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Versicherung gegen Naturgefahren: Schweizer Solidaritätsmodell als Vorbild?

Ein überflutetes Stadion
Vom Wasser überflutete Gebiete in Thun, Kanton Bern, am 23. August 2005. Keystone / Alessandro della Valle

Das Schweizer Versicherungssystem gegen Hochwasser und andere Naturgefahren ist weltweit einzigartig. Zwanzig Jahre nach der verheerenden «Jahrhundertflut» in der Schweiz könnte der Ansatz andere Länder inspirieren, sich besser auf die immer häufigeren Naturkatastrophen einzustellen.

«Die Aare hat sich ihren Weg durch die Gassen gebahnt und viele Häuser bis zum ersten Stockwerk unter Wasser gesetzt.» So begann der Bericht eines Swissinfo-Journalisten aus der Berner Altstadt.

Das Matte-Viertel stand nach den sintflutartigen Regenfällen, die am 21. und 22. August 2005 über die Zentralschweiz und die Ostschweiz hereingebrochen waren, unter Wasser.

Die Hochwasser von 2005 zählt zu den schlimmsten Naturkatastrophen der jüngeren Schweizer Geschichte. Sechs Menschen verloren ihr Leben, materielle Schäden summierten sich auf rund drei Milliarden Franken.

Zwanzig Jahre später sind die Dämme der Aare zum Teil verstärkt, das Matte-Viertel hat seinen alten Charme zurückgewonnen. Die Reparaturen an privaten Immobilien wurden überwiegend vom schweizerischen Versicherungssystem gegen Naturkatastrophen getragen – einem einzigartigen System, das damals 2,3 Milliarden Franken ausgeschüttet hat.

Das Risiko einer erneuten Überschwemmung kann nicht ausgeschlossen werden – sowohl in Bern wie in zahlreichen anderen Regionen der Schweiz. Überschwemmungen, Erdrutsche, Hagel, Waldbrände und andere Extreme treten weltweit durch den Klimawandel immer intensiver und häufiger auf. Sie werden auch teurer.

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Im ersten Halbjahr 2025 verursachten Naturkatastrophen rund um den Globus versicherte Schäden in Höhe von 80 Milliarden US-Dollar.

Das ist fast das Doppelte des Durchschnitts der letzten zehn Jahre für denselben Zeitraum, so vorläufige Schätzungen der Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re.

Eine Reihe überflutete Altstadthäuser
Das Mattequartier in Bern wurde im August 2005 durch das Hochwasser der Aare überschwemmt. Keystone / Alessandro della Valle

«Der Klimawandel erschwert es zunehmend, Risiken durch Extremereignisse zu versichern, da diese schädlicher, häufiger und variabler werden», sagt Stefano CeolottoExterner Link, Forscher am italienischen Euro-Mediterranen Zentrum für Klimawandel, gegenüber Swissinfo.

Einige Versicherer reagieren, indem sie die Prämien erhöhen, den Versicherungsschutz einschränken oder Policen in Risikogebieten nicht erneuern. In den USA etwa stiegen die Hausversicherungsprämien zwischen 2018 und 2023 um fast 34 ProzentExterner Link. Private Gesellschaften in Kalifornien lehnen ab, neue Verträge in Regionen mit hohem Waldbrandrisiko abzuschliessen.

Das Schweizer Versicherungsmodell für Naturkatastrophen scheint hingegen selbst die verheerendsten Ereignisse absorbieren zu können, wie etwa den Erdrutsch Ende Mai, der das Dorf Blatten im Wallis unter sich begrubExterner Link.

Alle Orte in der Schweiz bleiben versicherbar, auch in Gebieten mit hohem Risiko für Überschwemmungen, Erdrutsche oder Lawinen. Das bestätigen Fachleute, die kürzlich vom französischsprachigen Westschweizer Radio und Fernsehen RTS befragtExterner Link wurden.

Zudem spielen die Versicherungsunternehmen eine proaktive Rolle bei der Schadenverhütung, was hilft, die Kosten von Schäden zu begrenzen. Dieses weltweit einzigartige System könnte für andere Länder als Vorbild dienen.

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Solidarität unter Versicherten: Alle zahlen denselben Beitrag

Das Besondere am Schweizer System ist das Prinzip der doppelten Solidarität: Alle Versicherten und alle Versicherungsgesellschaften teilen sich das Risiko.

In den meisten Kantonen sind Hausbesitzende verpflichtet, eine Versicherung bei einem kantonalen Institut abzuschliessen. Diese öffentlichen Einrichtungen versichern Gebäude gegen Brand und durch die Natur verursachte Schäden.

Die Prämien sind gesetzlich festgelegt und bemessen sich am Wert der Immobilie. Sie werden nicht erhöht, wenn sich das Gebäude in einem Risikogebiet befindet – etwa in der Nähe von Hochwasser führenden Gewässern.

Die obligatorische Versicherung deckt eine ganze Reihe von Naturereignissen ab, darunter Überschwemmungen, Stürme und Hagelschäden, jedoch keine Erdbeben.

Auch in Kantonen ohne Versicherungspflicht, wie im Wallis, ist der Schutz hoch. Dort verwalten private Gesellschaften den Markt. Doch auch hier zahlen alle Eigentümerinnen und Eigentümer denselben Beitrag, der von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) festgesetzt wird. Heute sind über 95% des schweizerischen Immobilienbestands gegen Naturkatastrophen abgesichert.

Dieser Versicherungsschutz ist unerlässlich. Laut dem Schweizerischen Versicherungsverband (SVV) sind mehr als die Hälfte aller Gebäude in der Schweiz von Überschwemmungen bedroht. Die Schweizer Bevölkerung gehört zu den am stärksten gefährdeten in Europa.

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Solidarität unter den Versicherern: Alle privaten Gesellschaften teilen die Kosten

In den Kantonen mit Versicherungspflicht werden Schäden von öffentlichen Instituten getragen. In Kantonen mit privater Deckung hingegen teilen sich die Versicherer die Kosten. Dies schafft eine zusätzliche Solidaritätsebene, die das Schweizer System besonders effektiv macht.

Zwölf Versicherungsunternehmen, die über 90% des Markts für Naturgefahrenrisiken in den privat gedeckten Gebieten abdecken, sind Teil des «ES-Pools»Externer Link, der vom SVV organisiert wird. Diese freiwillige Vereinigung wurde 1936 gegründet, das Risiko besser zu verteilen und zu vermeiden, dass einzelne Versicherer zu stark belastet werden.

Nach einer Katastrophe tragen die Pool-Mitglieder kollektiv 80% der Kosten entsprechend ihrem Marktanteil. Die restlichen 20% übernimmt der Versicherer, der den Vertrag ursprünglich ausgegeben hat.

Dank dieses Pools sind private Versicherer auch in Hochrisikogebieten bereit, Policen anzubieten, selbst wenn dort keine Versicherungspflicht besteht.

«Dieses System sorgt für bezahlbare Prämien und eine nachhaltige Absicherung gegen Naturgefahren, auch in Regionen mit überdurchschnittlichem Risiko», sagt Eduard Held, Direktor des ES-Pools.

Zwischen 1970 und 2023 zahlten die Pool-Gesellschaften etwa sieben Milliarden Franken an Schadenersatzleistungen aus. Die Flut von 2005 war das teuerste Ereignis mit Entschädigungen von über einer Milliarde Franken. Der verbleibende Teil der Schäden wurde von den öffentlichen Instituten getragen.

Ein Zweispänner fährt auf einer überfluteten Strasse
Die Überschwemmung von 2005 (im Bild die Stadt Luzern) gehört zu den schlimmsten Naturkatastrophen der jüngeren Geschichte der Schweiz. Keystone / Sigi Tischler

Geringe Versicherungslücke in der Schweiz

In vielen anderen Ländern ist eine Versicherung gegen Naturgefahren hingegen freiwillig, so etwa in Italien, Japan und den Vereinigten Staaten. Sie wird oft von privaten Unternehmen angeboten und ist nicht in anderen Arten von Policen enthalten.

Dies trägt dazu bei, die so genannte Versicherungslücke zu vergrössern, also den Anteil der Verluste, die nicht durch eine Police gedeckt sind. Eine hohe Versicherungslücke verringert die finanzielle Fähigkeit einer Region beziehungsweise einer Wirtschaft, sich nach einer Katastrophe zu erholen.

Die Versicherungslücke für Naturkatastrophen in der Schweiz betrug laut den neusten Daten von Swiss ReExterner Link im Jahr 2024 26%. Damit liegt sie zusammen mit dem Vereinigten Königreich (22%) am niedrigsten unter den 13 untersuchten Ländern. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 43%.

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Vom Schweizer Versicherungsmodell lernen

Versicherungsgesellschaften möchten, dass Kundinnen und Kunden risikoproportionale Prämien zahlen, sagt Eugenia Cacciatori, ausserordentliche Professorin an der Bayes Business School in London, gegenüber dem Guardian.

«Das ist jedoch problematisch, da Personen, deren Immobilien sehr hohen Risiken ausgesetzt sind, in der Regel Schwierigkeiten haben, die benötigte Versicherung zu erhalten.»

Das in der Schweiz geltende Modell könnte laut Cacciatori eine Alternative sein. Dort dürfen die Versicherer die Prämien nicht risikobezogen erhöhen. Das veranlasst sie, in die Verringerung potenzieller Schäden zu investieren.

«Die Versicherungsgesellschaften in der Schweiz sind stark in die Diskussionen über Baunormen involviert, während diejenigen in anderen Ländern gerade erst damit begonnen haben», so Cacciatori.

Die Professorin argumentiert jedoch, dass es schwierig wäre, den Schweizer Ansatz in Ländern mit etablierten und stark wettbewerbsorientierten Versicherungssystemen zu übernehmen.

Sie betont jedoch, dass einige Aspekte inspirierend sein könnten, beispielsweise der Austausch von Fachwissen zwischen Versicherern oder der Anreiz, gemeinsam Präventions- und Risikominderungsmassnahmen zu fördern.

«Das Schweizer System ist eindeutig eines der effizientesten in Europa», sagt Forscher Ceolotto. Bewundernswert sei vor allem die Zusammenarbeit zwischen der Versicherungsbranche und den lokalen und nationalen Regierungen, beispielsweise bei der Raumplanung und der Erstellung von Risikokarten, betont er.

«Dieses Engagement der Versicherungsbranche, das über das reine Angebot von Versicherungsschutz hinausgeht, sollte von anderen Ländern nachgeahmt und gefördert werden», so Ceolotto.

Der beste Schutz ist Prävention

Die Überschwemmung im August 2005 sei «ein Wendepunkt» für die Schweizer Versicherungsbranche gewesen, sagt Dominic Ramel, Sprecher der Mobiliar, dem ältesten privaten Versicherer der Schweiz, gegenüber Swissinfo. «Seitdem haben wir viel in Prävention investiert.»

Seit dem Ereignis von 2005 wurde die Zusammenarbeit zwischen den Kantonen deutlich verstärkt, «zum Beispiel durch Sicherheitstage und gemeinsame Übungen», hält der SVV fest. Die Gefahrenkarten wurden aktualisiert und für die am stärksten gefährdeten Orte wurden neue Risikobewertungstechniken eingesetzt.

In der Schweiz investieren der öffentliche und der private Sektor insgesamt rund drei Milliarden Franken pro Jahr in Präventionsmassnahmen gegen Naturgefahren. Dank dieser Massnahmen und neuer Forschungsergebnisse würden die Schäden durch die Überschwemmung von 2005 heute um ein Drittel geringer ausfallen, so der SVV.

«Der beste Schutz vor Schäden ist die Prävention», sagt Ramel.

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Editiert von Gabe Bullard/Vdv, Übertragung aus dem Italienischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub

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