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Homosexualität ist in der UNO kein Tabu mehr



Die Diskriminierung Homosexueller ist nun auch in der UNO ein Thema.

Die Diskriminierung Homosexueller ist nun auch in der UNO ein Thema.

(AFP)

Zum ersten Mal hat ein UNO-Organ über die Diskriminierung von Homo- und Transsexuellen debattiert. John Fisher, Lobbyist bei der UNO, zieht Bilanz über die Fortschritte im Menschenrechtsrat, der diese Woche seine Session beendet.

Zu Beginn seiner 19. Session diskutierte der UNO- Menschenrechtsrat über Diskriminierungen und Gewalt gegen Homosexuelle oder Transsexuelle.

Laut UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon war es eine historische und dringende Debatte: "Der Menschenrechtsrat ist von seinem Mandat her verpflichtet, die Rechte aller Menschen zu schützen. Viele Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Transsexuelle werden gefoltert, gefangen genommen oder getötet."

Navi Pillay, die Hochkommissarin für Menschenrechte, sagte, sie sei überzeugt, dass "niemand im Rat solche Gewalttätigkeiten toleriere. Gewalt gegen Homo- und Transsexuelle gibt es überall auf der Welt. Gewisse Staaten verfügen über Schutzmechanismen, doch oft sind die Polizeikräfte ungenügend geschult für diese Problematik. Vielfach getrauen sich die Opfer zudem nicht, Anzeige zu erstatten". Pillay betonte, dass der "Menschenrechtsrat bei systematischer Gewalt reagieren müsse.

Respekt vor Ehe und Familie

Pakistan wandte sich im Rat gegen diese Sicht der Dinge. Die Organisation für islamische Zusammenarbeit habe sich gegen eine Debatte über die Frage der sexuellen Orientierung ausgesprochen, so das Argument.

Auch die arabischen Länder waren dagegen. "Aufgrund der aktuellen Probleme fragt sich die Gruppe der arabischen Länder, ob es wirklich angebracht ist, diese Frage zu behandeln", sagte der Vertreter von Mauretanien. Die arabische Gruppe bekräftigt ihre kategorische Ablehnung dieser Debatte und stellt ihr den Respekt vor der Ehe und der Familie gegenüber."

Nachdem er das Ausmass der Diskriminierungen in Erinnerung gerufen hatte, gab der Vertreter der Schweiz seinem Bedauern darüber Ausdruck, "dass gewisse Delegationen sich entschlossen haben, nicht an dieser Debatte teilzunehmen. Unser Verständnis der Menschenrechte fordert, dass sie für alle, und zwar ohne Diskriminierung angewendet werden".

John Fischer ist Ko-Direktor der Nichtregierungs-Organisation ARC International, die weltweit die Rechte der Homo- und Transsexuellen vertritt.

swissinfo.ch: Ist diese Debatte ein Fortschritt?

John Fischer: Als ich vor sechs Jahren nach Genf gekommen bin, war dieses Thema noch völlig inexistent. Gewisse Länder waren der Meinung,  das Thema Homosexualität habe innerhalb der UNO nichts zu suchen. Dies, obschon es in allen Gesellschaften Homosexuelle gibt.

Diese offizielle Debatte ist also sehr wichtig. Es ist das erste Mal, dass eine Plenarversammlung der UNO das Thema der sexuellen Orientierung und Identität unter dem Blickwinkel der Menschenrechte  diskutiert.

Die Debatte geht zurück auf eine Resolution, die Südafrika mit Unterstützung von Ländern aus allen Teilen der Welt im Juni 2011 eingereicht hat. Das ist eine bedeutende Entwicklung, denn in der Vergangenheit waren viele Länder stark polarisiert in dieser Frage, was jeglichen Fortschritt blockiert hat.

swissinfo.ch: Im letzten Jahr hat US-Aussenministerin Hillary Clinton eine bemerkenswerte Rede gehalten. War das Engagement der USA entscheidend?

J.F.: Die Rede war ein wichtiger Beitrag zur Debatte. Die Botschaft war stark und klar. Es wäre jedoch falsch, die Dynamik innerhalb der Staaten auf einen Grund zurückzuführen.

Südafrika hat innerhalb der afrikanischen Gruppe eine zentrale Rolle gespielt, genauso wie Ruanda, das vor zwei Jahren vor der UNO-Generalversammlung eingeräumt hat, dass die Frage für das Land eine sehr schwierige Problematik sei. Dennoch sei es wichtig, die Rechte jeder Person zu respektieren.

Auch die Zivilgesellschaft und andere Länder haben zu möglichst guten Voraussetzungen beigetragen. Jetzt ist die Debatte lanciert, und alle anerkennen, dass sich die UNO mit dem Thema auseinandersetzen muss.

swissinfo.ch: Welche Ziele haben Sie?

J.F.: Wie alle Gleichstellungs-Bestrebungen ist es ein Kampf, der nie zu Ende ist. Es gibt noch viel Arbeit, denn 76 Länder kriminalisieren die Homosexualität weiterhin.

Es ist nicht unbedingt nötig, neue Gesetze oder eine internationale Konvention zu verabschieden. Wir beziehen uns auf das bestehende Recht, das Recht auf Leben und freie Meinungsäusserung.

Konkret müssen die Staaten das internationale Recht auch auf die wegen ihrer sexuellen Orientierung stigmatisierten Menschen anwenden.

swissinfo.ch: Wird es um dieses Thema eine Polemik geben wie in der Frage der Diffamierung der Religionen?

J.F.: Wir sind von einem Konsens noch weit entfernt. Während dem Panel haben die Delegierten der Organisation der islamischen Konferenz den Saal unter Protest verlassen.

Doch zwei Tage später hat der Vatikan mit Vertretern der islamischen Konferenz einen Runden Tisch organisiert. Alle Anwesenden haben anerkannt, dass Gewalt gegen Homosexuelle unentschuldbar sei.

Alle Regionen

"In allen Regionen der Welt leiden Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung unter Gewalt und Diskriminierung.

In vielen Fällen reicht es, dass eine Person homosexuell oder transsexuell ist, um sie in Gefahr zu bringen.

Bei den begangenen Gewalttaten handelt es sich um Morde, Vergewaltigungen, Gewaltanwendungen, Folterungen und missbräuchliche Freiheitsberaubungen.

Es gibt zudem Verstösse gegen die Versammlungs- und Redefreiheit, das Recht auf Information und Diskriminierungen in den Bereichen Arbeit, Gesundheit und Erziehung."

(Aus dem Bericht der UNO-Hochkommissarin Navi Pillay.)

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Französischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch


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