Leere Schaufenster schaden der Attraktivität von Schweizer Städten
Während der Online-Handel rasant wächst, zwingt der Umsatzrückgang Schweizer Händlerinnen und Händler dazu, ihre Geschäfte zu schliessen – besonders in den Innenstädten. Um diesen verwaisten Schaufenstern neues Leben einzuhauchen, engagieren sich lokale Akteure und Gemeinden.
Im Januar letzten Jahres kündigte Guillaume «Toto» Morand die Schliessung seines Bestattungsunternehmens in Genf an – nach 28 Jahren des Bestehens.
Einen Monat später liquidierte «Neverland», sein Lausanner Geschäft für Kinderschuhe, den Lagerbestand. Von ehemals zehn Filialen in der Schweiz betreibt seine Firma heute noch deren acht.
«Wie viele Geschäfte in der Bekleidungs- und Modebranche sind wir in eine Situation geraten, in welcher der Umsatz wegen des Online-Handels stark zurückgeht und wir die Löhne nicht mehr bezahlen können», klagte der Waadtländer Unternehmer in der Sendung «Basik» des Westschweizer Fernsehens RTS.
Die TV-Sendung «Basik» von RTS (Franz.):
Die Ursachen für die Zunahme leerer Schaufenster sind vielfältig: der Aufstieg des E-Commerce, steigende Mieten und Nebenkosten, gedämpfte Kaufkraft, Parkprobleme, der starke Franken, Einkaufstourismus, Unsicherheit und Bauarbeiten.
Für Morand gibt es jedoch nur einen Schuldigen: der explodierende Online-Handel, angetrieben von Giganten wie Zalando, Shein und Temu, sowie die Politik der kostenlosen Rücksendungen.
Seine Lösung? «Die Konsumentinnen und Konsumenten sollen für kostenlose Rücksendungen eine Abgabe von fünf oder zehn Franken bezahlen, die in einen Klimafonds fliessen würde. Das würde die Exzesse jener sofort stoppen, die fünf oder sechs Paare bestellen, um sicher die richtige Farbe für ihre Instagram-Fotos zu haben, und die in 90% der Fälle alles zurückschicken.»
In der Schweiz wird beim Nicht-Lebensmittelhandel mittlerweile fast jeder fünfte Kauf im Internet getätigt. Ein Anteil, der sich zwischen 2019 und 2025 verdoppelt hat.
Lokalitäten an junge Unternehmende untervermieten
Da Morand dank seines 1993 abgeschlossenen Mietvertrags eine moderate Miete zahlt, wird er die Schlüssel seines Lausanner Lokals behalten und es an zwei junge Unternehmende untervermieten, die im Einzelhandel Fuss fassen möchten.
«In der Mode, denn wir sind die am stärksten betroffene Branche. Viele dieser leeren Schaufenster werden in Restaurants, Bars, Lebensmittelgeschäfte, Tätowierstudios oder Barbershops umgewandelt.»
Um sein Vorgehen zu wiederholen, hat sich der Sneaker-König, der sich politisch bei den Grünliberalen (GLP) engagiert, dem Verein Economie Région Lausanne (ERL) angeschlossen.
Gemeinsam mit der Stadt Lausanne hat er eine Arbeitsgruppe gebildet. Das Ziel ist anspruchsvoll: Sie wollen Immobilienverwaltungen davon überzeugen, ihnen leere Geschäftslokale zu reduzierten Preisen zu vermieten.
«ERL bürgt für die Miete und vermietet den Raum anschliessend an junge Startups weiter, die einen tragfähigen und erfolgversprechenden Businessplan vorweisen können», erläutert Hélèna Druey, Generalsekretärin von ERL, gegenüber RTS.
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Sie fügt hinzu: «Damit ein Modegeschäft über die Runden kommt, sollte die Miete im Idealfall 300 Franken pro Quadratmeter nicht übersteigen. In der Lausanner Innenstadt liegt sie jedoch zwischen 700 und 1500 Franken.»
Immobilienverwaltungen davon zu überzeugen, ihre Mieten zu senken, sei nicht einfach: «Viele Verwaltungen bevorzugen leere Lokale, aber hier haben wir eine Verwaltung gefunden, die unser Konzept verstanden hat. Sie hat auch erkannt, dass sie dasselbe Interesse hat wie wir, nämlich eine attraktive Stadt zu erhalten», betont Druey.
Leerstandquoten und Mieten – ein differenziertes Bild
Im Jahr 2025 hat das auf Immobilienberatung und -analyse spezialisierte Schweizer Unternehmen Wüest Partner eine Studie zu Verkaufsflächen veröffentlicht. Die Ergebnisse zeigen, dass der Anteil leerer Schaufenster in der Schweiz nach einem Anstieg während der Corona-Jahre 2020 bis 2022 wieder auf 3,4% gesunken ist und damit das Niveau vor der Pandemie erreicht hat.
Auch die durchschnittlichen Mieten sind rückläufig. «Für 2026 wird ein Rückgang von 1,5% erwartet», sagt Corinne Dubois, Wirtschaftsexpertin bei Wüest Partner.
Dabei müssen jedoch periphere Lagen von Top-Lagen unterschieden werden, wo der jährliche Quadratmeterpreis im ersten Quartal 2025 in Zürich bei 11’300 Franken und in Genf bei 7700 Franken lag.
Sitten lanciert Plan zur Wiederbelebung des lokalen Handels
Die Walliser Stadt Sitten weist eine Leerstandquote im nationalen Durchschnitt auf. Im Herbst 2025 hat die Stadt jedoch einen Plan zur Wiederbelebung des lokalen Handels lanciert und eine City-Managerin ernannt.
«Eine City-Managerin ist wie eine Managerin aller Geschäfte in einem Einkaufszentrum, aber auf Stadtebene», sagt Silvia Esteves. Ihre Aufgabe ist es, möglichst viel vor Ort präsent zu sein, mit den Händlerverbänden und Veranstaltern in den Dialog zu treten und die Umsetzung ihrer Bedürfnisse sowie geeigneter Massnahmen zu erleichtern.
Zu den Massnahmen des Projekts «Cœur de ville» (Herz der Stadt) gehört die Gestaltung leerer Schaufenster. Ein eindrückliches Beispiel ist eine geschlossene Metzgerei im Stadtzentrum: Anstelle eines einfachen Bauabsperrungsnetzes wurde eine ansprechende Visualisierung geschaffen. «So gestalten wir das Schaufenster etwas attraktiver und zeigen, wen wir suchen: einen neuen Metzger», sagt Esteves.
Ein TV-Beitrag von RTS zum Thema (Franz.):
Als weitere Initiative hat die Stadt eine Kommunikationsagentur beauftragt, um den Geschäftsleuten aus Sitten die Möglichkeit zu bieten, sich fit für die sozialen Medien zu machen und dort ihr Geschäft zu bewerben.
«Ich bin nicht sicher, ob wir gegen Shein oder Temu gewinnen können. Unser Ziel ist es jedoch, in der Umgebung von Sitten bekannt zu werden, alle Händlerinnen und Händler aufzuwerten und ihnen zumindest die Mittel zu geben, damit sie ein Schaufenster in der digitalen Welt haben», sagt Ausbilderin Marie-Christine Eggs.
Ob die verschiedenen Initiativen dazu beitragen, die Attraktivität unserer Innenstädte zu bewahren, wird die Zukunft zeigen.
Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub
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