Bronzedolche und Schneckenschmuck: Lehrer Wuillemin grub Geschichte frei
Er steht für eine Zeit, in der die Archäologie entstand: Hobby-Archäologe Franz Wuillemin zog vor gut 100 Jahren mit Schaufel und Pickel durch die Landschaft von Thun, um Vergangenheit freizuschaufeln. Seine Funde sind heute noch wertvoll.
Männer mit Pickeln und Schaufeln stapften durch die Wälder. Sie öffneten uralte Gräber und bargen Schwerter, Schmuck und Totenschädel. Was sie fanden, wechselte gegen Geld die Hände, verschwand in Privatsammlungen oder landete in Museen.
«Es war teilweise eine Wildwest-Zeit», sagt der Berner Kantonsarchäologe Adriano Boschetti im Interview mit Swissinfo. Gleichzeitig war es der Beginn der modernen Archäologie.
«Die heutige Archäologie baut auf den Arbeiten des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf. Ohne diese Grundlagen wäre die heutige Forschung nicht denkbar. Zugleich ist man heute auch frustriert, weil damals oft zu wenig dokumentiert wurde. So gingen Informationen verloren», sagt Boschetti.
Der Lehrer als Archäologe
Gerade die Region Thun im Berner Oberland zog solche «Renegade-Archäologen» an. Es waren Lehrer, Förster und Gemeindeschreiber, die ihrer Freizeit teils erstaunliche Entdeckungen machten.
Der vielleicht eifrigste Hobbygräber war François «Franz» Wuillemin, ein Lehrer. 1879 in Berlin geboren, wuchs er im freiburgischen Gurmels auf.
1898 erhielt er das Lehrerpatent. Nach der Heirat zog er nach Thun, 1906 übernahm er die Oberklasse im Thuner Weiler Allmendingen, seine Frau Marie unterrichtete die Jüngeren.
Doch Wuillemin war nie nur Lehrer. Zeitgenossen beschrieben den Mann mit Schnauzer und kantigen Gesichtszügen als rastlos. Er sammelte, beobachtete, dokumentierte.
Davon zeugt sein fotografischer Nachlass im Stadtarchiv Thun: Dieser umfasst hunderte Aufnahmen von Landschaften, Höhlen, alten Häusern und archäologischen Entdeckungen.
Auch eine Kamera hatte er dabei, etwa als ein Kiesabbau im «Wylerhölzli» bei Thun-Allmendingen 1920 einen Bronzedolch ans Tageslicht brachte. Wuillemin sicherte die Fundstelle und grub weiter. Zwei Skelette konnte er freilegen, eines von einem Erwachsenen, eines von einem Kind.
In den folgenden Monaten hob er weitere Gräber aus und stiess auf interessante Beigaben: Schmuck aus Meeresschneckenhäusern – ein Hinweis darauf, dass bereits vor Jahrtausenden Tauschbeziehungen über weite Distanzen bestanden.
Das Heiligtum im Boden
Die Region Thun fasziniert Archäolog:innen noch heute durch ihre besondere Lage zwischen Mittelland und Alpen. Bereits in der Urgeschichte kreuzten sich hier bedeutende Verkehrs- und Handelswege. Wuillemins Revier lag denn auch zwischen Thun und den Gemeinden eingangs Simmental, einem Tor zu den Alpen.
Immer wieder liess er sich auf einer markanten Geländekuppe auf dem Strättlighügel fotografieren, die er als «Erdpyramide» bezeichnete, im Hintergrund die Stockhornkette.
Die Aufnahmen zeigen einen Mann im Gelände, mit Hut und Stiefeln, den Blick in die Ferne gerichtet. Die Bilder erinnern an Caspar David Friedrichs Gemälde «Wanderer über dem Nebelmeer» aus der Romantik.
Tatsächlich war die frühe Archäologie geprägt von einer durchaus romantischen Haltung: Der Blick wandte sich zurück zu den Ursprüngen, in eine verborgene Welt unter der Oberfläche.
Und oft genügte ein Zufall, um diese Welt freizulegen. 1926 fuhr ein Bauer mit dem Pflug über ein Feld in Thun-Allmendingen. Plötzlich war Schluss: Die Pflugschar prallte auf einen Widerstand im Boden. Als ein grosser Stein freigelegt wurde, zeigte sich: Er war von Menschenhand geformt.
Damit rückte ein Fundort wieder ins Blickfeld, der fast in Vergessenheit geraten war. Bereits im 19. Jahrhundert wurden hier römische Überreste dokumentiert. Danach verlor sich die Spur.
Wuillemin nahm die Grabungen auf, legte einen grossen Stein mit einer Inschrift frei und entdeckte Fragmente einer Marmorstatuette.
Mit jedem Fund wurde deutlicher, dass hier einst ein weitläufiger römischer Tempelbezirk gestanden hatte, in dem Menschen Götter verehrten und Opfer darbrachten.
Der Hobbyarchäologe dokumentierte akribisch Fundorte und Schichtfolgen. Seine Notizen und Zeichnungen helfen Archäolog:innen noch heute.
Pfahlbaufunde führten zum Umdenken
Wuillemin grub bis zuletzt. Noch 1955 untersuchte er mit seinem Sohn eine Höhle und fand darin Pfeilspitzen aus der Steinzeit. Ein Jahr später erlitt er einen Schlaganfall und starb. In dieser Zeit endete auch eine Epoche: jene der archäologischen Einzelgänger, die auf eigene Faust gruben und sammelten.
Der Wandel hatte jedoch schon früher eingesetzt. Im 19. Jahrhundert lösten Pfahlbautenfunde im Zug der Juragewässerkorrektion in der Schweiz einen regelrechten Archäolgie-Rausch aus. Fundstellen wurden geplündert, Objekte ins Ausland verscherbelt. Schliesslich musste der Staat eingreifen.
Der eigentliche Einschnitt folgte mit dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch, das 1912 in Kraft trat. Erstmals regelte es schweizweit den Umgang mit archäologischen Funden. Altertümer von wissenschaftlichem Wert gehören dem Kanton, in dem sie gefunden werden – so lautete das Gesetz.
Damit verschob sich der Blick. Funde waren keine persönliche Beute mehr, sondern Teil eines gemeinsamen Erbes. Diese Regelung trägt bis heute den Denkmalschutz.
Die Laien sind aber nicht verschwunden, wie Boschetti betont. «Lokale Kennerinnen und Kenner leisten noch heute einen wichtigen Beitrag.»
Problematisch wird es heute aber schon beim Thema Graben: «Wer aktiv in den Boden eingreift oder technische Hilfsmittel verwendet, etwa Metalldetektoren, braucht eine Bewilligung», so Boschetti.
Noch ist nicht alles entdeckt
Dass heute nicht mehr jede:r nach Belieben graben darf, heisst aber nicht, dass nichts mehr entdeckt wird. Im Hitzesommer 2003 kam es zu bedeutenden Gletscherfunden am Schnidejoch.
Auf fast 2800 Metern zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis gab schmelzendes Eis damals sie Artefakte frei, die bis um 4500 v. Chr. datieren – sie sind damit rund 1000 Jahre älter als die Gletschermumie Ötzi. . «Das waren sensationelle Entdeckungen», sagt Boschetti.
Dennoch interessieren sich Archäolog:innen heute weniger für das einzelne spektakuläre Stück, als vielmehr für das grosse Ganze. Und Archäologie bedeutet heute auch, Dinge liegen zu lassen. «Wir können nie alles ausgraben, und zukünftige Generationen werden wahrscheinlich bessere Methoden haben als wir», sagt Boschetti.
Ein Gedanke, mit dem Franz Wuillemin wohl seine Mühe gehabt hätte. Zu stark war sein Drang, jeder Spur bis an ihren Ursprung zu folgen.
Editiert von Balz Rigendinger
Mehr
Ursprünge der Archäologie in der Schweiz: «Es war Liebhaberei»
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch