Acht Dinge, die Sie über die Schweizer Uhrenindustrie wissen müssen

© Keystone / Adrien Perritaz

Sie wurde zwar von der Coronakrise schwer erwischt. Doch die Schweizer Uhrenbranche bleibt das Symbol für Know-how und Präzision "Made in Switzerland". Sie ist ein industrielles Flaggschiff, dessen Produkte in die ganze Welt exportiert werden. Kommen Sie mit auf eine Entdeckungsreise.

Dieser Inhalt wurde am 21. Juli 2020 - 11:00 publiziert

1. Sie ist die überwältigende Weltmarktführerin im Bereich Luxusuhren

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Die Schweiz produziert jährlich rund 20 Millionen Uhren. Das entspricht etwas mehr als zwei Prozent aller weltweit hergestellten Zeitmesser. Wertmässig aber deckt das Land mehr als die Hälfte des weltweiten Uhrenmarkts ab: Der Umsatz für alle Marken zusammengenommen wird auf mehr als 50 Milliarden Franken (Verkaufswert im Einzelhandel) geschätzt.

Im oberen und mittleren Preissegment überlässt die Schweiz ihrer französischen und deutschen Konkurrenz nur die Brosamen: Mehr als 95% der Uhren mit einem Verkaufspreis über 1000 Franken werden hierzulande hergestellt.

In den letzten Jahren stieg der durchschnittliche Wert der exportierten Schweizer Uhren kontinuierlich auf fast 1000 Dollar pro Stück an. Diese Zahl muss mit zwei oder drei multipliziert werden, um eine Vorstellung vom durchschnittlichen Kaufpreis zu erhalten, den Kundinnen und Kunden bezahlen, damit das begehrte Objekt schliesslich ihr Handgelenk schmückt.

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2. Gemessen am Volumen übertrifft Apple allein die gesamte Schweizer Uhrenindustrie

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In Konsequenz dieser Bewegung nach oben sieht sich die Schweizer Uhrenindustrie mit einem Phänomen konfrontiert, das viele Fachleute beunruhigt: mit einem drastischen Rückgang der Anzahl produzierter Uhren.

Im Vergleich zu 2016 exportierten die Schweizer Uhrenproduzenten 2019 fast zehn Millionen weniger Uhren. 2020 wird die Schweizer Uhrenindustrie wegen der Coronavirus-Krise voraussichtlich nur noch 14 Millionen Uhren verkaufen können. Damit wird das Umsatzvolumen der Branche auf Werte wie in den 1940er-Jahren fallen.

Doch auch jenseits der konjunkturellen Schwierigkeiten steht die Uhrenindustrie vor echten strukturellen Herausforderungen. Die grösste ist die Konkurrenz durch Smartwatches. Besonders die Apple Watch versetzt den im Einstiegssegment positionierten "Swiss Made"-Uhren (Kaufpreis unter 200 Franken) einen schweren Schlag.

Allein von diesem Modell verkaufte die Marke mit dem Apfel im Jahr 2019 mehr Einheiten als die gesamte Schweizer Uhrenindustrie. Und das, obwohl die Computerfirma erst vor fünf Jahren mit dem Verkauf von Uhren begonnen hat!

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Die erste Marke, die das zu spüren kriegte, war Swatch. Laut Schätzungen des Westschweizer Fernsehens RTS produziert sie nur noch zwischen drei und sieben Millionen Uhren pro Jahr. In ihren besten Jahren (um 1990) waren es zwischen 15 und 20 Millionen.

Anderen Firmen schadet die Einführung strengerer Vorschriften im Jahr 2017, um das Label "Swiss Made" benutzen zu dürfen: beispielsweise Mondaine, Festina, Victorinox, Raymond Weil und andere Einstiegsmarken.

Dadurch sahen sich diese gezwungen, mehr Komponenten in der Schweiz zu bestellen. Das führte dazu, dass sie ihre Preise erhöhen und einen Rückgang ihres Verkaufsvolumens um mehrere hunderttausend Stück hinnehmen mussten.

3. Die bekannteste Marke verkauft sich auch am besten

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"Wer mit 50 keine Rolex hat, hat es in seinem Leben zu nichts gebracht." Das berühmte Zitat des französischen Starwerbers Jacques Séguéla ist schon über zehn Jahre alt. Aber es zeigt immer noch die aussergewöhnliche symbolische Bedeutung, welche die Schweizer Marke mit der Krone in der Welt des Luxus erlangt hat.

Von Roger Federer und Brad Pitt über Donald Trump bis zu Jay-Z – die Rolex hängt an den Handgelenken der berühmtesten Persönlichkeiten. Sie ist auch die weltweit meistverkaufte Schweizer Uhrenmarke. 2019 überschritt der Umsatz fünf Milliarden Franken.

Dies zumindest, wenn man den Schätzungen der US-Bank Morgan Stanley und der Beratungsagentur Luxeconsult Glauben schenken will. Denn obwohl Rolex in allen Ecken der Welt bekannt ist und einen beispiellosen Ruf geniesst, führt das Unternehmen seine Geschäfte absolut diskret durch.

Rolex wird nach wie vor durch die Stiftung der Gründerfamilie Wilsdorf kontrolliert. Das Unternehmen ist nicht an der Börse kotiert, seine Wertpapiere sind nicht handelbar. Die in Genf ansässige Marke kann also ihre Kommunikation nach Belieben steuern, jenseits aller Regeln der Börsentransparenz.

4. Ein geschlossener Club von Milliardären und grossen Konzernen dominiert

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Auch wenn sich fast 350 Marken mit dem Label "Swiss Made" schmücken, spielen nicht alle in der gleichen Liga. Allein die fünf stärksten Marken teilen 50 Prozent des Uhrenkuchens unter sich auf.

Hinter der unantastbaren Rolex folgen Omega (Swatch Group, 2,34 Mrd. Franken), Longines (Swatch Group, 1,65 Mrd.), Cartier (Richemont, 1,594 Mrd.) und Patek Philippe (1,35 Milliarden). Zum Milliardärsclub gehören schliesslich auch ganz knapp noch Tissot (Swatch Group, 1,05 Mrd.) und Audemars Piguet (1,03 Mrd.).

Neben den unabhängigen Marken, denen es finanziell gut geht – Rolex, Patek Philippe, Audemars Piguet und Richard Mille – dominieren drei grosse Konzerne den Schweizer Uhrenmarkt:

- Swatch Group, weltweiter Marktführer in der Uhrenbranche, an der Schweizer Börse kotiert, aber zu rund 40% von der Familie Hayek und ihren Angehörigen kontrolliert,

- Richemont, gegründet durch den Südafrikaner Johann Rupert, an der schweizerischen und südafrikanischen Börse kotiert,

- LVMH, weltweit führender Luxuskonzern unter der Leitung des Franzosen Bernard Arnault, börsenkotiert und mit Sitz in Paris.

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5. Ihr Gewicht in der Schweizer Wirtschaft ist eher bescheiden

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Die Uhrenindustrie trägt etwa ein Prozent zum Bruttoinland-Produkt (BIP) der Schweiz bei. Hinter der pharmazeutisch-chemischen und der Werkzeugmaschinen-Industrie ist sie die drittgrösste Exportindustrie des Landes. Ihre Unternehmen befinden sich hauptsächlich in den Kantonen Neuenburg, Bern, Genf, Solothurn, Solothurn, Jura und Waadt.

Dort generiert sie mehr als 90% der Wertschöpfung des Sektors. Und die Uhrenindustrie ist in diesen Regionen der Nordwestschweiz eine wichtige Arbeitgeberin: Die 700 in diesem Sektor tätigen Unternehmen beschäftigen fast 60'000 Personen. Wenn man die mit dieser Branche indirekt verbundenen Arbeitsplätze dazurechnet, kann von mehr als 100'000 Arbeitsplätzen in der Schweiz ausgegangen werden, die von der Uhrenindustrie abhängig sind.

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Allerdings sind die Löhne der Beschäftigten in der Uhrenindustrie weit weniger traumhaft als die von ihnen hergestellten Zeitmesser. 2018 betrug der Medianlohn einer in der Uhrenbranche angestellten Person 5400 Franken pro Monat. Das sind 1000 Franken weniger als der Medianlohn aller Berufstätigen im Land.

6. Sie schaut auf eine glorreiche Vergangenheit, aber auch auf dunkle Stunden zurück

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Die Uhrenindustrie erreichte ihre Produktionsspitze Ende der 1960er-Jahre. Damals arbeiteten rund 90'000 Angestellte in 1500 Betrieben. Anfang der 1970er-Jahre stellten die asiatischen Quarzuhren den Markt auf den Kopf. Sie stürzten die Schweizer Uhrenindustrie in eine tiefe Krise. Mitte der 1980er-Jahre zählte die Industrie nur noch 30'000 Angestellte in 500 bis 600 Betrieben, welche die Krise überlebt hatten.

Den Wiederaufschwung erlebte die Schweizer Uhrenbranche schliesslich mit der Produktion von Massenmodellen, namentlich der Swatch-Uhren. Und als Anfang der 2000er-Jahre das Interesse an Luxusuhren besonders in Schwellenländern massiv zunahm, gab es noch einmal einen Schub. 2019 überschritt die Schweizer Uhrenindustrie den Exportwert von 21 Milliarden Franken.

Die Coronavirus-Pandemie jedoch legte die Branche unvermittelt still. Der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH) rechnet für das Jahr 2020 mit einem Rückgang der Exporte um 25 bis 30%. Das wäre der schlimmste Konjunktureinbruch in der Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie.

7. Ohne ausländische Arbeitskräfte würde sie schlicht nicht existieren

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In der Uhrenwerbung überwiegt das Bild des jurassischen Uhrmachers, der sich mit seiner Lupe über eine Werkbank beugt. Doch die Realität ist weniger malerisch. Um das Uhrwerk am Laufen zu halten, setzt die Schweizer Uhrenindustrie seit den 1960er-Jahren stark auf billige Arbeitskräfte aus dem Ausland. Damals waren es vor allem Frauen italienischer Herkunft, die angeworben wurden, um sich wiederholende Tätigkeiten an den Fliessbändern auszuführen.

Heute sind es vor allem Grenzgängerinnen und Grenzgänger, die das reibungslose Funktionieren der Uhrenindustrie gewährleisten. Besonders in den Kantonen des Jurabogens, der historischen Wiege der Branche. Im Durchschnitt wird dort jeder dritte Arbeitsplatz mit einer Ausländerin oder einem Ausländer besetzt. Dieser Anteil kann in Fabriken in der Nähe der französischen oder italienischen Grenze manchmal bei über 80% liegen.

Historisch gesehen schuldet die Schweizer Uhrenindustrie ihre Existenz sogar Ausländern: Es waren französische Hugenotten (Protestanten), die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. im Jahr 1685 aus ihrem Land in die Schweiz geflohen waren.

8. Für Schweizer Uhren ist Asien – namentlich China – ein wahres Eldorado

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Um die Jahrtausendwende erhielten die Schweizer Uhrenexporte in den Fernen Osten durch die allmähliche Öffnung des chinesischen Markts enormen Auftrieb. Seit damals vervielfachten sich die Schweizer Uhrenexporte nach China um den Faktor 100!

Wenn man den Einkaufstourismus dazurechnet, wird schätzungsweise etwa jede zweite auf der Welt verkaufte "Swiss Made"-Luxusuhr an einen chinesischen Kunden oder eine chinesische Kundin verkauft.

Allerdings wird dieser Höhenflug in China gegenwärtig durch zwei Begebenheiten etwas gestört: Einerseits durch die von Präsident Xi Jinping geführte Anti-Korruptionskampagne – Uhren sind ein beliebtes Geschenk für Regimebeamte. Andererseits wegen den politischen Unruhen in Hongkong.

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