
Digitale Baukunst schafft einen Weltrekord in den Schweizer Alpen

Mit einem knappen Jahr Verspätung wurde Ende Mai im Bündner Dorf Mulegns am Julierpass ein ganz besonderes Gebäude enthüllt: «Tor Alva», der Weisse Turm. Aussergewöhnlich macht ihn die Tatsache, dass er mit 30 Metern das höchste je in 3D-Druck erstellte Gebäude der Welt ist.
Schwupp, und das Bauwerk war enthüllt. Nicht wie üblich fiel die Hülle nach unten – nein, ein Helikopter zog den silbernen Umhang nach oben weg und flog damit davon.
So erblickte das höchste je gedruckte Gebäude der WeltExterner Link, der Weisse Turms von Mulegns, offiziell das Licht der Welt.
Für die Säulen des Turms hatte ein Industrieroboter der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich Schicht für Schicht Beton aufgetragen.

Das Prinzip ist revolutionär: Durch den Druck einer Betonstruktur kann im Vergleich zur herkömmlichen Betonbauweise die Hälfte des Materials eingespart werden.
Eine drei Meter hohe Säule kann so in zwei Stunden fertig gedruckt werden, inklusive Stahlverstärkung. Und es braucht dafür keine Schalungselemente.
Über 4000 Schichten trugen die Roboter auf für die 32 individuell gestalteten Säulen mit einer inwendigen Wabenstruktur, aus denen «Tor Alva»Externer Link besteht.

Nicht von ungefähr erinnert die Form des Turms an aufwendig gestaltete Torten, waren doch viele Bündnerinnen und Bündner in früheren Jahrhunderten in alle Welt ausgewandert und dort dank ihrer Zuckerbäcker-Kunst zum Teil steinreich geworden.
Dieses Video bietet einen guten Überblick über das Projekt (Engl.):
Einige Hindernisse
Eigentlich war die Eröffnung des Weissen Turms für Ende Juni 2024 geplant. Doch bis Bundesrat Guy Parmelin die begehbare Struktur schliesslich einweihen konnte, hatten die Erbauer einige Hürden zu bewältigen.
Am Anfang habe man den Eindruck gehabt, «man druckt diese Säulen aus, stellt sie aufeinander und das war’s», zitierte SRF News Giovanni NetzerExterner Link, den Intendanten und Gründer der Kulturstiftung Origen.
Diese Stiftung hat den Bau initiiert. Origen ist in der ganzen Schweiz bekannt als Förderin von Kultur und zeitgenössischer Baukultur und setzt sich für den Erhalt historischer Substanz ein.

Laut eigener Beschreibung ist die Nova Fundaziun Origen eine Kulturinstitution in den Bergen. Sie «fördert ein umfassendes Bühnenschaffen, erhält und belebt historische Baudenkmäler, investiert in eine mutige zeitgenössische Architektur, fördert das originäre Kunsthandwerk und engagiert sich für eine qualitätvolle Hotellerie».
Im Jahr 2018 wurde der Stiftung der Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes verliehenExterner Link. Erstmals ging dieser Preis damals nicht an eine Gemeinde, sondern an eine Stiftung. Deren Engagement zeige, welche wirtschaftlichen Potenziale jenseits des Massentourismus im Berggebiet auf ihre Aktivierung warten würden.
Die Stiftung hat in Mulegns die Gebäude des «Post Hotel Löwe» sowie die «Weisse Villa» der Zuckerbäcker-Familie Jegher erworben und will diese so vor dem sich abzeichnenden Zerfall retten. Dabei wurde die Villa um einige Meter verschobenExterner Link, womit die Passstrasse im Dorf etwas mehr Platz erhielt.
Auf dem Julierpass standen während einigen Jahren ein roter und ein gelber Holzturm, welche die Stiftung für das Origen Festival Cultural aufgestellt und genutzt hatte.
Doch beim Weissen Turm waren die Hürden viel höher. Veränderungen in den eingesetzten Technologien führten während der sieben Jahre der Entwicklung, des Drucks und des Aufbaus zu diversen Verzögerungen.
Die Reaktion des Materials auf das alpine Klima machte zusätzliche Anpassungen nötig. Das Bergdorf Mulegns, wo der Weisse Turm nun steht, liegt auf 1480 Metern über Meer, nicht weit unterhalb des Marmorera-Stausees, für den in den 1950er-Jahren das Dorf Marmorera in den Fluten versenkt wurde.

Das Dorf wiederbeleben
Aus diesen Gründen stiegen die Kosten des Turms schliesslich von 4,1 auf 4,4 Millionen Franken. Er wurde durch Beiträge und Spenden finanziert. Gemäss Watson ist die Stiftung allerdings immer noch auf der Suche nach einer halben Million FrankenExterner Link.
Laut eigenen Angaben will die Stiftung «Tor Alva» als immersiven Aufführungsort nutzen. Im oberen Kuppelsaal des Weissen Turms können kulturelle Veranstaltungen mit bis zu 45 Personen durchgeführt werden.
Origen erhofft sich aber auch eine Wiederbelebung des Dorfs mit seinen gegenwärtig zwölf Einwohnerinnen und Einwohnern. Sei es durch Kulturveranstaltungen oder Architekturfans, die wohl vermehrt den Weg über den Julierpass einschlagen werden.
Allerdings: Wer auf den Turm hochsteigen will, bezahlt 100 Franken Eintritt. Etwas relativiert sich dieser Preis, wenn man bedenkt, dass auch ein Retour-ÖV-Ticket von einer Station im Kanton Graubünden inbegriffen ist.

Internationale Ausstrahlung
Das Bauwerk hat auch international für Aufsehen gesorgt. Zahlreiche renommierte Medien aus verschiedenen Ländern berichteten über den Turm, unter anderen die Zeitschrift ForbesExterner Link. Der Artikel hob die Kombination aus modernster 3D-Drucktechnologie und kultureller Bedeutung des Turms hervor.
Von einer Neudefinition der Grenzen der Architektur sprach die deutsche Initiative BaukunstExterner Link. «Der Weisse Turm verkörpert eine neue Ästhetik, die durch digitale Fabrikation ermöglicht wird.» Die filigrane Formensprache akzentuiere das Zusammenspiel von Licht und Schatten.

Für weitere Anziehungskraft in Mulegns sollte ein zusätzliches Projekt der Stiftung Origen sorgen: In Zusammenarbeit mit der ETH Zürich und Partnerinnen und Partnern aus Industrie und Gewerbe will die Stiftung im Ort künftig ein Kompetenzzentrum für digitale Bautechnologien realisieren.
Es soll Interessierten von innerhalb und ausserhalb der Baubranche ein vertieftes Wissen über die Prozesse des digitalen Bauens vermitteln. Das Projekt ist gegenwärtig in der KonzeptionsphaseExterner Link, wie die Stiftung auf Anfrage schreibt.

Nur auf Zeit
Beim Weissen Turm gibt es allerdings einen Wermutstropfen: Er steht nur für fünf Jahre in Mulegns. Die Baugesetzgebung der Gemeinde sieht solche Gebäude nicht vor, weshalb die Stiftung Origen den Turm bewusst als temporäre Kunstinstallation eingegeben habe, wie die Südostschweiz berichtetExterner Link.
Ob dies ökologisch sinnvoll sei, fragte eine Grossrätin die Bündner Regierung. Regierungspräsident Marcus Caduff antwortete laut der Zeitung, das hänge hauptsächlich davon ab, was mit dem Turm nach dem Abbau geschehe. Zumindest beabsichtige die Bauherrin eine Nachnutzung und die verwendeten Materialien seien kreislauffähig, hiess es.
«Positive ökologische Auswirkungen sind denkbar, wenn sich die innovativen Betondrucktechniken, die material- und ressourcenschonender sind, durch das Projekt rascher verbreiten», zitierte die Zeitung Caduff.
Editiert von Balz Rigendinger
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