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brennende mülltonne

Heute in der Schweiz

Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland

Im heutigen Briefing geht es um Kontrolle. In Schweizer Städten haben am Wochenende Barrikaden gebrannt, die Polizei setzte Wasserwerfer ein, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen.

In Crans-Montana fordert der Anwalt von 24 Opfern der Brandkatastrophe vom 1. Januar 2026, dass der Gemeinde die Kontrolle über ihre Geschäfte entzogen wird. In einer anderen Schweizer Gemeinde dagegen hat der Gemeinderat heute freiwillig die ganze Kontrolle aus der Hand gegeben.

Herzliche Grüsse aus Bern

Demonstrierende mit Halloweenmasken
Einige der Demonstrant:innen trugen Halloween-Masken. Keystone / Christian Beutler

Nach den Protesten in Frankreich ist es auch in mehreren Schweizer Städten zu Ausschreitungen gekommen. Was treibt die junge Generation auf die Strasse – und warum kommt es zu solcher Gewalt?

In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist es in mehreren Schweizer Städten zu Ausschreitungen gekommen. Linksextreme haben zu Demonstrationen aufgerufen, die in Krawallen übergingen. Die Demonstrant:innen errichteten Barrikaden und zündeten sie an, in Zürich brannte auch ein Auto. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider verurteilte im Westschweizer Radio RTS die «Akte sinnloser Gewalt». Gleichzeitig betonte sie, dass das Demonstrationsrecht für eine Demokratie grundlegend sei.

«Was treibt die Gewalt an?» fragt die NZZ den Schweizer Soziologen Manuel Eisner, der an der Uni Cambridge lehrt. «Lange Zeit dachte die Wissenschaft, Aufstände seien bloss irrationale Massenphänomene», sagt Eisner. «Heute wissen wir: Unzufriedenheit ist der Zunder, der die Gewalt entflammt.» Ob die Situation eskaliere, entscheide die Dynamik vor Ort.

Die Schweiz ist eines von mehreren Ländern, in denen nach den Demonstrationen in Frankreich auch Proteste ausgebrochen sind. Längst nicht alle fallen gewaltsam aus. Julius Fintelmann, Chefredaktor des Onlinemediums «The European Correspondent», ist in der Schweiz aufgewachsen und lebt heute in Brüssel. Er sagt zu SRF, er sehe sich als Teil der Generation, die jetzt auf die Strasse geht.

Gründe für die transnationale Unzufriedenheit seien Sparen bei der Bildung, teurer oder nicht vorhandener Wohnraum, der schwierige Berufseinstieg und die ungelöste Klimakrise. Baume-Schneider sagte am Radio, dass sie der Ansicht sei, dass es den Jugendlichen in der Schweiz nicht an Perspektiven mangelt und dass die Situation nicht mit der in Frankreich zu vergleichen sei.

leuchtender Schriftzug Crans-Montana
Ein Opferanwalt fordert für Crans-Montana eine teilweise Zwangsverwaltung. Keystone / Cyril Zingaro

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana drohen der Gemeinde hohe Schadenersatzforderungen. Ein Opferanwalt fordert, dass die Gemeinde zwangsverwaltet werden soll.

Zehn Monate ist es her seit der Brandkatastrophe im «Le Constellation» in Crans-Montana, bei der 41 Menschen ihr Leben verloren haben. Wie nach dem Inferno herausgekommen ist, hat die Gemeinde Brandschutzkontrollen über Jahre vernachlässigt. Es drohen hohe Schadenersatzforderungen, zwischen 780 Millionen und einer Milliarde Franken seien realistisch, sagte ein Rechtsprofessor gegenüber der Sonntagszeitung.

Um diese Schulden tilgen zu können, will der Gemeindepräsident Nicolas Féraud fünf Millionen Franken pro Jahr zurücklegen, bis das Bundesgericht in voraussichtlich zwölf Jahren ein Urteil fällt. Gemäss Opferanwalt Sébastien Fanti eine lächerliche Summe. Er fordert, dass Crans-Montana teilweise unter Zwangsverwaltung gestellt wird und unabhängige Kommissäre die juristischen und finanziellen Folgen der Katastrophe bewältigen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Gemeinde im Wallis unter staatliche Aufsicht gestellt würde: 1999 wurde die Gemeinde Leukerbad entmachtet, die sich nach einem «spektakulären Finanzdebakel» um rund 346 Millionen Franken verschuldet hatte.

Eine andere Möglichkeit für Crans-Montana wären massive Steuererhöhungen, der Verkauf von Liegenschaften und Einsparungen bei Investitionen. Doch auch damit könnte die Gemeinde an ihre Grenzen stossen. Laut Finanzexperte Sandro Fuchs wären selbst solche einschneidenden Massnahmen bei Schadenersatzforderungen von über 200 Millionen Franken nicht ausreichend.»

Chalet mit Geranien vor den fenstern
Die Idylle trügt: Im Dorf Brienzwiler ist ein Streit ausgebrochen. Keystone

Wenn der Streit im Dorf eskaliert: In Brienzwiler ist der gesamte Gemeinderat per sofort zurückgetreten.

Dass eine Gemeinde sich nicht mehr selbst verwaltet, kommt in der Schweiz äusserst selten vor. In Crans-Montana hat ein Opferanwalt das Thema zur Bewältigung einer Katastrophe aufgebracht. In Brienzwiler dagegen verlassen die Gemeinderät:innen ihre Posten freiwillig, wie die Gemeinde Montagmorgen mitteilte.

Brienzwiler ist eine Gemeinde mit 530 Einwohner:innen im Berner Oberland, «ein Idyll eigentlich», wie der Blick schreibt. Doch offenbar sorgt nicht nur der Kampfjetlärm des nahegelegenen Militärflugplatzes Meiringen für Unruhe im Dorf. Dem Knall ist ein längerer Streit unter Brienzwiler:innen vorausgegangen. Die Gruppe «Pro Brienzwiler» bemängelte steigende Verwaltungskosten, Verzögerungen bei Baugesuchen und Fehler bei der Einführung von Tempo 30. Mit einer Petition wurde der Rücktritt von drei Personen im Gemeinderat gefordert, nun ist die Exekutive per sofort und in globo zurückgetreten.

Wer übernimmt denn nun die Aufgaben des Gemeinderats? Gemäss dem abtretenden Gemeinderat ist das zuständige Regierungsstatthalteramt informiert, die Verwaltung geht nun in die Hände des Kantons über. Am 9. Dezember soll an der Gemeindeversammlung ein neuer Gemeinderat gewählt werden – vorausgesetzt, es lassen sich welche finden, die den Job übernehmen wollen.

Hans Jucker
Hans Jucker war einer der bekanntesten Sportreporter in der Deutschschweiz. Sf / Oscar Alessio

Der frühere Schweizer Sportreporter Hans Jucker wurde 1971 wegen sexueller Übergriffe mit Minderjährigen verurteilt. Seiner Karriere hat das keinen Abbruch getan.

Er war einer der bekanntesten Sportreporter der Deutschschweiz. Auch jene, die ihn kaum noch live miterlebt haben, kennen einige seiner legendären Sprüche. Nun hat der Tages-Anzeiger die dunkle Seite von Hans Jucker ans Licht gebracht.

Jucker wurde 1971 wegen sexueller Übergriffe mit mehreren Minderjährigen verurteilt. Die Opfer waren junge Männer, die in einem Heim im Kanton Zürich lebten. Als Folge wurde ihm sein Amt als Gemeindeschreiber von Aeugst am Albis entzogen. Seiner Karriere tat die Verurteilung jedoch keinen Abbruch: Er wurde zu einem der bekanntesten Sportreporter der Schweiz, sass später im Gemeinderat von Affoltern am Albis und blieb auch im Dorf- und Vereinsleben eine beliebte Persönlichkeit.

Vor Gericht sagte Jucker, dass bei seinen Übergriffen nichts Schlimmes passiert sei, da die Knaben sowieso schon verdorben gewesen seien. Im Tages-Anzeiger erzählt Willi Fegble, der ebenfalls Missbrauchsvorwürfe gegen Jucker erhebt, wie machtlos er als Heimkind war. Den Jugendlichen sei kaum Glauben geschenkt worden. Der Fall steht beispielhaft für eine Zeit, in der Heimkinder Mühe hatten, Gehör zu finden und Täter dank ihres gesellschaftlichen Ansehens geschützt waren.

SRF teilte in einer Stellungnahme mit, erst vor wenigen Wochen von der damaligen Verurteilung Juckers erfahren zu haben. Auf eigenen und Drittplattformen wurden Videos entfernt, die Jucker als Kommentator in den Mittelpunkt stellen. Zudem hat SRF eine externe Untersuchung angekündigt, die klären soll, wie der Sender damals mit dem Fall umgegangen ist. Hans Jucker ist 2011 kurz nach seiner Pensionierung verstorben.

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