Grenzgänger der Moderne: Kurt Schwitters im Zentrum Paul Klee
Kurt Schwitters hat sich nie festlegen lassen auf eine der künstlerischen Gruppe im frühen 20. Jahrhundert. Seine Arbeiten verbinden Kunst, Architektur, Design und Literatur. Diese Vielfalt zeigt die Ausstellung "Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde" in Bern.
(Keystone-SDA) «Radikaler Erneuerer» und «Grenzgänger zwischen den avantgardistischen Strömungen seiner Zeit» sind Attribute, die das Zentrum Paul Klee (ZPK) Kurt Schwitters (1887-1948) zuschreibt. Zentrales künstlerisches Markenzeichen von Schwitters ist sein Prinzip «Merz». Seine «Ursonate» (1923-1932) als epochenüberdauerndes Werk des Dadaismus oder sein dadaistisches Gedicht «An Anna Blume» (1919) sichern ihm bis heute eine gewisse Bekanntheit.
Mit seinem Werk und Leben habe Schwitters spätere Generationen von Künstlerinnen und Künstlern geprägt, beispielsweise Jean Tinguely oder Thomas Hirschhorn, schreibt der Kurator Martin Waldmeier in einer Mitteilung des ZPK.
Künstlerisches Recycling
Für das Prinzip «Merz» waren die Zustände nach dem Ersten Weltkrieg prägend. «Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz», sagte Schwitters selber. Den Begriff hat er erfunden, um fortan alle Aktivitäten unter dieser Bezeichnung zusammenzuführen. Es entstanden Collagen und Assemblagen aus Fund- und Wegwerfmaterialien – sogenannte Merzbilder.
Und zentral: Ab 1923 entstand in seinem Haus in Hannover der sogenannte Merzbau, eine begehbare Skulptur oder Kunstgrotte aus Holz, Gips und allerlei Fundstücken, die Architektur und Collage miteinander vereint. 1943 zerstörte eine Brandbombe diesen Merzbau. In den 1980er-Jahren hat der Schweizer Bühnenbildner Peter Bissegger den Merzbau anhand weniger erhaltener Fotografien rekonstruiert.
Die Merzbilder und der -bau gelten als frühes Konzept von künstlerischem Recycling und Remix sowie als Vorläufer heutiger Installationskunst. Für Schwitters lag der Wert der Kunst nicht im Material, sondern in der geistigen Wertschöpfung. Diese habe sich in der Fähigkeit gezeigt, «aus dem Chaos eine neue harmonische Ordnung entstehen zu lassen und der Vergänglichkeit aller Dinge mit künstlerischen Mitteln zu begegnen», schreibt das ZPK.
Unabhängig und eigenwillig
Schwitters hat mit internationalen Avantgarde-Bewegungen, wie Dada, De Stijl oder den russischen Konstruktivisten, zwar Kontakte gepflegt, sich ihnen aber nie angeschlossen. Politisch hat er seine Unabhängigkeit stets bewahrt und die Autonomie der Kunst betont.
Die Ausstellung «Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde» gibt einen Überblick über das breite Schaffen dieses Künstlers. Sie ist die grösste Retrospektive von Schwitters, die je in der Schweiz gezeigt wurde und chronologisch aufgebaut, vom Frühwerk bis in die Exiljahre. Herzstück ist der Nachbau des Merzbaus, der ergänzt wird durch zwanzig Assemblagen, Reliefs und Skulpturen. In den umliegenden Räumen werden Collagen, Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Druckgrafiken, Publikationen und typografische Arbeiten gezeigt.
Dabei präsentiert die Ausstellung auch bis anhin wenig bekannte Werke. Zu sehen sind Porträts und Landschaften, die er im Exil in Norwegen und England gefertigt hat, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Prägend für schweizerisches Grafikdesign
Kurt Schwitters wurde 1887 als Sohn von Geschäftsleuten in Hannover geboren. Nach akademischen Studien wandte er sich dem Expressionismus und der Abstraktion zu. Seine erste Einzelausstellung hatte er 1921. Ab 1924 war er vermehrt auch in der Werbung als Gestalter und Typograf tätig. Seine Idee hier war, die kulturellen und künstlerischen Aufgaben der Gestaltung und der Typografie zu etablieren. Damit hat Schwitters auch das schweizerische Grafikdesign geprägt.
1933, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde Schwitters in Deutschland als «entartet» diffamiert. Ende der 1930er-Jahre ging er ins Exil nach Norwegen. Nach dem Überfall der Deutschen auf Norwegen floh er weiter nach England. Dort starb er 1948, einen Tag, nachdem er die britische Staatsbürgerschaft erhalten hatte.
Die Ausstellung, die ihm das ZPK nun widmet, ist von 20. März bis 21. Juni zu sehen.