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Ein Romandebüt über das Erinnern und Vergessen auf dem Campingplatz

Keystone-SDA

Ein Campingplatz am Meer, eingebettet zwischen sandigen Böden und den Nadeln der Kiefern: Was Erholung verspricht, wird in Martina Caluoris Roman "Schatten der Pinus" zu einem Ort, an dem die Ruhe ein Verschweigen enthält.

(Keystone-SDA) Nach Lyrikbänden und Kurzprosa widmet sich die 1985 geborene Bündnerin nun auf 144 Seiten dem Erzählen. Die Kurzkapitel von jeweils einer bis zwei Seiten vermitteln in sich geschlossene Impressionen, und könnten fast – wie bei Gedichten – für sich stehen. Mit einem Auge für still fallende Nadeln der Kiefern, botanisch «Pinus», oder eingesandete Kinderstühle, erschafft Caluori einen unbehaglichen Campingplatz, der keinen Hauch von Ferienfeeling aufkommen lässt.

Was sich an äusserer Handlung abspielt, ist überschaubar. Die vier Hauptfiguren gehen schwimmen im Meer, trinken Bier oder lassen sich auf kurze Momente der Intimität ein. Der Fokus des Romans liegt vielmehr auf dem Innenleben der vier Hauptfiguren.

Stille und Zerfall

Nach und nach scheint auf, was diese Menschen mit sich herumtragen, verarbeiten oder einfach vergessen wollen: Scheidung, den Tod der Mutter, Schrecken der Kindheit und Jugend. Zu einem Motiv werden die Spannung zwischen Erinnerung und Wahrheit und die Unvermeidbarkeit, mit der das eigene Leben zu einer Geschichte wird. «Vielleicht ist die Gefahr der Vergangenheit», überlegt sich eine Figur einmal, «dass sie nicht einfach war, sondern sich mit jedem Erinnern neu zeigt.»

Das Buch lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Stille und den Zerfall, wobei sich die Szenerie um den Campingplatz und die Gedankenwelten ineinander zu spiegeln beginnen. Eine Schwere ist auf jeder Seite zu spüren. Die Figuren hadern, suchen Auswege, und drehen sich im Kreis, was mitfühlen lässt. In der Monotonie sorgt es für willkommene Abwechslung, wenn sich die Personen treffen, interagieren, ihre gegenseitigen Beziehungen pflegen.

Doch trotz ihrer Verbindungen bleiben sie letztlich vereinzelt, scheinen sich nie ganz aufeinander einzulassen. Ihr Trost ist es, sich den Schatten der Pinus zu teilen. Und ab und zu eine Flasche Wein.

*Dieser Text von Ramon Juchli, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung realisiert.

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