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Für eine Künstliche Intelligenz mit europäischen Werten

Keystone / Guido Kirchner

Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Sie bedroht qualifizierte Berufe und dringt zunehmend ins Privatleben ein. Alexander Ilic, Leiter eines neuen Zentrums für KI-Forschung an der ETH Zürich, will sich dafür einsetzen, dass KI den Menschen unterstützt und nicht ersetzt.

Dieser Inhalt wurde am 13. November 2020 - 09:00 publiziert

Smarte Lautsprecher, Deepfake-Videos, personalisierte Werbung – kaum jemand kommt heute im Alltag mehr an Künstlicher Intelligenz (KI) vorbei. Mit ihrem Zentrum will die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) die KI-Forschung in der Schweiz neu bündeln. Für dessen Leiter Alexander Ilic steht dabei der Mensch im Mittelpunkt.

swissinfo.ch: KI hat einen immer grösseren Einfluss auf unser Leben. Wie wichtig ist sie für unsere Gesellschaft?

Alexander Ilic: Maschinen sind zusehends in der Lage, Aufgaben zu erledigen, von denen man vorher dachte, dass diese nur Menschen machen können. Gegenwärtig kommen verschiedene technologische Elemente zusammen, die den Fortschritt beschleunigen.

Die ETH Zürich ist bereits seit mehreren Jahrzehnten extrem stark in der KI-Forschung. Jetzt braucht es einen Austausch mit der Gesellschaft und der Wirtschaft, der verantwortungsvoll gestaltet werden muss.

Sind wir gegenwärtig an einem Wendepunkt angelangt?

Es gibt immer wieder verschiedene technologische Wellen, die sich gegenseitig anschieben. Das Mobiltelefon etwa hat unsere Gesellschaft nachhaltig verändert. Manche Leute sagen, dass KI in 20 Jahren ähnlich einflussreich sein wird, wie die Entdeckung der Elektrizität es war. Man wird sich nicht mehr vorstellen können, dass man irgendwann mal ohne sie gelebt hat.

Neues KI-Forschungszentrum

29 bestehende Professuren aus 7 Departementen – mit diesem "Grundstock" ist das neue "ETH AI Center" im Oktober gestartet. "In naher Zukunft möchten wir 100 Professuren erreichen", sagte Alexander Ilic bei der Präsentation vor den Medien.

Es sei aufgefallen, dass KI-Kurse an der ETH immer beliebter würden. Studierende aus unterschiedlichen Bereichen würden diese Kurse besuchen. Deshalb sei eine Zusammenlegung sinnvoll.

Erklärtes Ziel des KI-Zentrums ist, Europas führende KI-Hotspots zu verbinden und Brücken zwischen Fachrichtungen zu bauen. So sollen vertrauenswürdige, breit zugängliche und inkludierende KI-Systeme zum Nutzen der Gesellschaft entstehen.

Gegenwärtig ist das Zentrum noch an der ETH angesiedelt. Geplant ist, ab 2022 grössere Räumlichkeiten in Oerlikon bei Zürich zu beziehen.

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Nun schafft die ETH ein Zentrum für KI-Forschung. Warum ist das überhaupt nötig? Über KI wird ja schon vielerorts geforscht.

Das Spezielle am ETH AI Center ist, dass wir interdisziplinär oder transdisziplinär arbeiten. Es geht uns nicht nur darum, bestehende KI-Methoden auf schwierige gesellschaftliche Probleme anzuwenden, wie beispielsweise im Bereich des Klimawandels. Manche Probleme erfordern es, dass die Grundlagen der KI neu definiert werden. Daran wollen wir arbeiten.

Wie sieht das konkret aus?

Es soll bei uns nicht nur in eine Richtung gehen, sondern die Anwendungsbereiche, in denen man eine Veränderung bewirken will, und die Grundlagen sollen sich gegenseitig beeinflussen. Sprich: Die Anwendung verändert die KI, und durch die Veränderung der KI entstehen neue Anwendungsfelder.

Wir schaffen dazu ein physisches Zentrum, wo die verschiedenen Fachbereiche, die bisher getrennt waren, im Dialog zusammenfinden. Das kommt im Moment Corona-bedingt leider noch nicht so stark zum Tragen, wie wir es uns wünschen.

Wir wollen damit einen zentralen Knotenpunkt an der ETH schaffen, für die Hochschule selbst, aber auch für den Dialog nach aussen. Wir wollen uns über alle Departemente, über alle Funktionsbereiche vernetzen und zum zentralen Anknüpfungspunkt werden für die Zusammenarbeit mit der Industrie. Und wir wollen die Begleitung und Formung von verschiedenen Startups unterstützen.

Alexander Ilic, Geschäftsführer des neuen "ETH AI Center", hat als Akademiker und Unternehmer Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz in Theorie und Praxis gesammelt. ETH Zürich / Nicola Pitaro

Konsumentinnen und Konsumenten sind heute einer Flut digitaler Informationen und Anwendungen ausgesetzt. Gleichzeitig ist es für sie schwierig zu verstehen, welche Technologie dahintersteckt und welche Zwecke damit verfolgt werden. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?

Wir wollen im Dialog mit der Öffentlichkeit zeigen, was die KI tatsächlich bewirken kann. Dazu gibt es viele greifbare Beispiele. Gerade was im Bereich Medizin und digitale Gesundheit passiert, betrifft alle Leute, ist leicht verständlich und bringt viele positive Veränderungen mit. Wir wollen aber auch aufzeigen, dass die Künstliche Intelligenz Menschen unterstützt, nicht ersetzt.

Können Sie ein Beispiel für diesen Dialog mit der Öffentlichkeit nennen?

Es wird verschiedene Eventreihen zu diesen Themen geben. Zum einen wollen wir zeigen, welche Anwendungen es bereits gibt und zum anderen wollen wir auch auf die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Anwendungen eingehen. Wir haben uns deshalb auf die Fahne geschrieben, dass wir Wegbereiter sein möchten für vertrauenswürdige und inkludierende KI.

Das heisst, dass man verschiedene Bevölkerungsgruppen gleichermassen einbindet und die individuellen Rechte der Leute respektiert. Wichtig ist uns auch, dass diese Kerntechnologie breit zugänglich sein soll. Kurz: Vertrauenswürdig, inkludierend und breit zugänglich. Die KI soll nicht nur den grossen Firmen vorenthalten bleiben, sondern auch kleinen und mittelgrossen Unternehmen zur Verfügung stehen.

Sie wollen die digitale Transformation über den Menschen in die Gesellschaft tragen. Rechnen Sie mit Widerstand aus der Bevölkerung?

Wenn sich etwas verändert, dann herrscht immer eine gewisse Unsicherheit und Skepsis. Es ist wichtig zu verstehen, dass der technologische Fortschritt unsere Gesellschaft verändern wird. Wir möchten diesen Wandel mitgestalten und aufzeigen, dass wir das an der ETH auf verantwortungsvolle Weise machen.

Das bedeutet zum Beispiel, dass im Steuerungsausschuss auch eine Professorin für Ethik dabei ist, die dafür sorgt, dass wichtige Grundprinzipien Beachtung finden. Gerade beim Thema KI muss man das betonen und an Beispielen aufzeigen, wie man das machen könnte.

Welche ethischen Fragen werden Sie sich im neuen Zentrum stellen?

Zunächst einmal die Frage: Braucht es neue ethische Grundlagen für die KI oder nicht? An der ETH arbeitet man in anderen Bereichen ja generell schon nach ethischen Grundsätzen. Hier geht es aber um weiterführende Fragen, etwa was Algorithmen betrifft: Sind diese Algorithmen fair? Wie beurteilt man das? Sind sie inkludierend? Da muss man sehr viele Präzisierungen machen.

Momentan gibt es eine Flut von verschiedenen Richtlinien. Es ist wichtig, dass wir bei diesem Dialog mit dabei sind und Klarheit schaffen. Dazu wollen wir verschiedene Gruppen zu Gesprächen einladen. Wir wollen aber nicht nur diskutieren, sondern auch Position beziehen.

Eine ethische Frage ist auch, wer Zugang zu gewissen KI-Technologien erhält. Etwa bei militärischen Anwendungen. Inwieweit wird sich das Zentrum mit solchen Fragen befassen und Unternehmen beraten, um beurteilen und verstehen zu können, wie deren Technologien eingesetzt werden sollen?

Etwas Wichtiges, was wir den Leuten mitgeben wollen ist, dass Technologie per se nicht einfach eine neutrale Sache ist. Der Mensch, der etwas Neues entwirft, trägt auch eine gewisse Verantwortung. Darum ist es uns wichtig, diesen Dialog mitzuprägen und unsere europäischen Werte in die Entwicklung von KI-Anwendungen einfliessen zu lassen.

Wie werden Sie solche ethischen Fragen und Dilemmas im Zentrum konkret angehen?

Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen und für unsere Werte und unsere Kultur einstehen und diese in unsere Projekte einfliessen lassen. Das ist ein sehr probates Mittel, denn wir bilden Menschen aus, die diese Werte leben und sie mitnehmen, wenn sie in die Welt hinaus gehen.

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