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Einmalige Hinterlassenschaft nicht nur für die Schwulen-Gemeinschaft

Das frisch renovierte Rundbild "Klarwelt der Seligen". Ars Artis Ag

Das einzigartige Rundbild "Klarwelt der Seligen" ist nach der Restauration wieder auf dem Monte Verità ob Ascona zu sehen. Auf dem 26 Meter langen Gemälde des homosexuellen Adligen Elisàr von Kupffer räkeln sich 84 nackte Jünglinge. Fast wäre dieses Pionierwerk der Schweizer LGBT-Geschichte auf dem Müll gelandet.

Dieser Inhalt wurde am 26. April 2021 - 09:15 publiziert
Gerhard Lob, Ascona

Der bekannte Museumskomplex auf dem Monte Verità ob AsconaExterner Link (Kanton Tessin) ist komplett: Nach einer langen Restaurationsphase ist seit Ostern 2021 das Rundbild "Klarwelt der Seligen" von Elisàr von KupfferExterner Link (1872-1932) wieder dem Publikum zugänglich.

Das Bild ist das letzte Puzzleteil des Museumskomplexes, dessen Grundstein 1978 der legendäre Ausstellungsmacher Harald Szeemann (1933-2005) mit seiner Wanderausstellung "Monte Verità: Die Brüste der Wahrheit" legte.

Diese Ausstellung war damals in Zürich, Berlin, Wien und München zu sehen, bevor sie als Dauerausstellung in der Casa Anatta in Ascona installiert wurde, einem Haus aus den Gründerzeiten der bekannten Vegetarier-Kolonie.

Das Rundbild "Klarwelt der Seligen" hatte Harald Szeemann zuvor vor dem Müll gerettet – die Kunsthalle Basel hat das Rundbild 1979 gezeigt. Danach geriet es langsam in VergessenheitExterner Link. Es lag im feuchten Keller des Kulturtempels Elisarion in Minusio und war stark beschädigt.

Szeemann liess einen eigenen Holzpavillon für dieses Werk bauen, der jedoch seit Jahren nicht mehr zugänglich war und als Möbellager fürs benachbarte Hotel verwendet wurde.

Klarismus: Ausstrahlung in die Welt

Elisàr von Kupffer, um 1902. elisarion.ch

Doch was hat es mit diesem aussergewöhnlichen Rundgemälde auf sich? Geschaffen wurde es von dem aus Riga stammenden Adligen Elisàr von Kupffer, der sich selbst Elisarion nannte. Er war Gründer der religiösen Bewegung Klarismus, Schriftsteller und Künstler.

1891 lernte er den in St. Petersburg geborenen Eduard von Mayer (1873-1960) kennen, der ab 1897 sein Lebenspartner und Weggefährte wurde.

Nach Reisen durch Europa kamen die beiden 1915 ins Tessin. Ihre Vision: Die von ihnen gegründete Religion, der Klarismus, sollte von Minusio in die Welt ausstrahlen.

Sie proklamierten unter anderem eine Gleichstellung der Geschlechter und bezogen sich auf Forderungen der Frauen- und Homosexuellen-Emanzipation.

"Wie andere neureligiöse Strömungen dieser Zeit, etwa Helena Blavatskys Theosophie oder Rudolf Steiners Anthroposophie, wollte der Klarismus Antwort und Gegenpol zum naturwissenschaftlichen Weltbild sein – und zu den Moralvorstellungen jener Zeit", heisst es in einem Artikel der Tagblatt-MedienExterner Link.

In Minusio errichteten sie 1925 das Sanctuarium Artis Elisarion, das bis heute an der Via Simen steht, aber umgebaut ist und als Kulturzentrum der Gemeinde Minusio dient. Das Gebäude stellt neben dem Goetheanum von Rudolf Steiner in Dornach den einzigen Tempelbau des frühen 20. Jahrhunderts in der Schweiz dar.

Das Sanctuarium Artis Elisarion in Minusio heute (rechts die Villa, links der Rundbau). elisarion.ch

In einem Anbau platzierten sie damals die "Klarwelt der Seligen" als kreisförmiges Gemälde, das am Ende einer Art Wallfahrt zu sehen war und die Besuchenden von der "Wirrwelt" in die "Klarwelt" führen wollte.

Ein schwules Paradies

Das 26 Meter lange Gemälde besteht aus 16 Leinwänden und bildet ein kreisförmiges, szenisches Gemälde mit einem Durchmesser von fast 9 Metern. Es handelt sich um eine Art schwules Paradies mit 84 nackten Jünglingen, die sich in einer idyllischen Landschaft räkeln.

Ein Gletscher, Meeresufer, mit Blumen übersäte Wiesen und Bergseen bilden die Bühne für die Lustwandelnden. Die Protagonisten sind in 33 Szenen versammelt, die der Autor selbst in Versen beschreibt.

Das Gemälde steht unter dem Schutz des Amts für Kulturerbe des Kantons Tessin, welches das gesamte Restaurationsprojekt begleitet hat. Die Restaurierung wurde von der Stiftung Monte Verità und dem Verein Pro Elisarion gefördert – gegründet 2008 mit dem Ziel, das Werk von Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer zu bewahren.

In diesem Pavillon auf dem Monte Verità befindet sich das Rundbild heute. Gerhard Lob

Der ehemalige Leiter des Bundesamts für Kultur, David Streiff, hat sich persönlich in diesem Verein engagiert. Warum? "Als Szeemann 2005 starb, war mir klar, dass sich jetzt andere um das Erbe von Elisarion zu kümmern hatten", sagt Streiff.

Der Zustand des Gemäldes sei damals schon schlecht gewesen. Streiff betätigte sich im Fundrising, fand viel Unterstützung bei der Schwulen-Gemeinschaft in der Schweiz, zu der er selbst auch zählt.

Elisàr von Kupffer gilt als einer der Wegbereiter der LGBT-Bewegung. "Er hat mit seinem Partner damals versucht, im Tessin als kreatives homosexuelles Paar zu leben. Das war schon aussergewöhnlich in einem katholischen Kanton", so Streiff.

Aufwändige Restaurierung

"Die Restaurierung selbst war nicht einfach, weil das Material stark beschädigt war und die Leinwände etwa Knicke aufwiesen – ein kleiner Teil des Bildes fehlte sogar ganz und musste rekonstruiert werden", sagt Christian Marty, der die Restaurierung gemeinsam mit seiner Partnerin Petra Helm besorgt hat. 

Ausschnitt aus dem Rundbild "Klarwelt der Seligen" Claudio Berger

Beide sind international anerkannte Spezialisten für Panoramarestaurierung – in der Schweiz sind sie durch die Restaurierung des Bourbaki-Panoramas in Luzern bekannt geworden.

Indes wurde nicht nur das Rundbild restauriert, sondern der ganze Pavillon modernisiert und mit einer Klimaanlage ausgestattet. Im Eingangsbereich sind Info-Tafeln installiert, ausserdem ist ein Film zu sehen. Seitlich vor dem Rundbild sind weitere Bilder von Elisàr von Kupffer ausgestellt.

Im Inneren des Rundbildes wurde auf der Basis historischer Fotos ein Baldachin nachgebaut, so wie er einst im Elisarion stand. Gleich neben dem Eingang befindet sich eine Kasse. Die "Klarwelt der Seligen" soll nie unbeaufsichtigt bleiben.

Streiff: "Aus der Zeit gefallen"

Was ist der Wert dieses Rundbildes? Kunsthistoriker David Streiff sagt: "Dieses Werk ist vollkommen aus der Zeit gefallen. Es ist einmalig, es gibt nichts Vergleichbares. Aus der Gedankenwelt des Klarismus, die aus dem Dunkeln ins Helle führt, ist eine hoch interessante Ikonografie entstanden, die viele Aspekte der europäischen Kunstgeschichte aufnimmt, darunter religiöse Aspekte, und daraus etwas ganz Ausserordentliches entstehen lässt."

Öffnungszeiten: Sa 14-18 Uhr, Sonntag und Festtage 10-13/14-18, Der Monte Verità ist vom 1. April bis 1. November offen. Info: info@monteverita.orgExterner Link; www.monteverita.orgExterner Link; zum Elisarion: www.elisarion.chExterner Link
 

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