Schweizer Thermalbäder: immer mehr, immer ausgefeilter
Von den Aquae Helveticae der Römer bis hin zu futuristischen Spas hat das Schweizer Thermalwasser zwei Jahrtausende auf dem Buckel. Heute setzen mehrere Kurorte auf Luxus und Sinneserlebnisse. Doch diese neu interpretierte Tradition wirft Fragen auf: Wie weit kann der Wellness-Boom noch getrieben werden?
Bereits in der Römerzeit badete man in den Aquae Helveticae. Vor 2000 Jahren sprudelte das mit wohltuenden Mineralien angereicherte Thermalwasser mit einer Temperatur von 42°C aus der Erde.
Zwei Jahrtausende später badet man dort immer noch, allerdings haben sich die Anlagen ein wenig verändert. Heute beherbergt Baden im Kanton Aargau am Ufer der Limmat ein hochmodernes und luxuriöses Bad, das von Stararchitekt Mario Botta entworfen wurde und vor vier Jahren nach einer mehrere Millionen Franken teuren Renovierung wiedereröffnet wurde.
Die Anlage heisst Fortyseven – ein Name, der den Einfluss des etwa zwanzig Kilometer entfernten Zürich und seiner Wellness-begeisterten Einwohnerinnen und Einwohner widerspiegelt. Mit einem Eintrittspreis von 69 Franken spricht das Fortyseven ein ganz bestimmtes Segment an.
«Unsere Kernzielgruppe sind die 25- bis 60-Jährigen. Wir haben kein spezielles Angebot für Kinder», sagte Franc Morshuis, Geschäftsführer des Fortyseven, in der Sendung «Basik» des Westschweizer Fernsehens RTS.
«Wir haben nicht nur Thermalwasser, sondern auch Saunen für Textil- und FKK-Gäste eingerichtet und einen Kosmos-Bereich geschaffen mit verschiedenen Themenwelten, einem Solebad, Entspannungsbereichen und mit Musik von Boris Blank von Yello. Das ist der Geist von Fortyseven», fügte er hinzu.
40 Millionen Franken für die Modernisierung der Bäder von Yverdon
Auch in der Westschweiz haben die Römer im Bereich Wasser ihre Spuren hinterlassen. In Yverdon-les-Bains sucht man im wahrsten Sinn des Worts Erholung in den Thermen.
Die Bäder von Yverdon gehören zur Hotelgruppe Boas, die auch Eigentümerin der Bäder von Saillon im Wallis ist. Sie befinden sich derzeit im Umbau.
In Yverdon werden 40 Millionen Franken investiert, um die noch aus den 1990er-Jahren stammenden Anlagen zu renovieren und den Kundinnen und Kunden nicht nur Thermalwasser, sondern wie in Baden ein «Erlebnis» zu bieten.
Während der gesamten Dauer der Arbeiten wird der Eintrittspreis auf 18 Franken gesenkt. Die grosse Wiedereröffnung ist für Ende 2027 geplant.
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«Kurgäste alter Schule, die nur zu therapeutischen Zwecken kamen, um ‚Wasser zu trinken‘, gehören der Vergangenheit an», sagt Matthias Philipps, Direktor des Thermalzentrums von Yverdon-les-Bains.
«Heute haben die Menschen andere Wünsche. Die eine kommt, um zwischen der tropischen Zone und der Sibirien-Zone, zwischen Wärme und Kälte, zu wechseln, der andere möchte vor dem Baden schnell etwas essen, um sich dann zu entspannen. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei.»
Weniger Schnee, mehr Spas
In der ganzen Schweiz werden heute Hunderte Millionen Franken in diesen zunehmend wettbewerbsintensiven Sektor investiert. Dies geht so weit, dass einige Projekte nicht überlebt haben.
Die Bäder von Ovronnaz (Wallis) sind insolvent und die von Val d’Illiez (ebenso im Kanton Wallis) sind seit mehreren Jahren geschlossen, obwohl es Pläne gibt, den Betrieb wieder aufzunehmen.
In den Alpen scheinen Thermalbäder eine zukunftsfähige Alternative zu sein, da selbst im Winter keine Schneesicherheit mehr gegeben ist.
«Seit 2020 verzeichnet der Wellness-Sektor in der Schweiz ein bedeutendes Wachstum von etwa 15 bis 20 Prozent pro Jahr», sagt Nicolas Délétroz, Professor am Institut für Tourismus der HES-SO Wallis.
«Ob meditatives Wandern oder Yoga in den Bergen mit einem persönlichen Coach – vor der beruhigenden Kulisse der Berge entwickelt sich eine ganze Reihe von Aktivitäten, die dem Wohlbefinden dienen. Natürlich sind auch Thermalbäder Teil dieses Trends.»
Ein jüngstes Beispiel sind die Grands Bains d’Hérémence im Val d’Hérens, die in einen 110 Millionen Franken teuren Hotelkomplex am Ende des Skigebiets Quatre-Vallées integriert sind.
Warme Innen- und Aussenbäder, Saunen, Hamam, Massagen: Das umfangreiche Angebot kostet 50 Franken und es gibt keine Zeitbegrenzung. Als Bonus gibt es einen Blick auf die Dent-Blanche und das Matterhorn.
Nach einem Jahr fällt die Bilanz von Direktor Gzim Seferi zufriedenstellend aus: 1000 bis 1200 Gäste zählte er pro Tag im Winter, 300 im Sommer.
Wasser ist eine begrenzte Ressource
Die Zahl der Thermalbäder – derzeit fast zwanzig in der Schweiz – zu erhöhen, bedeutet, die Berge zuzubauen und Wasser über Kilometer hinweg zu transportieren. Das ruft den Widerstand von Umweltschützenden hervor. Diese Entwicklungen haben also ganz reale Grenzen.
«Die erste Grenze sind die Kosten. Es handelt sich um Investitionen in Höhe von mehreren Dutzend Millionen Franken, sodass der Einstieg in diesen Sektor nicht für alle erschwinglich ist», sagt Délétroz von der HES-SO Wallis.
«Ausserdem darf man nicht vergessen, dass Wasser per Definition eine begrenzte Ressource ist. Daher könnte es in Zukunft zu Konflikten zwischen touristischen Interessen und lokalen Bedürfnissen kommen. Meiner Meinung nach wird diese Spannung zwangsläufig die Verbreitung neuer Projekte einschränken.»
Übertragung aus dem Französischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub
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