Integration betrifft alle

Integration ist keine Einbahnstrasse - von einem Gelingen profitieren alle. Keystone

Fast jede fünfte Person, die dauerhaft in der Schweiz lebt, hat keinen Schweizer Pass. Die Idee, dass diese Menschen nicht lediglich verwaltet, sondern im Interesse aller integriert werden müssen, ist nicht neu. Doch erstmals finanziert auch der Bund Integrations-Projekte.

Dieser Inhalt wurde am 05. August 2001 - 18:55 publiziert

Zehn Millionen Franken sind es dieses Jahr, die das Bundesamt für Ausländerfragen in rund 200 Projekte fliessen lässt. Die Auswahl erfolgte durch die Eidgenössische Ausländerkommission. Die Schwerpunkte liegen bei der Förderung von Sprachkenntnissen und Partizipation sowie der Schulung von Schlüsselpersonen.

Regional geht der Löwenanteil (rund eine Mio. Franken für 47 Projekte) in den Kanton Zürich. 12 Projekte in Basel-Stadt erhalten total 670'000 Franken, und 20 Projekte im Kanton Bern werden mit insgesamt 409'000 Franken unterstützt.

Vergleichweise wenig Geld fliesst in die Kantone der Ostschweiz. Dies nicht etwa wegen einem tieferen Ausländeranteil, sondern wegen der geringeren Sensibilisierung gegenüber Integrations-Fragen, wie Christof Meier von der Eidgenössischen Ausländerkommission gegenüber swissinfo ausführte.

Ballungszentren seien insbesondere in den Schulen schon seit längerem mit der Integrations-Problematik konfrontiert und hätten eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut. Es sind denn auch die Städte, wo sich die innovativsten Projekte und Ideen finden.

Basel-Stadt: Potentiale statt Defizite

Der Stadtkanton mit einem Ausländer-Anteil von 27% aus 145 Nationen gilt als Modellstadt in Sachen Integrations-Politik. Grund: Das seit 1999 umgesetzte Integrations-Leitbild bricht radikal mit der herkömmlichen Ausländer-Politik und begründet einen eigentlichen Paradigma-Wechsel.

Die neue Politik sieht in den Zugewanderten nicht Menschen mit Defiziten - "falscher" Pass, "falsche" Kultur, fehlende Landessprache etc. - sondern Menschen mit Fähigkeiten, Kenntnissen und Erfahrungen, die es zu fördern und im Interesse aller zu nutzen gilt.

Die Integrations-Politk von Basel-Stadt orientiert sich an drei Leitideen:

1. Die Potentiale jedes einzelnen fördern und nicht auf Defiziten herumhacken.

2. Integration betrifft alle und ist deshalb ein gesamtgesellschaftliches Anliegen.

3. Ein bewusster und sorgsamer Umgang mit Differenz. Den Menschen als Individuum ernst nehmen.

Angela Bryner - zusammen mit dem Basler Delegierten für Integration und Migration, Thomas Kessler, verantwortlich für die Umsetzung des Leitbildes - betont gegenüber swissinfo die besonderen Potentiale der Migranten und Migrantinnen. Menschen, die den Schritt in die Migration wagen, seien in der Regel Menschen mit der meisten Energie und der grössten Initiative.

Enttäuscht zeigt sich Bryner von der Integrationspolitik des Bundes: Die Schweiz sei alles andere als mutig und liege im internationalen Vergleich um Jahre zurück. So fehle im Integrationsbericht die klare Aussage, dass es keine Alternative zur Integration gebe. Zudem sei die Ausländer-Gesetzgebung nach wie vor von Ausgrenzung geprägt.

"Lernen im Park"

Mit Stolz und Begeisterung erzählt Bryner von den laufenden Integrations-Projekten. Im Zentrum der Bemühungen steht das Erlernen der Landessprache. Da Sprache der eigentliche Schlüssel zur Integration sei, biete Basel Sprachkurse auf allen Ebenen an. Insbesondere "Lernen im Park", das dieses Jahr auch vom Bund unterstützt wird, sei ein voller Erfolg.

Vielen fremdsprachigen Frauen fehlt oft die Zeit oder das Geld für Sprachkurse. "Lernen im Park" geht spezifisch mit einem niederschwelligen Deutschunterricht spezifisch auf die Bedürfnisse fremdsprachiger Mütter ein. Im Sprachkurs unter freiem Himmel ist die Betreuung der Kinder in unmittelbarer Nähe inbegriffen.

Das Angebot stiess auf eine riesige Nachfrage. Mittlerweile werden die Kurse in drei Parks parallel geführt, und Lernwillige müssen sich in Wartelisten eintragen.

Zürich: Abschied von der Fremdenpolizei

Auch in der Stadt an der Limmat mit einem Ausländeranteil von 21% hat ein Umdenken stattgefunden. Ab 1. September heisst die Fremdenpolizei neu "Migrationsamt des Kantons Zürich". Mit dem neuen Namen ist auch eine Neuorientierung verbunden: Gemäss dem Willen der Kantonsregierung soll damit die Entwicklung zu einem "kundenfreundlichen und leistungsorientierten Amt" unterstrichen werden.

URAT - Brücken bauen

Geld vom Bund bekommt auch das von der Caritas initiierte Kontakt-Netz für kosova-albanische Familien URAT. Nationale Bekanntheit erreichte URAT wegen einer besonders unfairen und berüchtigten Kampagne der Zürcher SVP. Mit Plakaten und Inseraten mit dem Schriftzug "Kosovo-Albaner Nein" kämpfte die Partei erfolgreich gegen die finanzielle Unterstützung durch die Stadt Zürich. URAT überlebte dank privaten Spenden.

Albanerinnen und Albaner aus dem Kosovo sind die zweitgrösste Migranten-Gruppe in der Schweiz. URAT (albanisch für Brücke) sucht den Zugang zur kosova-albanischen Bevölkerung über private Kontakte und will damit einen Beitrag leisten zu ihrer besseren Integration.

Dabei pflegen Schweizer Familien einen regelmässigen Kontakt mit einer kosova-albanischen Familie und unterstützen diese in Alltagsfragen. Die Familien werden während der ganzen Zeit von Caritas intensiv betreut. Eine albanische Kulturermittlerin hilft kulturell bedingte Missverständnis aufzulösen.

Misstrauen gegenüber dem Staat

Das Kontaktnetz sei speziell auf Kosovo-Albaner zugeschnitten und lasse sich nicht auf andere Ethnien übertragen, sagte Martina Heuss von der Caritas Zürich gegenüber swissinfo. "Es hat sich gezeigt, dass Kosovo-Albaner besser über private Kanäle erreicht werden."

Denn wegen schlechten Erfahrungen mit staatlichen Institutionen würden Kosovaren offiziellen Kanälen misstrauen. Kaum eine Kosovarin würde sich auf eine offizielle Einladung für einen Deutsch-Kurs melden. Würde ihr der Kurs hingegen von einer Schweizer Bekannten empfohlen, sei die Teilnahme-Bereitschaft viel grösser.

Das Projekt hat Erfolg und immer neue Gemeinden im Kanton kommen hinzu. Gegenwärtig beteiligen sich 120 Familien in 11 Gemeinden am Kontaktnetz. Das Interesse der albanischen Migranten an Kontakten zu Schweizerin sei sehr gross, erklärt Heuss. Seit dem Ende des Kosovo-Krieges sei es aber sehr schwierig geworden, Schweizer Familien für das Projekt zu begeistern.

Hansjörg Bolliger

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