Zürcher Stadtrat zögert bei Unterstützung privater Konzertlokale
Der Zürcher Stadtrat sieht die finanzielle Unterstützung privater Konzertlokale skeptisch. Doch er macht sich Sorgen um die kulturelle Vielfalt, wie aus der Antwort auf einen Vorstoss von SP und AL hervorgeht.
(Keystone-SDA) 2027 müssen das X-tra und der Komplex 457 schliessen, die Zahl der mittelgrossen Konzertlokale für Rock, Hip-Hop oder Electro in Zürich schwindet. Das X-tra, seit den 1990er-Jahren eine Institution im Zürcher Nachtleben, sucht nach einem neuen Standort, kommuniziert aber derzeit nicht weiter dazu.
In den beiden Lokalen finden jährlich Dutzende Konzerte statt, unter anderem bespielt von Konzertagenturen, die internationalen Grosskonzernen gehören oder grösseren Schweizer Agenturen.
Lokale, die zwischen 1000 und 5000 Besucherinnen und Besucher fassen, dürfte es, abgesehen vom Volkshaus, in Zürich bald keine mehr geben. Ein Problem, finden die Stadtparlamentarierinnen und -parlamentarier Jonas Keller und Pascal Lamprecht (beide SP) sowie Tanja Maag (AL). Sie forderten den Stadtrat via Motion auf, einen Kredit auszuarbeiten, um das weitere Bestehen solcher Lokale zu sichern oder zumindest die bestehenden Betreiber bei der Suche nach neuen Örtlichkeiten zu unterstützen. Das Parlament erklärte die Motion für dringlich.
Wichtiger Beitrag zur Vielfalt
«Kleinere und mittlere Konzertlokale leisten einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Vielfalt und Attraktivität Zürichs», geht der Stadtrat mit der Motionärin und den Motionären einig. Es sei davon auszugehen, dass bei Verknappung der Veranstaltungsorte ein Teil der mittelgrossen Konzerte in Zürich nicht mehr durchgeführt werden könne.
Gemäss Branchenvertretern zeige sich zudem ein langfristiger Effekt: Wer als aufstrebender Act nicht in der Schweiz auftrete, kehre oft auch in späteren Karrierephasen nicht auf den hiesigen Markt zurück, schreibt der Stadtrat.
Er anerkennt also, dass es ein Problem geben könnte. Bloss, einen Kredit auszuarbeiten, hält der Stadtrat zum jetzigen Zeitpunkt für falsch. Er will die Motion in abgeschwächter Form als Postulat, also als Prüfauftrag, entgegennehmen.
Handlungsoptionen prüfen
«Die Auswirkungen der absehbaren Verknappung im Segment der mittelgrossen Konzertlokale, die bestehenden Marktpotenziale sowie mögliche Handlungsoptionen der Stadt sollen vertieft geprüft werden», heisst es in der Antwort. Erst auf dieser Grundlage lasse sich beurteilen, ob und in welcher Form ein städtisches Engagement erforderlich und zweckmässig wäre.
Vorstellen könnte sich der Stadtrat die Unterstützung privater Projektentwicklungen und Zwischennutzungen, die Prüfung zusätzlicher Nutzungsmöglichkeiten bestehender Veranstaltungsinfrastrukturen sowie die Unterstützung von Veranstaltenden bei der Suche nach geeigneten Standorten.
Kommerzielle Lokale unterstützen?
Zusätzlich stellt sich die Frage der Unterstützung kommerzieller Lokale. Weder das X-tra noch der Komplex bekommen städtische Subventionen. Anders als etwa die Rote Fabrik, das Jugendkulturhaus Dynamo oder das Moods, die alle über Räume mit einem Fassungsvermögen von weniger als 1000 Zuschauer verfügen und viele Veranstaltungen machen, die nicht in erster Linie auf den Profit aus sind.
X-tra und Komplex 457 sind hingegen klar kommerziell ausgerichtet. «Da es sich überwiegend um kommerzielle Konzertveranstaltungen in privat betriebenen Häusern handelt, stellen sich im Falle einer städtischen Unterstützung neben kulturpolitischen Fragen auch wirtschaftspolitische Fragen – so ist zu klären, wie insbesondere Wettbewerbsverzerrungen vermieden werden können», schreibt der Stadtrat dazu. Das Parlament behandelt die Motion in einer seiner nächsten Sitzungen.