Ursprünge der Archäologie in der Schweiz: «Es war Liebhaberei»
Lehrer, Förster und Bauern machten einst grosse archäologische Entdeckungen. Ist die Zeit der spektakulären Funde damit vorbei? Nein, sagt Archäologe Adriano Boschetti.
Swissinfo: Wie unterscheidet sich die Archäologie von vor 100 Jahren von der heutigen Archäologie?
Adriano Boschetti: Die Archäologie hat in den letzten hundert Jahren enorme Veränderungen durchgemacht. Vor hundert Jahren war sie primär geisteswissenschaftlich geprägt. Gewisse methodische Grundprinzipien gab es zwar bereits, aber vieles war noch stark von persönlichem Interesse und Liebhaberei geprägt.
Ein grosser Wandel kam in den 1960er- und 1970er-Jahren, als naturwissenschaftliche Methoden stärker Einzug hielten und sich die Archäologie institutionalisierte.
In den letzten 20 bis 30 Jahren kam dann zusätzlich die Digitalisierung hinzu. In jeder Hinsicht sind die Unterschiede also gross. Gleichzeitig gibt es gewisse Grundlagen, die bis heute gleich geblieben sind.
Wenn man frühe Fundberichte liest, hat man den Eindruck, dass ständig sensationelle Funde gemacht wurden. Dinge, die heute grosse Aufmerksamkeit erhalten würden, wurden damals auf wenigen Zeilen abgehandelt. Beim Lesen entsteht der Eindruck, Archäologie sei damals einfacher und erfolgreicher gewesen. Gibt es aus dieser Zeit etwas, das Sie vermissen würden?
Nein. Es war teilweise eine Art Wildwest-Zeit, und dorthin möchte man nicht zurück. Natürlich baut die heutige Archäologie auf den Arbeiten des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf. Ohne diese Grundlagen wäre die heutige Forschung nicht denkbar.
Aber es waren nicht spektakulärere Entdeckungen, es war vielmehr Neuland. Gleichzeitig ist man heute bei vielen alten Grabungen frustriert, weil zu wenig dokumentiert wurde oder Informationen verloren gingen.
Oft wurde später kritisiert, wie ausgegraben wurde.
Vieles wirkt aus heutiger Sicht chaotisch. Aber man darf nicht vergessen: Die methodischen Standards mussten sich erst entwickeln. Der Unterschied zur Geschichtswissenschaft ist dabei zentral: Eine Urkunde kann man später erneut lesen. Eine archäologische Grabung hingegen zerstört den Befund unwiederbringlich.
Auffallend ist, dass viele frühe Archäologen Laien waren – Lehrer, Förster oder Gemeindeschreiber.
Absolut, die Archäologie war damals stark von interessierten Persönlichkeiten geprägt. Viele betrieben das neben ihren eigentlichen Berufen. Man darf das aber nicht abwertend verstehen.
«Laie» bedeutet in diesem Zusammenhang einfach, dass sie keine akademische Ausbildung in Archäologie hatten – oft existierte dieses Studium damals noch gar nicht. Albert Jahn etwa hatte Altertumswissenschaften studiert, unter anderem in Deutschland.
Aber viele andere waren Autodidakten mit enormem Wissen und grossem Engagement. Gerade in der Frühzeit der Urgeschichtsforschung spielten naturwissenschaftlich orientierte Personen eine wichtige Rolle.
Woher hatten die Laien ihr Wissen?
Die Grenzen zwischen Profis und Laien waren viel fliessender als heute. Man korrespondierte miteinander, schickte Zeichnungen und Funde zur Beurteilung weiter. Die Forschung war von Anfang an vernetzt, es brauchte oft ein Zusammenspiel verschiedener Personen – damals waren es fast nur Männer.
Eine Person konnte Funde wissenschaftlich einordnen, andere – Förster, Fischer oder Bauern – machten die eigentlichen Entdeckungen draussen im Gelände.
Wie wichtig sind private Funde heute?
Lokale Kennerinnen und Kenner leisten noch immer einen wichtigen Beitrag. Viele haben in ihrer Region ein enormes Wissen aufgebaut und melden neue Fundstellen oder Beobachtungen.
Es gibt auch Vereine, etwa für Burgruinen oder lokale Geschichte, die wertvolle Arbeit leisten. Das hilft nicht nur bei der Forschung, sondern auch bei der Sensibilisierung für den Kulturgüterschutz.
Was darf eine Privatperson ausgraben?
Sobald man aktiv in den Boden eingreift oder technische Hilfsmittel verwendet, wird es problematisch. Grabungen oder der Einsatz von Metalldetektoren brauchen eine Bewilligung.
Sie kennen den Kanton Bern. Welche spektakulären Entdeckungen gab es hier in den letzten Jahren?
Bedeutend war zum Beispiel die Entdeckung einer keltischen Siedlung bei Roggwil. Dort stellte sich heraus, dass man im schweizerischen Mittelland, in einer eigentlich gut erforschten Region, vor wenigen Jahren noch eine keltische Stadt nachweisen konnte.
Auch die Bronzehand von Prêles zeigte, was durch Zufallsfunde plötzlich möglich wird. Manchmal sind es aber gar nicht spektakuläre Einzelobjekte, sondern grossflächige Erkenntnisse: etwa zur bronzezeitlichen Besiedlung des Mittellandes oder der Voralpen. Dadurch verstehen wir heute viel besser, wie dicht gewisse Regionen bereits damals besiedelt waren.
Kann man in den Alpen noch mit grossen Entdeckungen rechnen – etwa wegen der Gletscherschmelze?
Nicht unbedingt nur dort. Der Fund von Roggwil oder die Entdeckungen im Thunersee zeigen, dass auch das Mittelland noch enormes Potenzial hat.
Wenn man die archäologischen Karten betrachtet, wirken Alpenregionen oder das Emmental oft «leer». Ich glaube aber nicht, dass das der historischen Realität entspricht. Häufig liegen Fundschichten dort einfach tiefer oder werden durch Bauarbeiten weniger oft angeschnitten.
Warum findet man aus gewissen Epochen eher wenig?
Das ist eine zentrale Schwierigkeit der Archäologie. Es gibt Zeiten, aus denen wir sehr viele Gräber oder Siedlungen kennen, und andere, aus denen fast nichts erhalten ist. Trotzdem muss man meist von einer kontinuierlichen Besiedlung ausgehen. Die Römer hinterliessen beispielsweise viele materielle Spuren.
Bei frühmittelalterlichen Gesellschaften ist das oft anders. Vielleicht wurde mehr recycelt, vielleicht entsorgte man Abfälle anders oder verwendete weniger langlebige Materialien. Man darf diese «Lücken» deshalb nicht überinterpretieren. Die Archäologie zeigt uns immer nur einen kleinen Ausschnitt der Vergangenheit.
Liegen noch viele grosse Entdeckungen im Boden?
Wahrscheinlich schon. Manchmal denkt man, die grossen Funde seien längst gemacht worden. Doch muss nicht in den Amazonas reisen, um bedeutende archäologische Entdeckungen zu machen.
Auch in der Schweiz gibt es noch enormes Potenzial. Wer weiss ausserdem, welche Fragen zukünftige Generationen einmal stellen werden. Vielleicht erkennen Archäologinnen und Archäologen in 30 Jahren Dinge, die wir heute noch gar nicht wahrnehmen.
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