaffen, beschäftigt sich die Kommission heute auch mit Kostenstudien, der Nutzung von Flüssen durch mehrere Länder, der Öffentlichkeitsarbeit und der Finanzierung von Staudämmen.

Auch Sicherheit und Überwachung sowie die Analyse des Alters von Dämmen und von Umwelteinflüssen gehören heute zum Kerngeschäft.

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(Übertragen aus dem Englischen: Alexander Künzle), swissinfo.ch

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