Klimawandel

Warum die Gletscherschmelze uns alle betrifft

Die Gletscher in den Alpen könnten bis Ende des Jahrhunderts ganz verschwunden sein. Die Folgen werden nicht nur in den Berggebieten der Schweiz, sondern in ganz Europa spürbar werden.

Dieser Inhalt wurde am 12. März 2020 - 14:16 publiziert
Corinna Staffe (Illustration)

Die Gletscher schmelzen. Und das allein ist eigentlich keine Neuigkeit: Seit 1850 hat sich das Volumen der Gletscher um zirka 60 Prozent verringert. Überraschend hingegen ist die Geschwindigkeit, mit welcher diese "Giganten aus Eis" immer kleiner werden. Und schon in wenigen Jahrzehnten zu verschwinden drohen.

Gemäss der Schweizerischen Akademie für Naturwissenschaften hat der Massenverlust der Gletscher im Jahr 2019 ein Rekordniveau erreicht. In nur zwei Sommermonaten gingen 800 Millionen Tonnen Gletscher und Schnee buchstäblich den Bach runter. Das entspricht ungefähr einem Eiswürfel von fast einem Kilometer Seitenlänge, wie Matthias Huss, Leiter des Schweizer Gletschermesswerks Glamos, festhält.

Seit dem vorindustriellen Zeitalter ist die Temperatur in der Schweiz um fast 2 Grad gestiegen, das entspricht dem Doppelten des weltweiten Durchschnitts. Sollte es in diesem Rhythmus weiter gehen, wird die Hälfte der 1500 Alpengletscher, inklusive dem als Unesco-Welterbe anerkannten Aletsch, innerhalb der nächsten 30 Jahre verschwinden.

Und wenn nichts unternommen wird, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, laufen laut Wissenschaftlern alle Gletscher in der Schweiz und in Europa Gefahr, bis zum Ende des Jahrhunderts fast vollständig verschwunden zu sein.

Seit dem Jahr 1864 ist die mittlere Temperatur in der Schweiz um 1,9 Grad gestiegen.

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Wird sich der Rückgang der Gletscher negativ auf unsere Zukunft auswirken? Eine verlässliche Antwort auf diese Frage ist schwierig. In der Erdgeschichte gab es das Phänomen der Gletscherschmelze immer wieder, aber über viel längere Zeiträume. Sicher ist: Die jüngste Entwicklung zwingt uns, uns auf neue Szenarien vorzubereiten.

In der Schweiz bedeutet die Gletscherschmelze ein erhöhtes Risiko von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Murgängen und Erdrutschen. Die Seen, die sich im Inneren eines Gletschers bilden, können sich plötzlich ins Tal ergiessen und dabei Dörfer und Infrastrukturen zerstören. Und je dünner das Eis und die Permafrostschicht werden, desto instabiler werden die Berge insgesamt. Regelmässig gehen Bilder vom Abrutschen ganzer Alpenhänge um die Welt.

Mit dem Abschmelzen der Gletscher verliert die Schweiz eine wichtige Wasserreserve, die gemäss Schätzungen den Trinkwasserverbrauch der Schweizer Bevölkerung für 60 Jahre sicherstellen könnte. Die Schweiz wird weiterhin über genügend Wasser verfügen, selbst wenn die Bevölkerung von heute 8,5 Millionen auf 10 Millionen im Jahr 2050 wächst. Es werde jedoch notwendig sein, die Niederschläge, die immer seltener in Form von Schnee erfolgen werden, anders zu bewirtschaften, um Verteilkämpfe um Wasser zu vermeiden.

Dies sagt Paolo Burlando, Professor für Hydrologie und Wassermanagement an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ). Die Schaffung neuer Mehrzweckspeicher in den Bergen, in Gebieten, welche die Gletscher freigeben, könnte neue Möglichkeiten für die Stromproduktion aus Wasserkraft und die Landwirtschaft bieten.

Problematischer könnte die Situation in Europa sein, in Regionen, die Hunderte von Kilometern von den Schweizer Alpen entfernt sind. Aufgrund des geringeren Beitrags von Schneeschmelze und Gletschern könnten die Abflussmengen der grossen europäischen Flüsse - Rhone, Rhein, Donau und Po - im Sommer deutlich zurückgehen.

Ein Absinken der Pegel von Flüssen und Seen wird die Schifffahrt und den Transport von Gütern in und aus der Schweiz erschweren.

Die Gletscher haben die Schweiz weltweit bekannt gemacht. Um dieses Erbe von nationaler Bedeutung zu bewahren, haben sich Wissenschaftler in einen Wettlauf gegen die Zeit begeben. Auf dem Morteratsch-Gletscher in Graubünden wurde ein Projekt zum Schutz des Gletschers mit Kunstschnee gestartet, ein System, das im Erfolgsfall auch im Himalaya und in den Anden eingesetzt werden kann.

Aber die Wissenschaft kann gar nichts erreichen, wenn die Treibhausgasemissionen weiter steigen. In der Schweiz verlagert sich der Kampf zum Schutz der Gletscher von den Bergen in die Politik und an die Wahlurnen. Bald wird das Schweizer Volk über die so genannte Gletscherinitiative abstimmen, die fordert, die Netto-Emissionen in der Schweiz bis 2050 auf null zu reduzieren.

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