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Klimawandel

Warum die Gletscherschmelze uns alle betrifft

Die Gletscher in den Alpen könnten bis Ende des Jahrhunderts ganz verschwunden sein. Die Folgen werden nicht nur in den Berggebieten der Schweiz, sondern in ganz Europa spürbar werden.

Dieser Inhalt wurde am 05. Oktober 2022 - 11:30 publiziert
Corinna Staffe (Illustration)

Die Gletscher schmelzen. Das allein ist eigentlich keine Neuigkeit: Seit 1850 hat sich das Volumen der Gletscher um zirka 60 Prozent verringert. Überraschend hingegen ist die Geschwindigkeit, mit welcher diese "Giganten aus Eis" immer kleiner werden. Und schon in wenigen Jahrzehnten zu verschwinden drohen.

"Der Gletscherrückgang beschleunigt sich", sagt Daniel Farinotti, Glaziologe an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH). Er ist Mitglied des Steuerungsausschusses von "GLAMOS", dem Schweizer Gletschermessnetz.

Eine diesen Sommer veröffentlichte StudieExterner Link kommt zum Schluss, dass die Schweizer Gletscher zwischen 1931 und 2016 die Hälfte ihres Volumens verloren haben und zwischen 2016 und 2021 weitere 12%.

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Im hydrologischen Jahr 2021-2022 erreichen die Gletschermassenverluste "Rekordwerte", wie "GLAMOS" mitteilte. Die Schweizer Gletscher verloren in diesem Zeitraum mehr als 6 Prozent ihres Volumens, und die Schmelzraten haben die bisherigen Rekorde der "Hundstage" von 2003 weit übertroffen.

Für dieses starke Gletscherschwund-Jahr gibt es im Wesentlichen drei Gründe: Erstens die geringen Schneefälle im Winter und Frühjahr. Zweitens der Sand aus der Sahara-Wüste zwischen März und Mai, der sich auf Eis und Schnee absetzte und den Albedo-Effekt (das Rückstrahlvermögen) verringerte. Drittens die aussergewöhnliche Hitzewelle im Sommer mit Rekordtemperaturen selbst in grossen Höhen.

Der Sommer 2022 war der zweitwärmste in der Schweiz seit Beginn der Messungen im Jahr 1864. "Das hydrologische Jahr 2022 wird für die Schweizer Gletscher als das schlechteste in die Geschichte eingehen", sagt Farinotti.

Infolge der Rekordtemperaturen in den Alpen wurden Gegenstände, menschliche Überreste und das Wrack eines Flugzeugs gefunden, das seit mehr als 50 Jahren im Eis eingeschlossen war. Solche Entdeckungen würden in den kommenden Jahren noch zunehmen, sagt der Schneewissenschaftler Robert Bolognesi.

(Nahezu) alle Gletscher gefährdet

Seit dem vorindustriellen Zeitalter ist die Temperatur in der Schweiz um fast 2 Grad gestiegen, das entspricht dem Doppelten des weltweiten Durchschnitts. Sollte es in diesem Rhythmus weiter gehen, wird die Hälfte der 1500 Alpengletscher, inklusive dem als Unesco-Welterbe anerkannten Aletsch, innerhalb der nächsten 30 Jahre verschwinden.

Und wenn nichts unternommen wird, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, laufen laut Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern alle Gletscher in der Schweiz und in Europa Gefahr, bis zum Ende des Jahrhunderts fast vollständig verschwunden zu sein.

Die Gletscher ziehen sich nicht nur in den Alpen zurück. Fast alle Gletscher der Welt werden dünner und verlieren immer schneller an Masse. Besonders alarmierend ist das Abschmelzen im Himalaya und in den Anden, wo die Existenz von Hunderten Millionen Menschen von den Gletschern abhängt.

Es gibt aber auch Ausnahmen. Einige Gletscher in Zentralasien scheinen von der globalen Erwärmung nicht betroffen zu sein. Ihre Fläche ist stabil geblieben oder hat sogar zugenommen, anstatt zu schrumpfen. Ein Schweizer Projekt will die Gründe für diese Anomalie untersuchen.

Die Folgen einer Welt ohne Gletscher

Wird sich der Rückgang der Gletscher negativ auf unsere Zukunft auswirken? Eine verlässliche Antwort auf diese Frage ist schwierig. In der Erdgeschichte gab es das Phänomen der Gletscherschmelze immer wieder, aber über viel längere Zeiträume. Sicher ist: Die jüngste Entwicklung zwingt uns, uns auf neue Szenarien vorzubereiten.

In der Schweiz bedeutet die Gletscherschmelze ein erhöhtes Risiko von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Murgängen und Erdrutschen. Die Seen, die sich im Inneren eines Gletschers bilden, können sich plötzlich ins Tal ergiessen und dabei Dörfer und Infrastrukturen zerstören. Und je dünner das Eis und die Permafrostschicht werden, desto instabiler werden die Berge insgesamt.

In der Schweiz werden jene Gletscher, die als gefährlich eingestuft werden, ständig überwacht. Neben Helikopterüberflügen und Feldinspektionen setzen die Forschenden die neuste Technologie ein: Hochauflösende Kameras, Radar, akustische Sensoren, Eisvibrationsdetektoren und Satellitenbilder ermöglichen es, jede noch so kleine Bewegung zu erfassen.

Mit dem Abschmelzen der Gletscher verliert die Schweiz eine wichtige Wasserreserve, die gemäss Schätzungen den Trinkwasserverbrauch der Schweizer Bevölkerung für 60 Jahre sicherstellen könnte. Die Schweiz wird weiterhin über genügend Wasser verfügen, selbst wenn die Bevölkerung von heute 8,5 Millionen auf 10 Millionen im Jahr 2050 wächst. Es werde jedoch notwendig sein, die Niederschläge, die immer seltener in Form von Schnee erfolgen werden, anders zu bewirtschaften, um Verteilkämpfe um Wasser zu vermeiden.

Dies sagt Paolo Burlando, Professor für Hydrologie und Wassermanagement an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ). Die Schaffung neuer Mehrzweckspeicher in den Bergen, in Gebieten, welche die Gletscher freigeben, könnte neue Möglichkeiten für die Stromproduktion aus Wasserkraft und die Landwirtschaft bieten.

Gemäss einem von der ETH und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) erstellten SzenarioExterner Link könnten durch das vollständige Abschmelzen der Gletscher 683 neue Seen in den Alpen entstehen.

Problematischer könnte die Situation in Europa sein, in Regionen, die Hunderte von Kilometern von den Schweizer Alpen entfernt sind. Aufgrund des geringeren Beitrags von Schneeschmelze und Gletschern könnten die Abflussmengen der grossen europäischen Flüsse - Rhone, Rhein, Donau und Po - im Sommer deutlich zurückgehen.

Ein Absinken der Pegel von Flüssen und Seen wird die Schifffahrt und den Transport von Gütern in und aus der Schweiz erschweren.

Die Gletscher haben die Schweiz weltweit bekannt gemacht. Um dieses Erbe von nationaler Bedeutung zu bewahren, hat sich die Wissenschaft in einen Wettlauf gegen die Zeit begeben.

Auf dem Morteratsch-Gletscher in Graubünden wurde ein Projekt zum Schutz des Gletschers mit Kunstschnee gestartet, ein System, das im Erfolgsfall auch im Himalaya und in den Anden eingesetzt werden kann.

Um das Abschmelzen des Eises zu verlangsamen, werden in den Alpen zunehmend Geotextilien eingesetzt. Sie werden über den Gletscher verteilt, reflektieren das Sonnenlicht und tragen dazu bei, den Schnee und das Eis darunter zu erhalten.

Obwohl sie lokal wirksam und rentabel sein können, ist eine grossflächige Anwendung weder machbar noch kosteneffizient, so eine 2021 veröffentlichte Schweizer Studie.

Aber die Wissenschaft kann gar nichts machen, wenn die Treibhausgasemissionen weiter steigen. In der Schweiz verlagert sich der Kampf zum Schutz der Gletscher von den Bergen in die Politik und an die Wahlurnen.

In der Herbstsession 2022 hat das Parlament den Gegenvorschlag zur Volksinitiative "Für ein gesundes Klima (Gletscher-Initiative)" angenommen. Dieser sieht Massnahmen zur Erreichung einer Netto-Emissionsbilanz von Null bis 2050 vor.

Die Initiative wurde inzwischen zugunsten des Gegenvorschlags zurückgezogen. Doch das Referendum gegen die Gesetzesänderungen des Gegenvorschlags wurde bereits lanciert.

Einen Blick in die Schweizer Bergwelt geben Ihnen die folgenden Bildstrecken der letzten zehn Jahren:

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