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Schutz für Schweizer Fussballklubs gefordert

Schuld hat der Präsident, nicht der Spieler: Zum zweiten Mal innert sieben Jahren liegt Servette-Genf am Boden. Keystone

Neuenburg Xamax ist beerdigt, Servette-Genf vor dem Aus: der Schweizer Klubfussball ist in der Krise. Die Presse hat die Schuldigen identifiziert: Hochstapler als Präsidenten, welche die Vereine ruinieren. Gefordert wird ein Schutz à la Bundesliga.

Erst fuhr Bulat Tschagajew Neuenburg Xamax an die Wand, der Tschetschene sitzt seit Ende Januar in Untersuchungshaft.

Danach war es ein Iraner, der den Traditionsverein Servette ausblutete und jetzt einen Schuldenberg von drei Millionen Franken hinterlässt: Majid Pishyar hat sich via Webseite verabschiedet und die Schweiz Richtung USA verlassen, derweil die Bücher des Klubs beim Bezirksgericht hinterlegt wurden.

«Die Situation ist dramatisch. Es ist absolut möglich, dass die Meisterschaft mit acht Teams beendet wird», reagierte Heinrich Schifferle, Präsident der Schweizer Fussballliga (SFL), auf die Hiobsbotschaft. Die SFL ist für die Lizenzierung der Klubs verantwortlich und regelt die Meisterschaft.

«Auch Servette steht vor dem Lichterlöschen», schreibt Der Bund. «Zweiter Westschweizer Superligist vor dem Ende», meldet das Bündner Tagblatt. «In Genf herrscht Tristesse», so das St. Galler Tagblatt. «Servette: Konkurs oder Übernahme», umreisst die Basler Zeitung die Alternativen. «Nur ein neuer Investor kann Servette jetzt noch retten», glaubt auch die Aargauer Zeitung.

50+1 gegen Scharlatane

«Stoppt diese Scharlatane!», fordert der Blick unmissverständlich. «Sudden Death. Den Begriff vom ‚plötzlichen Tod‘ kennt man vom Eishockey. Jetzt grassiert er im Fussball. Xamax ist beerdigt. Die Gruft für Servette ist ausgehoben. Der marode Klub liegt drin. In den nächsten Tagen wird das Grab zugeschüttet», schreibt die Boulevardzeitung.

Das Hauptproblem sei Präsident Majid Pishyar, der in einer Reihe stehe mit Leuten wie Waldemar Kita, Marc Roger, Igor Belanow, Gilbert Kadji oder Bulat Tschagajew. «Scharlatane, die aus diffusen Gründen Klubs übernehmen und an die Wand fahren. Noch nie war das Engagement eines ausländischen Mehrheitsaktionärs nachhaltig und erfolgreich», stellt die Zeitung fest.

Die Heilsversprecher aus dem Ausland gingen stets nach demselben Muster vor, beobachtet die Westschweizer Zeitung Le Matin. «Sie haben ihre neuen Partner verzaubert, indem sie ihnen die Verwandlung der kleinen Provinzorganisation in eine Referenz auf der internationalen Skala versprachen.»

Zum Schutz der Schweizer Klubs vor solchen Figuren gibt es für den Blick nur eine Lösung: «Die 50+1-Klausel, wie sie die Bundesliga kennt, muss kommen. Das heisst: Kein einzelner Investor kann bei einem Verein die Mehrheit übernehmen. Dieses unberechenbare Klumpenrisiko muss ausgeschaltet werden. Die Liga ist gefordert. Sonst findet dieses Debakel nie ein Ende.»

Lokale und regionale Verankerung zwingend 

Tages-Anzeiger und Bund sprechen von einem «Theater der Albträume». Nachdem Pishyar 2007 schon den österreichischen Verein Admira Wacker Mödling ruiniert hatte, sei nun Servette zum nächsten Opfer des iranischen Unternehmers geworden.

«Wie bei Xamax war bei Servette einer am Werk, dem jeder Bezug zur Region fehlte. Vielflieger Pishyar mangelte es in der zweitgrössten Stadt des Landes an Beziehungen und dem Zugang zu Sponsoren», so die Analyse. Angesichts der Finanzkrise habe der Iraner mehr und mehr über fehlende Unterstützung gejammert. «Anders Clubs wie Basel, Sion oder der FCZ: Ihre Präsidenten schaffen dank lokaler Verankerung Identifikation.»

Es sei die Verkennung der lokalen Strukturen gewesen, welche den Präsidenten aus dem Iran hätten scheitern lassen, so die Tribune de Genève. «Nach der Übernahme von Servette hoffte er auf grosszügige Unterstützung seitens des calvinistischen Genfs. Dieses aber will schon seit langer Zeit nichts mehr wissen von Investitionen in den Spitzenfussball.»

«Es fehlt die Verbundenheit», steht auch für das St. Galler Tagblatt fest. Die Krise, die sich in der Westschweiz manifestiere, zeige vor allem eines auf: «Ohne Leute, die sich finanziell im Spitzenfussball engagieren, haben die Clubs keine Überlebenschance.»

Der Zürcher Oberländer sieht den Schweizer Fussball «Vor dem nächsten Totalschaden». Wer sich wie ein Monarch aufführe, Unterstützung mit Drohungen erzwingen wolle und bei Unzufriedenheit Lohnzahlungen an die Angestellten aussetze, verspiele als Klubpräsident in der Schweiz jegliche Kreditwürdigkeit – und isoliere sich. «Auch wenn er zuvor die Rechnungen bezahlt und dem Klub zum Aufstieg verholfen hat», so der Zürcher Oberländer.

Kein Straftäter wie Tschagajew 

Als einzige Zeitung wirft die Neue Zürcher Zeitung den Iraner Pishyar nicht in denselben Topf mit Bulat Tschagajew oder dem Franzosen Marc Roger, der Servette 2005 in den Ruin getrieben hatte. «Pishyar und Genf blieben sich zwar immer kulturfremd. Aber bis jetzt ist nicht bekannt, dass Pishyars Verhalten justiziabel gewesen wäre. Zudem hat er den Klub nicht so aufgebläht wie Roger oder Tschagajew, die derart exorbitante Spielerlöhne gezahlt hatten, dass gar keine andere Wahl geblieben war, als das überteuerte Konstrukt in den Konkurs zu schicken.»

Die NZZ betitelt Pishyar als «Fassadenkünstler bei Servette» und versucht, die Person des abgereisten Iraners zu ergründen. «Pishyar ist ein Fassadenkünstler, distinguiert und einnehmend, aber hinter seiner Zuvorkommenheit auch cholerisch und unberechenbar; lange zahlte er für Servette viel Geld, mehr als 500’000 Franken im Monat, hatte er behauptet. Aber jetzt reisst er sich von Servette los wie vor acht Jahren vom österreichischen Verein Admira Wacker Mödling.»

Nicht die einzigen Schuldigen 

«Keine Macht den Mischlern», fordert auch die Basellandschaftliche Zeitung, weist aber darauf hin, dass dubiose Figuren aus dem Ausland nicht die einzigen Sündenböcke in diesem Drama seien. «Denn es hätte gar nie so weit kommen dürfen, dass ein Mann wie Pishyar einen Klub wie Servette führt. Aber wenn sich in einer der reichsten Städte der Welt keine Lokalfürsten finden, die sich im Sport engagieren, hat diese Stadt auch nichts anderes verdient.»

Die Basellandschaftliche Zeitung nimmt aber auch die Aufsichtsbehörde in die Pflicht. «Und wenn die Liga die Hürden weiterhin so tief hält, damit sich dubiose Figuren wie Tschagajew und Pishyar im Schweizer Fussball tummeln können, braucht sie sich um den Imageschaden nicht zu kümmern. Wie wäre es, wenn die Liga bei der Lizenzierung künftig eine Bankgarantie einfordert?», fragt die Zeitung.

Ende Februar 2012 deponiert Servette-Genf seine Bilanz. Ob der Konkurs verhängt wird, entscheidet sich in den nächsten Tagen.

Ende Januar 2012 hatte die Schweizer Fussballliga dem Verein Neuenburg Xamax die Lizenz entzogen, nachdem Präsident Tschagajew Rechnungen, Löhne und Sozialleistungen nicht bezahlt und eine Bankgarantie gefälscht hatte. Der Tschetschene sitzt seither in Untersuchungshaft.

2005 wurde Servette von der Super League in die 1. Liga zwangsrelegiert, nachdem der Genfer Klub unter dem damaligen Präsidenten Marc Roger die Bilanz deponieren musste.

2002 musste Lausanne-Sports wegen eines Schuldenbergs von drei Mio. Franken den Weg in den Amateurfussball antreten. 

Beide Westschweizer Klubs schafften erst im Frühjahr 2011 den Wiederaufstieg in die höchste Liga.

Ebenfalls 2002 verhängte die Nationalliga den Zwangsabstieg gegen den FC Lugano und den FC Sion.

Die Walliser fochten das Verdikt vor Gericht erfolgreich an und konnten in der Super League weiter spielen.

Die 50+1-Regel verhindert, dass deutsche Profi-Klubs von Investoren übernommen werden können.

Die Stimmenmehrheit verbleibt stets bei den Klubs, ungeachtet der Aktienmehrheit der Investoren.

Ausnahmen sind einzig Wolfsburg und Leverkusen, die beides reine Werksmannschaften sind (von Volkswagen resp. dem Pharmakonzern Bayer).

Nach Klage eines Klubs (Hannover) wurde die Regel im vergangenen August vom Ständigen Schiedsgericht der Deutschen Fussball-Ligen modifiziert.

Neu verfügen Investoren über die Stimmenmehrheit in einem Klub, wenn sie diesen während der letzten 20 Jahre unterstützt haben. Die Absegnung durch die DFL-Klubs Anfang Dezember gilt als sicher.

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