Knochen in den Museumsdepots: Wie die Schweiz ihr kolonialer Schatten einholt
Der Kanton Basel-Stadt gibt die Überreste von drei Indigenen an Chile zurück. Für die Gemeinschaft der Kawésqar ist es ein Akt der Würde und der Heilung, für die Schweiz ist es noch immer ein Anfang: In ihren Museen lagern mindestens 4000 menschliche Überreste aus der Kolonialzeit.
«Heute wollen wir Sie um Entschuldigung bitten», sagte Basil Thürig, Co-Direktor des Naturhistorischen Museums Basel, während der Zeremonie zur Rückführung der sterblichen Überreste dreier Menschen mit Kawésqar-Abstammung an ihre Nachkommen.
Diese Überreste hätten einst der Rassenforschung gedient, die menschliche Wesen zu Forschungsobjekten gemacht und rassistische Hierarchien sowie koloniale Gewalt legitimiert hätten, so Thürig weiter. Von dieser Zeit hat sich der Kanton Basel-Stadt nun distanziert.
Es sei eine Entschuldigung für eine Vergangenheit, «für die keiner der heute Anwesenden eine direkte Verantwortung trägt», sagt Francisco González. Er steht an der Spitze der Stiftung Pueblo Kawésqar und war die treibende Kraft hinter den Verhandlungen, die zur Rückgabe der Überreste geführt haben. Bei der Zeremonie am 10. September im Grossratssaal des Kantons Basel Stadt wurde er von zehn Mitgliedern seiner indigenen Gemeinschaft begleitet.
Heilung bedeute nicht, Forderungen zu stellen oder gegen diejenigen zu protestieren, die etwas getan hätten, sagte González. «Denn weder wir haben diesen Prozess durchlebt noch die Schweizerinnen und Schweizer von heute. Aber wir sind die Erben einer Geschichte, die uns verbindet. Und genau das tun wir mit dieser Initiative: Wir laden zum Erinnern ein – aber zum Erinnern, um zu heilen.»
Die Entdeckung einer Studentin
Es war eine Studentin, die in den Sammlungen des Naturhistorischen Museums Basel recherchiert hatte, die auf die Existenz der Überreste der Kawésqar-Vorfahren gestossen war und die chilenische Stiftung informiert hatte.
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Untersuchungen zeigen, dass es sich um den Schädel einer männlichen Person, vermutlich aus Feuerland, sowie um zwei vollständige Skelette handelt: jenes eines Mannes, der im Alter zwischen 35 und 40 Jahren gestorben war, und jenes einer Frau, die etwa 18 Jahre alt wurde. Die Skelette waren gemeinsam aus einer Grabstätte auf der Insel Santa Inés entwendet worden.
Laut der Provenienzforschung wurden diese menschlichen Überreste zwischen 1909 und 1914 in Punta Arenas von zwei Schweizern erworben: Arnold Masarey (1881-1953), einem Basler Arzt und Naturforscher, sowie Ludwig Paravicini (1868-1953), einem Börsenmakler und Sammler aus Basel. Beide standen in Kontakt mit dem Anthropologen Fritz Sarasin (1859-1942), dem Leiter der anthropologischen Sammlung des damaligen Museums für Völkerkunde, dem sie die Ahnenreste zusandten.
Aus einem Brief Ludwig Paravicinis an Fritz Sarasin aus dem Jahr 1914 geht hervor, dass ein Deutscher die Bestattung der beiden Verstorbenen beobachtet hatte. Später habe er die Körper aus dem Grab geholt und «Stück für Stück in seinem eigenen Kochgeschirr ausgekocht». Der Brief hält zudem fest, dass Paravicini die Überreste beider Personen von diesem Mann gekauft hatte.
Drei von mehr als 4000 menschlichen Überresten in Schweizer Museen
Im Sommer 2024 hatte Basel bereits die sterblichen Überreste von 42 Veddah-Vorfahren an Sri Lanka zurückgegeben. Es handelte sich um eine der ersten grossen Restitutionen menschlicher Überreste durch ein Schweizer Museum.
Die Schweiz bewahrt jedoch weiterhin mehr als 4000 menschliche Überreste unklarer oder unzureichend dokumentierter Herkunft auf, wie ein 2025 veröffentlichter BerichtExterner Link der Universität Lausanne zeigt. Der grösste Teil dieser Knochen und Skelette befindet sich in Sammlungen in Basel und Zürich.
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Eine Drehscheibe im Kolonialismus
Während menschliche Überreste in den Museen ehemaliger Kolonialmächte meist aus deren früheren Kolonien stammten, weisen Schweizer Sammlungen Überreste aus nahezu allen Weltregionen auf. Das belegt laut den Forschenden der Universität Lausanne, dass die Schweiz institutionell mit den grossen Kolonialreichen ihrer Zeit verflochten gewesen sei.
Obwohl die Schweiz nie über formelle Kolonien verfügte, seien ihre Forschungs-, Sammlungs- und Konservierungsinstitutionen seit der Kolonialzeit häufig Drehscheiben für den internationalen Austausch von Objekten, Daten und wissenschaftlichen Theorien gewesen. Diese Geschichte sei bislang unzureichend erforscht, kritisierten Bernhard C. Schär, Fabio Rossinelli und Ahmet Köken in ihrem Bericht.
Provenienzforschung nötig
Die Autoren haben dem Bundesamt für Kultur (BAK) empfohlen, seine Unterstützung für die Provenienzforschung menschlicher Überreste deutlich auszubauen und sichtbarer zu machen. Zudem regten sie die Einrichtung einer öffentlich zugänglichen Plattform an, auf der Herkunftsgemeinschaften leicht herausfinden können, ob sich die Überreste ihrer Vorfahren in Schweizer Sammlungen befinden.
Bereits 2007 bekräftigte die UNO-Generalversammlung das Recht indigener Völker auf Zugang zu den Überresten ihrer Vorfahren sowie auf deren selbstbestimmte Rückführung.
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Basel als Vorreiter
Diesen Weg geht auch das Naturhistorische Museum Basel. Es hat seine ProvenienzlisteExterner Link menschlicher Überreste aus kolonialen Kontexten online veröffentlicht. Die anthropologische Sammlung umfasst mehr als 1500 Individuen, darunter Personen aus Ägypten (30), Peru (30), Sri Lanka (55) und Indonesien (203).
«Für Basel Stadt und für unsere Museen ist es Teil unserer Verantwortung, dass wir uns mit der Herkunft unserer Sammlungen auseinandersetzen. Und dass wir da die Konsequenzen ziehen, wo vor 100 Jahren oder vor noch längerer Zeit Dinge gemacht wurden, die wir heute nicht mehr verstehen können oder nicht mehr als ethisch betrachten», sagt Conradin Cramer, Regierungspräsident von Basel Stadt zu Swissinfo.
Der Kanton werde seiner Verantwortung für das kulturelle Erbe nachkommen. Nicht zuletzt sollen so auch Reputationsschäden durch einen intransparenten Umgang mit belasteten Objekten vermieden werden.
«Basel-Stadt ist der erste Kanton der Schweiz mit einer gesetzlichen Grundlage, die die staatlichen Museen zur Erforschung der Herkunft ihrer Sammlungen verpflichtet. Doch Gesetze allein genügen nicht. Es braucht auch die nötigen finanziellen Mittel», so Cramer.
Dafür beantragte die Regierung des Kantons Basel-Stadt beim Grossen Rat erneut vier Millionen Franken für die Weiterführung der Provenienzforschung in den kantonalen Museen. Wie bereits für die Periode 2023 bis 2026 sind die Mittel für die Jahre 2027 bis 2030 vorgesehen.
Ein neues Kapitel
Für Francisco González von der Stiftung Pueblo Kawésqar steht fest: «Die RestitutionExterner Link ist nicht der Schlusspunkt einer Tragödie, sondern der Beginn einer historischen Versöhnung.»
Dieses neue Kapitel der Rückführungen hält der Schweiz einen unbequemen, aber notwendigen Spiegel vor. Zwar besass die Eidgenossenschaft nie eigene Überseekolonien, doch spielten Wissenschaftler, Händler, Sammler und Museen des Landes nach Ansicht zahlreicher Historiker:innen eine aktive Rolle in globalen kolonialen Netzwerken. Die Rückgabe dieser drei Vorfahren in die Region Patagonien ist deshalb mehr als ein symbolischer Akt. Sie steht auch für die wachsende Bereitschaft von Schweizer Institutionen, sich kritisch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Die Überraste sind nun auf dem Weg in den äussersten Süden Amerikas an. Für OktoberExterner Link ist eine Zeremonie in Punta Arenas geplant.
Bereits 2010 wurde eines der schmerzhaftesten Kapitel dieser Geschichte geschlossen, als fünf Skelette von Angehörigen der nahezu ausgelöschten Kawésqar-Gemeinschaft an Chile zurückgegeben wurden.
Die Betroffenen waren 1881 von einem deutschen Geschäftsmann verschleppt worden, um in verschiedenen europäischen Städten in sogenannten Völkerschauen, auch «Menschenzoos» genannt, ausgestellt zu werden.
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Wie steht die Schweiz im europäischen Vergleich da?
Bei der Rückgabe menschlicher Überreste und Kulturgüter aus kolonialen Kontexten gehört die Schweiz nicht zu den Vorreitern Europas. Deutschland, die Niederlande und Belgien haben in den vergangenen Jahren grössere Restitutionsprogramme lanciert. Auch Österreich arbeitet an einem rechtlichen Rahmen für die Rückgabe von Objekten aus kolonialen Kontexten.
Für die Schweiz stellt sich damit dieselbe Frage wie für viele andere europäische Länder: Wie lässt sich mit Sammlungen umgehen, die in kolonialen Machtverhältnissen entstanden sind, und welche Verantwortung tragen die Institutionen, die diese heute aufbewahren?
Editiert von Marc Leutenegger
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