Tschechiens Ministerpräsident Babiš: Wie Schweizer Geld einen Milliardär an die Macht spülte
Milliardär Andrej Babiš hat seine Partei bei den Parlamentswahlen in der Tschechischen Republik im Oktober 2025 zum Sieg geführt. Möglich wurde der politische Aufstieg des Agrar-Oligarchen auch dank undurchsichtiger Schweizer Gelder und Verbindungen. Swissinfo zeigt diese auf und hat mit tschechischen Journalisten gesprochen, die Babiš’ Aufstieg und nun seine Rückkehr an die Macht dokumentiert haben.
Nachdem die Partei von Andrej Babiš bei den tschechischen Parlamentswahlen im Oktober am meisten Stimmen erhalten hatte, betrat der in der Slowakei geborene Vorsitzende der populistischen Partei ANO (Aktion Unzufriedener Bürger) die Bühne, um Fragen der Presse zu beantworten.
Die letzte Frage der Veranstaltung kam von Radio France und wurde auf Französisch gestellt. Der ehemalige und nun auch neue Ministerpräsident hörte gelassen zu und fing an zu lächeln.
«Comment ça va?», begann er witzelnd und mit hörbarem Akzent, bevor er weiter in holprigem, aber fliessendem Schulfranzösisch antwortete.
Die Verbindung zur Schweiz
Andrej Babiš ging nicht nur in der damaligen Tschechoslowakei, sondern auch in Genf zur Schule. Sein Vater war im Auftrag des sozialistischen Staats bei der UNO in einer ständigen Wirtschaftsmission tätig. Während dieser Zeit besuchte Babiš mindestens ein Jahr lang das Collège Rousseau, ein Gymnasium in Genf.
Damals hatten die Menschen in der Tschechoslowakei kaum Kontakt zu Westeuropa. Babiš hingegen knüpfte dank der Beziehungen seines Vaters in der Schweiz eigene Kontakte zu wohlhabenden Schweizer Wirtschaftsakteur:innen – darunter auch diejenigen, die er später ausweichend als «meine Schweizer Schulkameraden» bezeichnete.
Mitte der 1980er-Jahre verhalfen Babiš Französischkenntnisse zu einer Stelle im marokkanischen Rabat als Leiter des Aussenhandels von Petrimex, dem staatlichen Importeur von Öl und chemischen Produkten.
In «The Story of an Oligarch» (2014) zitiert Babiš’ Biograf Tomáš Pergler einen damaligen Kollegen, der berichtet, dass sich Babiš «wie ein westlicher Diplomat» und nicht wie ein «Kommunist» verhalten habe – was entscheidend und ungewöhnlich zugleich gewesen sei.
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Bis 1990 hatte sich Babiš bei Petrimex nach oben gearbeitet und laut einer gründlichen Recherche von Pergler und der tschechischen Transparenz- und Kontrollplattform «Hlídač peněz» (dt. etwa «Wächter über öffentliche Gelder») strategisch und gezielt ein Netzwerk von GmbHs (mit-)aufgebaut, die Petrimex die Kunden und Investitionsvermögen abspenstig machten.
Gleichzeitig flossen Millionen tschechischer Kronen in das Babiš-Unternehmen, das Petrimex beerben sollte: Agrofert.
Der Aufbau eines Imperiums
1993 zog Babiš nach Prag. Dank der Kapitalbeteiligungen seiner «Schweizer Schulkameraden» – so behauptete er zumindest auf Nachfrage – gelang es ihm, rasch Startkapital für sein neues Unternehmen zu beschaffen.
Agrofert wurde nur wenige Wochen nach der «samtenen Scheidung» der Tschechoslowakei am 1. Januar 1993 gegründet. Das Unternehmen, das mit Düngemitteln handelte, begann als Vier-Mann-Betrieb und hatte innerhalb weniger Jahre einen Grossteil der Kundenbasis seiner Muttergesellschaft übernommen.
Vertreter von Petrimex versuchten noch, sich der Expansion von Agrofert zu widersetzen, indem sie ihr Vorkaufsrecht auf neue Aktien nicht ausübten.
Daraufhin wandte sich Babiš an eine undurchsichtige, neu gegründete Schweizer Gesellschaft namens O.F.I (Ost Finanz und Investment AG) mit Sitz in Baar im Kanton Zug, die mir ihrer Kapitalspritze eine Beteiligung von 65% an Agrofert erwarb.
Als die Petrimex-Führung mehr als zwei Monate später von der Transaktion erfuhr, war ihr Mehrheitsanteil bereits auf 25% verwässert.
Jaroslav Spurný, Investigativjournalist des von ihm mitbegründeten Magazins Respekt, fand später heraus: Am offiziellen Sitz der O.F.I. in Baar – einem kleinen Büro in der Gewerbezone, das mit zwanzig anderen Firmen geteilt wurde – schien gar niemand zu arbeiten.
«Ich habe Andrej Babiš mehrmals privat darauf angesprochen», erzählt Spurný gegenüber Swissinfo. «Jedes Mal klang die Rolle von O.F.I. wieder anders.»
Die Eigentümerstruktur von O.F.I. wurde durch das Schweizer Bankengesetz geschützt, das in Art. 47 die unbefugte Offenlegung von Finanzinformationen unter Strafe stellt.
Aufgrund dieser Bestimmungen war es Schweizer Behörden und erst recht ausländischen Journalist:innen selbst bei echten Bedenken zum Geschäftsgebaren des Unternehmens nur begrenzt möglich, die wirtschaftlichen Begünstigten von O.F.I. zu klären.
So blieben die Eigentümer des Unternehmens trotz der Expansion von Agrofert und dem politischen Aufstieg von Babiš stets im Dunklen.
O.F.I., das zu diesem Zeitpunkt eine Mehrheitsbeteiligung an Agrofert hielt, wurde nur von Libor Široký vertreten, dem 2022 verstorbenen Anwalt von Babiš und ehemaligen Spionageabwehrbeamten des tschechischen Staatssicherheitsdiensts während der kommunistischen Ära.
Spurný versuchte, die O.F.I. telefonisch zu kontaktieren, fand aber lediglich eine Nummer in Genf. Als er dort anrief und die Frau, die den Anruf entgegennahm, realisierte, dass ein tschechischer Journalist am Telefon war und Fragen stellte, legte sie sofort auf.
«Ich weiss bis heute nicht, welche Rolle dieses Unternehmen in den Geschäften von Agrofert gespielt hat», erzählt uns Spurný im November. Babiš’ Behauptung, bei den Eigentümern von O.F.I. handle es sich um seine «Schweizer Schulkameraden» aus Genf, bleibt auch nach 30 Jahren ungeprüft.
Der Machtmensch
Nach einigen Jahren intensiver Übernahmen während der Privatisierungsphase nutzte Andrej Babiš zwischen 1999 und 2004 sein Kapital, um fast alle Agrofert-Anteile in Fremdbesitz aufzukaufen.
Dazu gehörten die Beteiligungen von O.F.I. und Ameropa Holding AG, einem Schweizer Agrarunternehmen, an das Agrofert einige Jahre zuvor Anteile verkauft hatte.
«Verschiedene Wirtschaftskriminelle und Betrüger, welche die [tschechische] Wirtschaft der 1990er-Jahre weitgehend kontrollierten, mussten damals die Segel streichen», erzählt Spurný. «Sie wurden durch Leute wie Andrej Babiš ersetzt. Babiš war der aggressivste und prominenteste unter ihnen – und auch der skrupelloseste.»
Mit dem Ende des Kommunismus und dem Übergang mitteleuropäischer Länder zur Marktwirtschaft nutzten gut vernetzte Wirtschaftsakteure wie Babiš oder der tschechische Immobilien- und Skilift-Magnat Radovan Vítek das Schweizer Bankgeheimnis, Steueroasen wie Zug und Offshore-Konstrukte, um ihr Vermögen anzuhäufen, zu vermehren und zu verbergen.
«Es gibt weitere tschechische Oligarchen, welche die Schweiz als sicheren Hafen für ihre oft illegalen finanziellen Interessen nutzten», sagt Journalistin Pavla Holcová von Investigace.cz gegenüber Swissinfo.
Holcová wurde von Babiš in den Medien mehrfach angepöbelt, besonders nach ihrer Recherche zu Babiš’ Rolle in den Pandora Papers vom Oktober 2021.
«Diese Leute suchen sich einen Anwalt, der ihnen dabei hilft, undurchsichtige Unternehmensstrukturen aufzubauen, und einen treuhänderischen Geschäftsführer. Dank Bevollmächtigten und der Geheimhaltung fühlen sie sich im Allgemeinen sicher», fügt sie hinzu.
2011 gründete Babiš die «Bürgerbewegung» ANO – eine Abkürzung, die auf Tschechisch auch «Ja» bedeutet. Zu diesem Zeitpunkt dominierte Agrofert den heimischen Düngemittel- und Backwarenmarkt, beschäftigte rund 30’000 Angestellte und hatte einen geschätzten Wert von 120 Mrd. Kronen (4,5 bis 4,6 Mrd. Franken).
Im Juni 2013 erwarb Babiš den Medienkonzern Mafra, der einflussreiche Zeitungen und Radiosender kontrollierte. Dabei profitierte er von der Kapitalflucht aus Mitteleuropa, vor allem aus der Schweiz und Deutschland.
Auf politischem Parkett erwies sich Babiš als ebenso gewieft und eisern wie bei Firmenübernahmen: Bei den Parlamentswahlen im Oktober desselben Jahres erzielte ANO überraschend 19% der Stimmen, wurde damit zweitstärkste Kraft und Babiš Finanzminister. 2017 erhielt ANO fast 30% der Stimmen, Andrej Babiš wurde tschechischer Ministerpräsident.
Der internationale Populist
Im Oktober 2025 führte Babiš die ANO nach vier Jahren in der Opposition erneut zum Sieg und erzielte mit 34,5% der Stimmen ein Rekordergebnis – mehr als zehn Prozentpunkte vor den nächsten Verfolgern.
Anfang November unterzeichnete er einen Koalitionsvertrag mit zwei rechtsextremen nationalistischen Parteien. Die neue Regierung übernahm im Dezember die Amtsgeschäfte.
Das Schweizer Schulsystem hat eine lange Tradition in der Ausbildung der Kinder von Diplomatinnen und Diplomaten, internationalen Staatsangestellten und wohlhabenden oder umstrittenen Expats, die sich von der Neutralität und Diskretion des Landes angezogen fühlen.
Der am besten dokumentierte Fall ist Kim Jong-un, der nordkoreanische Diktator, der in den späten 1990er-Jahren in einem Berner Vorort unter falschem Namen zur Schule ging, wie ehemalige Klassenkameraden und Schweizer Berichte bestätigen.
Genfer Privatschulen wurden auch als Ziele für die Kinder von Kreml-verbundenen Eliten beschrieben, einschliesslich Personen, die später sanktioniert oder in Korruptionsfälle verwickelt wurden.
In einem Forbes-Artikel aus dem Jahr 1999 heisst es dazu: «Die Gangster und korrupten Beamten, die aus dem Zerfall Russlands ein riesiges Vermögen gemacht haben, strömten (in die Schweiz), um ihre Kinder in den richtigen Internaten unterzubringen.»
Historische Untersuchungen zeigen, dass dieses Phänomen seit mehr als 50 Jahren besteht. Laut dem Historiker Christophe Vuilleumier zeigt eine laufende Studie über das Nachkriegs-Genf, dass rund ein Dutzend Kinder hochrangiger Nazi-Würdenträger in den 1960er-Jahren an der Universität Genf studierten. Diese Immatrikulationen sind in den Archiven der Universität zu finden.
Darunter soll sich angeblich auch ein Kind von Josef Mengele befinden, der im Vernichtungslager Auschwitz medizinische Experimente an Häftlingen durchgeführt hatte. «Mengele selbst kam nach Genf, um seinen Sohn zu besuchen, bevor er nach Lateinamerika zurückkehrte, wo er sich versteckt hielt», sagt der Historiker.
Diese Fälle zeigen, wie Schweizer Schulen und Universitäten als diskrete Treffpunkte für die Kinder mächtiger Familien fungierten, wobei deren Hintergründe oft nicht genau untersucht wurden.
«Denen ist klar, dass unabhängige Medien ihre Ansichten, Manipulationen und manchmal auch Lügen oder Desinformationen nicht teilen können und werden», sagt Spurný, der selbst von Babiš mehrfach verklagt wurde, zur Zusammensetzung der neuen Regierung.
«Es wird wahrscheinlich ein intensiver Kampf werden. Aber die Meinungsfreiheit und die unabhängigen Medien werden [in der Tschechischen Republik] auch in vier Jahren noch stark sein.»
«Herr Babiš hasst Medienleute, die seine Machenschaften aufdecken», sagt Holcová gegenüber Swissinfo. «Er hat angekündigt, dass er die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten kontrollieren will, indem er ihre Finanzierung von Politiker:innen abhängig macht. Zudem plant er, ein spezielles Register für gemeinnützige Organisationen einzurichten und alle staatlichen Gelder für NGOs zu streichen, die er als ‹politisch› einstuft.»
Trotz seiner nationalistisch geprägten Politik – Babiš ist auch Mitbegründer der Fraktion «Patrioten Europas» im EU-Parlament, der prominente rechtsextreme Parteien angehören – ist Babiš ein wahrhaft internationaler Populist. Und seine Geschäftstätigkeit über nationale Grenzen hinaus wirft Probleme auf, die nicht nur auf ihn zutreffen.
Während sich die Schweiz um Handelsabkommen mit der EU bemüht und sich als liberaler Finanzplatz positioniert, zeigt sich anhand von Fällen, die wie bei Babiš direkt mit politischer Macht zu tun haben, dass die Auffassungen zur regulatorischen Zusammenarbeit und zur Offenlegung wirtschaftlicher Eigentumsverhältnisse nach wie vor weit auseinander gehen.
Einige Bestimmungen im Schweizer Recht haben Kapitalflüsse ermöglicht, die zu einer Machtkonzentration bei Oligarchen geführt haben.
Dass Andrej Babiš bei der Pressekonferenz nach seinem Wahlsieg im Oktober eine Frage auf Französisch beantwortete, hätte eigentlich niemanden überraschen dürfen. Am fraglichen Abend kam der designierte Ministerpräsident mit einem Megafon in der Hand zur Wahlfeier der ANO.
Analog zu Donald Trump, der bei seinen Wahlkampfveranstaltungen bis zur Wahl 2024 den Song «YMCA» spielte, liess Babiš sein «Lieblingslied» erklingen – nicht etwa einen tschechischen oder slowakischen Klassiker, sondern einen europäischen Hit: die Hymne des Fussballclubs AC Mailand «Sarà perché ti amo».
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Editiert von Virginie Mangin/ds, Übertragung aus dem Englischen: Lorenz Mohler/raf
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