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Auslandschweizer vor dem Aus

In Dakar betreibt Ruth Isenschmid ihr kleines Hotel Keur Diame. zvg

Für viele Schweizerinnen und Schweizer im Ausland, die im Tourismus tätig sind, geht es ums finanzielle Überleben. Eine Hotelbetreiberin aus Senegal berichtet.

Dieser Inhalt wurde am 21. Januar 2021 - 15:00 publiziert

Semi-Lockdown, Lockdown, Shutdown…: Rund um die Welt wütet das Coronavirus weiter. Besonders hart trifft es den Tourismus. Eine Branche, in der viele Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer tätig sind.

Ruth Isenschmid ist eine von ihnen. "Eigentlich wäre es für mich am einfachsten, alles aufzugeben und von meiner AHV zu leben", sagt sie. In den vergangenen 20 Jahren als Auslandschweizerin hatte sie die Möglichkeit, in ihre Altersvorsorge einzuzahlen. Die Rente ist zwar bescheiden, aber sie sichert ihr jetzt das finanzielle Überleben.

Die 68-Jährige betreibt ihr eigenes Hotel in DakarExterner Link, in der zweiten Häuserreihe vom Meer entfernt. Zwar ist die Hauptstadt des westafrikanischen Landes Senegal nicht gerade für ihren Tourismus bekannt, bei Geschäftsreisenden jedoch sehr gefragt.

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Seit März keine Touristen mehr im Land

Ruth Isenschmid bewegt sich in senegalesischen sowie Expat-Kreisen. Ihr Begleiter auf dem Foto: der "Faux Lion". Eine traditionelle Figur, die oft bei Festen zu sehen sei. zVg

"Ich habe Gäste aus der ganzen Welt", erzählt sie. Zudem sei der Senegal vor allem bei frankophonen Touristen beliebt. Bis vor ein paar Jahren habe sich der Flughafen noch ganz in der Nähe befunden und so hätten auch viele Ankunfts- und Abreisetouristen bei der Auslandschweizerin logiert. "Jetzt ist der Flughafen ausserhalb der Stadt."

Doch: Zwischen März und Juli war dieser ganz geschlossen. Seither dürften auch keine Touristen mehr ins Land – ausgenommen Reisende innerhalb von Afrika. "Von einem Tag auf den anderen sind alle Einnahmen weggebrochen", beklagt Isenschmid.

Ihr Glück war es, dass vier Kongolesen, die für ein deutsches Projekt in der Stadt arbeiteten, vorläufig bei ihr blockiert blieben. Der europäische Arbeitgeber hat die Unterkunft weiter bezahlt. Und auch eine belgische Rentnerin hat in der Pension von Isenschmid ausgeharrt. "Mit dem Geld, das sie für den Rückflug ausgegeben hätte, konnte sie gut ein paar Monate bei mir leben", erzählt die gelernte Sozialpädagogin.

Anfang August sind dann die letzten Gäste gegangen. Die Hoffnung bestand, dass sich die Situation bis zum Beginn der Hauptsaison im Dezember wieder normalisieren würde. Doch auch Dakar blieb von einer zweiten Welle nicht verschont.

Vom Hoteldach sieht man das Meer. zVg

Ein Herzensprojekt

Aufgeben kommt aber für Ruth Isenschmid nicht in Frage. Sie ist eine Kämpferin und sie steht für ihr Personal ein: "Ich habe neun Angestellte und die wirtschaftliche Situation im Land ist sehr schlimm. So viele Menschen sind ohne Einkommen. Das will ich meinen Leuten wenn immer möglich ersparen." Zudem hänge sie an ihrem Hotel. "Da steckt mein Herzblut drin und ich sehe mich noch lange nicht als Rentnerin."

"Ich habe einfach nur Glück."

Ruth Isenschmid, 68-jährig, Senegal

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Ihr Bruder in der Schweiz greift ihr in dieser Zeit finanziell auch noch unter die Arme. "Eigentlich reist er viel. Da er das im Moment nicht tun kann, überlässt er mir dieses Geld, das er jetzt nicht für Ferien ausgeben kann." Isenschmid ist sich bewusst, wie privilegiert sie in dieser Zeit ist. "Ich habe einfach nur Glück", sagt sie.

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Sich einschränken

Eine schwierige Situation ist es trotzdem. Die Auslandschweizerin kann wie viele nicht längerfristig planen, Geld für Reparaturen hat sie nicht, Renovationsarbeiten sind auf unbestimmte Zeit verschoben. "Aber ich habe in den letzten 20 Jahren gelernt, von der Hand in den Mund zu leben."

Ruth Isenschmid ist geschieden. Den Weg nach Senegal fand sie vor 31 Jahren dank ihrem Ex-Mann, einem Senegalesen, den sie in der Schweiz kennengelernt hatte. Sie reiste für Ferien nach Westafrika und hat sich sofort in Land und Leute verliebt.

Isenschmids Oase mitten in Dakar. zVg

Die Liebe zu ihrem Mann ist damals nach fünf Jahren erloschen. "Die kulturellen Unterschiede waren einfach zu gross", sagt sie heute. Sie hätten aber auch heute noch ein gutes Verhältnis und er habe ihr vor allem in der Anfangszeit im Senegal sehr geholfen.

Ruth Isenschmid hat nach 20 Jahren in Westafrika ein grosses Netzwerk aufgebaut. Sie bewegt sich in senegalesischen aber auch in Expat-Kreisen. Für deutschsprachige Expats organisiert sie regelmässige Stammtisch-Treffen – jetzt zwangsläufig virtuell.

Eine Rückkehr in die Schweiz kommt für sie – zumindest zurzeit – nicht in Frage. "Meine Rente reicht kaum in der Schweiz", sagt sie. Hier in Westafrika könnte sie sich, wenn alle Stricke reissen, mit ihrer Rente in ihr kleines Häuschen am Meer zurückziehen und gut leben. Trotzdem: "Sag niemals nie", so Isenschmid.

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