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Schweiz als Drehscheibe für Masken-Deals

Mitarbeiter verarbeiten die Schutzmasken, die chirurgischen OP-Masken Typ II R, bei dem Verbandsstoffhersteller Wernli AG in Rothrist, aufgenommen am Dienstag, 28. April 2020. Keystone / Ennio Leanza

Dank Corona verdienen Vermittler Millionen mit Schutzmaterialien. Die Schweiz ist eine Drehscheibe im globalen Maskengeschäft geworden. Experten warnen vor einem Reputations- und Geldwäschereirisiko.

Dieser Inhalt wurde am 11. Januar 2021 - 18:00 publiziert
Laurina Waltersperger, NZZ am Sonntag

Corona macht ihn reich. Der Schweizer Geschäftsmann Jan Küng hat in den letzten Monaten mit Schutzmate­rialien Millionen verdient, ohne die Masken und Handschuhe auch nur gesehen zu haben. Wie er das macht? Küng verfügt über einen Vorteil, den seine Geschäftspartner aus China oder dem Nahen Osten nicht haben: Er besitzt ein Schweizer Bankkonto. Über dieses verschiebt er Millionen – von ­Zwischenhändler zu Zwischenhändler, die er zuvor via Whatsapp-Chat kennengelernt hat.

Küng gewährt der "NZZ am Sonntag" Einblick in ein bisher verborgen gebliebenes Milliardengeschäft mit der Corona-Pandemie – den Handel mit dringend benötigten Schutzmaterialien. Sein Beispiel zeigt, wie die Schweiz als Drehscheibe für weltweite Deals mit Corona-Material dient.

Jan Küng, Mitte vierzig, heisst eigentlich anders. Er ist nur bereit, Auskunft zu geben, wenn er in der Öffentlichkeit anonym bleiben kann. Als Unternehmer und Investor ist er immer dort, wo es Opportunitäten gibt. Damit hat er auch schon viel Geld verloren. Doch nun gewinnt er. Er mache nur, was legal sei, sagt er.

10 bis 20 Prozent Kommission

Der international vernetzte Geschäftsmann war vor Corona in der Finanzbranche tätig, er sei über Bekannte in dieses neue Feld reingerutscht. Als im Frühling während der ersten Welle die Schutzmaterialien knapp wurden, hätten sich auf Whatsapp Gruppen formiert, um für chinesische Ware im Wert hoher Millionenbeträge europäische Käufer zu finden. Wer Abnehmer fand, kassierte dafür Kommissionen. So verdiente Küng seine ersten Millionen mit Masken.

Mittlerweile hat er ein lukrativeres Geschäftsmodell entdeckt: jenes als Kommissionsabwickler. Seine Aufgabe besteht nur noch darin, Geld von Käufern entgegenzunehmen und unter den Vermittlern eines Deals aufzuteilen. Das funktioniert so: Ein Akteur will zum Beispiel eine Milliarde Masken verkaufen. Genauer gesagt, ist dieser Akteur meistens nur im Besitz von Optionen auf Produktionseinheiten, mit denen über eine bestimmte Zeitspanne eine Milliarde Masken hergestellt werden kann. Ein Netzwerk von Vermittlern sucht nach Käufern.

Im Kaufvertrag wird festgelegt, wie viel Kommissionen an die Vermittler fliessen – oft sind es zwischen 10 und 20 Prozent der Kaufsumme. Die Grössenordnung spiele sich meistens im Milliardenbereich ab, sagt Küng. Der NZZaS liegen Vertragsunterlagen zu einer Transaktion über zwölf Milliarden Dollar vor. Küng hat daran fünf Millionen Dollar verdient – bloss weil er einen Teil der Kommissionen an die Vermittler ausbezahlt hat. Kommissions­vermittler wie er kriegen zwischen einem und zwei Prozent der Vermittlungsprämien.

Wie kann es sein, dass Leute wie Jan Küng für wenige Telefongespräche und Klicks Millionen einstreichen, obwohl es sich bei Masken und Handschuhen um derzeit lebensnotwendige Güter handelt, die normalerweise für wenige Rappen das Stück verkauft werden? Bettina Borisch, Professorin für öffentliche Gesundheit an der Universität Genf, ordnet ein: "In einer solchen Krisenlage gibt es immer Kriegsgewinnler, die die Notlage zu ihrem Vorteil ausnutzen." Das sei gerade in einer Pandemie schwierig. Die preistreibenden Tendenzen seien besorgniserregend.

Hedge-Funds steigen ein

Besonders während der ersten Pandemiewelle im Frühling stiegen die Preise für die knappen Schutzmaterialien extrem an. Hohe Millionenbeträge mussten oft über Nacht be­reitgestellt werden, wobei Regierungen nicht direkt Geld bereitstellen können. Das hat finanzstarke Investoren auf den Plan gerufen. Dazu zählten Hedge-Funds, Financiers und Investmentgesellschaften. In Chats auf Whatsapp fand man sich.

In Auszügen aus dem Frühjahr, die der NZZaS vorliegen, schreibt ein Akteur mit marokkanischer Nummer, er suche im Namen der israelischen Regierung nach Schutzmasken. Ein deutscher Broker antwortet: "Hi. 1 Mrd. Masken für 2.42 plus Fracht. Kann überallhin liefern." Ein an­deres Mal bietet der gleiche Broker einem Anwalt 20 Millionen Masken aus einem Privatbestand in Portugal. "Wann haben Sie Zeit für einen Conference-Call?", fragt er. Viele treffen sich in den Chats zum ersten Mal. Sind die Rahmenbedingungen geklärt, folgen Smileys, gehen Daumen hoch.

Auf diese Weise werden seit Beginn der Pandemie weltweit Milliarden von Masken und Handschuhen verschoben. Der Beschaffungsdruck war oft so hoch, dass die Behörden nicht immer so genau hinschauten. In der Schweiz zahlte die Armeeapotheke im Frühling zwei Schweizer Jungunternehmern gut 8 Millionen Franken für knapp 900000 FFP2-Masken, das ist etwa dreimal mehr als sonst. In Grossbritannien schaffte die Regierung in der Krise eine "VIP-Lane", um in verkürzten Verfahren, ohne grosse Sorgfaltsprüfung, Schutzmaterialien einzukaufen, wie die "New York Times" schrieb. Die Regierung habe ­Verträge in Milliardenhöhe auch mit Firmen abgeschlossen, die zuvor wegen Korruption oder Steuerhinterziehung aufgefallen waren.

Für Investoren sei das Geschäft längst zur neuen Finanzwette geworden, sagt Unternehmer Jan Küng. Sie setzten auf Masken und Handschuhe, wie sie zuvor auf andere Rohstoffe wie Weizen, Gold oder Schweinebäuche wetteten. "Sie horten Produktionskontingente, um den Preis in die Höhe zu treiben. Und verkaufen die Produktionseinheiten weiter an Firmen, die meist im Auftrag von Regierungen, Organisationen und Spitälern Schutzmaterialien einkaufen." Ähnliches berichten mehrere Händler, Maskenhersteller und Vliesproduzenten in der Schweiz und Deutschland.

Wertvolles Schweizer Bankkonto

Ein Schweizer Bankkonto ist in diesem Ökosystem der Profiteure viel wert. Seit September erhalte er immer mehr Anfragen, sagt Küng. Er wickelt bei acht Deals die Kommissionszahlungen ab, in den nächsten Monaten wird er über eine Milliarde Dollar verschieben. Das Geld fliesst in Tranchen auf seine Konten in der Schweiz. Von dort aus geht es weiter an die Vermittler in Osteuropa, Russland, Afrika, den USA oder im Mittleren Osten.

Für den Schweizer Finanz- und Geldwä­schereiexperten Daniel Thelesklaf ist es nicht erstaunlich, dass die Kommissionen solcher Mega-Deals ausgerechnet über die Schweiz laufen. Es gebe praktisch keinen anderen Finanzplatz mit der gleichen geopolitischen Stabilität, fachlichen Expertise und Effizienz, sagt er.

Die Schweiz biete ein dichtes Ökosystem, das auch universitäre Finanzinstitute, Crypto-Valley in Zug, Fintechs und spezialisierte Anwälte umfasse. Doch Thelesklaf warnt: "Die Reputationsrisiken für die Schweiz als Drehscheibe für das Schutzmaterialiengeschäft sind beträchtlich." Das gelte besonders für den Bereich der Geldwäscherei.

In ein einziges Maskengeschäft sind häufig Gruppen von Vermittlern in der ganzen Welt involviert, Anwälte, Investmentfirmen und andere mischen und verdienen mit. Derart komplexe Strukturen rund um den Globus sind für ein an sich einfaches Handelsgeschäft nicht nur unüblich, sie erhöhen auch die Gefahr der Geldwäscherei: dass also kriminelle Organisationen das Maskengeschäft nutzen, um illegal erwirtschaftetes Geld reinzuwaschen, bis am Ende beispielsweise Gelder aus dem Drogenhandel nicht mehr als solche wiedererkannt werden können.

Gefahr der Geldwäscherei

Die Gefahren sind auch dem Bundesamt für Polizei bekannt: "Die Pandemie bietet Nährboden für kriminelle Handlungen. Dabei spielt der Schweizer Finanzplatz im Bereich der Geldwäscherei eine zentrale Rolle", sagt eine Sprecherin. Man sei dabei, die Zusammenarbeit mit den Banken weiter zu verstärken.

Auch das international führende Gremium zur Bekämpfung von Geldwäscherei, die Financial Action Taskforce (FATF), schreibt: Weltweit stellten die Staaten eine Zunahme der Wirtschaftskriminalität im Geschäft mit Schutzmaterialien fest. Dabei müsse die Geldwäscherei bei Handelsgeschäften stärker berücksichtigt werden.

Jan Küng lässt die Empfänger seiner Gelder von einem Spezialisten überprüfen – um si­cherzugehen, dass sie auf keiner Terrorliste stehen und nicht in Geldwäscherei verwickelt sind. Bisher seien keine Unregelmässigkeiten aufgetreten, sagt er. Die Schweizer Banken sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Herkunft des Geldes zu überprüfen und die Transaktionen ihrer Kunden je nach Risikolage zu überwachen. Die UBS etwa sagt: "Die Bank prüft im Rahmen der durch den Gesetzgeber wie auch die Finma vorgegebenen Regulatorien alle Handelsgeschäfte wie auch die entsprechend dahinterstehenden Personen."

Jan Küng wittert übrigens bereits das nächste Geschäft: "Immer mehr Broker wollen, dass ihr Geld in der Schweiz bleibt", sagt Küng. Er soll ihnen helfen, hier steueroptimierende Strukturen aufzubauen. Die Anfragen häuften sich. Gut möglich, dass er einsteige.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der NZZ am SonntagExterner Link und wurde hier mit freundlicher Genehmigung publiziert.

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