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E-Voting: Das sagen zwei Experten zum Rätsel der verschlossenen Urne

USB-Stick E-Voting Basel
Bei den untauglich gewordenen USB-Sticks in Basel sind mehrere Ursachen denkbar. Keystone

Das E-Voting-Debakel in Basel hat zwei Untersuchungen zur Folge. Wie konnte es passieren, dass eine elektronische Urne nicht geöffnet werden konnte? Zwei Experten für Cybersicherheit ordnen die offenen Fragen ein.

Übertragen auf die reale Welt, ist die Vorstellung folgende: In Basel-Stadt gibt es eine Urne, in der sich über 2000 Stimmzettel befinden. An der Urne sind zwei Schlösser angebracht, für jedes Schloss gibt es drei identische Schlüssel.

Drei dieser Schlüssel sind in einem Schlüsselkästchen deponiert, die andern lagern beim Wahlkomitee. Und hier beginnt das Rätsel: Das Zahlenschloss an diesem Kästchen könnte verrostet sein oder der Zahlencode könnte vergessen worden sein. Oder der Code hatte ein Ablaufdatum. Oder jemand hat den Code verändert. 

Drei Schlüssel pro Schloss

All das ist laut zwei Cybersicherheitsexperten, mit denen Swissinfo gesprochen hat, möglich. Die untersuchende Basler Staatsanwaltschaft hält sich mit detaillierten Informationen zurück.

Fest steht: Für die elektronische Urne generiert die Staatskanzlei Basel zwei Zahlencodes, also zwei digitale Schlüssel, je einen pro Schloss. Jeder dieser Zahlencodes wird auf drei USB-Sticks gespeichert. Um diese Sticks zu lesen, braucht es ebenfalls einen Zahlencode, quasi den Code zur Schlüsselbox.

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Vor der Abstimmung hat dieser Schlüssel nachweislich funktioniert, später plötzlich nicht mehr. So bleibt eines der beiden Schlösser an der elektronischen Urne verschlossen. Die Stimmen von über 2000 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern können nicht gezählt werden.

E-Voting Panne Basel-Stadt Frustrierte Auslandschweizerin: Die ehemalige Basler Grossrätin Christine D'Souza protestiert vor dem Basler Rathaus.
Frustrierte Auslandschweizerin: Die ehemalige Basler Grossrätin Christine D’Souza protestiert vor dem Basler Rathaus. Hanna Girard / Girard

Florian Moser forscht im Bereich IT-Sicherheit und hat darüber promoviert, wie Sicherheitsbeweise im E-Voting geführt werden können. Er erklärt, dass Manipulationen an einem E-Voting-System drei Ziele verfolgen können: Erstens, das Wahlgeheimnis zu brechen. Das sei nicht passiert.

Zweitens, das Wahlergebnis zu ändern. Auch das sei nicht passiert. Ein drittes klassisches Ziel könne darin bestehen, das System unerreichbar zu machen. Auch dies sei streng genommen nicht passiert, jedenfalls nicht von aussen, sagt Moser. Die Stimmen sind eingegangen und liegen zumindest theoretisch vor.

Schweizer E-Voting: «Das beste der Welt»

Wie auch die Basler Behörden und die Bundeskanzlei bereits betonten, sieht Moser das Problem damit nicht beim Schweizer E-Voting-System. Er kennt dieses im Detail und hat es mit Systemen anderer Länder eingehend verglichen.

Er sagt: «Das E-Voting-System der Schweiz ist mit Abstand das beste der Welt.» Bei der Post, die das System aufbaute, sei zudem ein gut ausgebildetes Team von Kryptograf:innen am Werk, das es auf dem Stand der Technik halte.

Moser erinnert an einen Vorfall, der kürzlich in IT-Security Kreisen für Aufsehen sorgte und mit Basel-Stadt vergleichbar ist: Ausgerechnet der Verband für Kryptologische Forschung IACR, eine der führenden Sicherheitsorganisationen in diesem Bereich, musste im November eine interne Wahl absagenExterner Link. Selbst dort war ein Verschlüsselungscode verloren gegangen.

Hacker: Wenig wahrscheinlich

Bei den untauglich gewordenen USB-Sticks in Basel sind mehrere Ursachen denkbar. So kann es etwa zu technischen Fehlern kommen, wenn Daten von einem Laptop auf einen USB-Stick kopiert werden. Wenn jemand mit Sabotage-Absichten am Werk gewesen wäre, hätte diese Person den Code wohl am einfachsten gelöscht.

Diese Hypothesen würden den Ort der Ursache eng eingrenzen, auf die Umgebung der Staatskanzlei Basel-Stadt. Ein- oder Angriffe übers Internet, also von aussen, von Hackern, scheinen damit weniger wahrscheinlich.

«Ich vermute stark, dass lokal in den Basler Büros etwas schiefgelaufen ist», sagt auch Stefan Rothenbühler; er ist Experte für Cybersicherheit bei der Schweizer Cybersecurity-Firma «InfoGuard». Auch Rothenbühler kann über mögliche Gründe nur spekulieren.

Fehler oder Manipulation?

«Elektronische Schlüssel werden generiert, teilweise haben diese auch eine vorgegebene Gültigkeit», sagt er. «Dass bei solchen Vorgängen ein mögliches Ablaufdatum vergessen wird, ist ein üblicher Fehler.» Und doch: «Auch wenn man nie Böswilligkeit vermuten sollte, wo ein menschlicher Fehler als Ursache infrage kommt, lässt sich diese nicht ausschliessen.»

Fehler oder Manipulation? Gemäss der Basler Staatsanwaltschaft sind IT-Experten der Basler Kriminalpolizei auf Hinweise gestossen, die den Anfangsverdacht auf Wahlmanipulation begründen. Damit gibt es zumindest einen konkreten Tatverdacht. Ein Sprecher des Kantons bezeichnete es schon letzte Woche als «sehr seltsam», dass gleich drei USB-Sticks nicht mehr funktionieren.

Eine weitere Frage ist, wie viel Vertrauen der Basler Vorfall kosten wird. Der Politologe Michael Hermann ist überzeugt, dass auch das E-Voting-System als solches einen Schaden erlitten hat. «Das System muss so sicher sein, dass menschliches Versagen gar nicht möglich ist», argumentiert er gegenüber SRF.

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Dem stimmt Florian Moser zu. Der IT-Experte spricht von einem «Prozess, der von Anfang bis Ende sicher ablaufen muss». Er fügt aber an, dass «menschliches Versagen nie ganz ausgeschlossen werden kann». 

Auch Stefan Rothenbühler sieht das Vertrauen als angekratzt an. «Spezialisten können nachvollziehen, dass es differenzierter ist, Laien vielleicht weniger», sagt er.

Auch analog läuft es manchmal schief

Beide IT-Fachleute ziehen aber auch Vergleiche zum analogen Abstimmungsprozess. Dort können Briefe auf dem Postweg verlorengehen, eine Urne kann durch einen Brand beschädigt werden oder ein Mitarbeiter kann eine verschwinden lassen.

Rothenbühler erinnert an einen Fall, der kürzlich in Zug für Aufsehen sorgte: Verwirrend gestaltete Stimmzettel führten dazu, dass Stimmen falsch gezählt wurden.  

Sicher ist: E-Voting ist politisch seit Jahren umstritten, was die Aufregung und die Sorge um diesen Stimm- und Wahlkanal vergrössert.

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