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1934: Tell - Vorbild, dann Feindbild der Nationalsozialisten

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt Adolf Hitler zu Wilhelm Tell eine enge Beziehung – geprägt zuerst von Interesse, dann von Liebe und schliesslich von Hass. So beginnt Hitler, von Schiller beflügelt, das achte Kapitel seines Buches "Mein Kampf" mit Tells Worten: "Der Starke ist am mächtigsten allein." Bereits 1933, ein Jahr nach seiner Machtübernahme, nimmt der "Führer" in der Loge des Grossherzogs in Weimar an der Feier zum 175. Geburtstag Schillers teil. Im selben Jahr wird der Held aus Uri ein weiteres Mal verewigt, und zwar in einem Film. In dieser stark von nationalsozialistischem Gedankengut geprägten schweizerisch-deutschen Koproduktion spielt die Geliebte Göhrings Tells Frau.

Der Wandel kommt plötzlich. 1938 entgeht der Führer um Haaresbreite einem Attentat. Maurice Bavaud, ein junger Schweizer, wird verhaftet und später verurteilt. Von da an sieht Hitler das eidgenössische Freiheitsidol in einem anderen Licht. Aus den Protokollen der Kanzlei geht hervor, dass Hitler sogar in den für die deutsche Wehrmacht heikelsten Momenten von der Tell-Figur geradezu besessen war. Auf seinen Befehl wurde Schillers Drama, das nun plötzlich ein subversives Potenzial in sich barg, aus den deutschen Schulbüchern verbannt. 1942 soll Hitler gewettert haben: "Warum musste Schiller diesen Schweizer Heckenschützen bloss verewigen!"

Noch heute ist Tell für Freiheitsbestrebungen jeglicher politischen Couleur das ideale Aushängeschild. Er wurde sogar schon als "Kleiderständer" bezeichnet, an dem alle möglichen Jacken und Uniformen gute Figur machen. Ob Gewerkschaften im Aufstand gegen die herrschende Macht oder rechtsgerichtete Ideologien im Kampf für die nationale Identität – der Armbrustschütze, der sich selbst politisch kaum äusserte, lässt sich für die verschiedensten Zwecke benutzen.

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