Navigation

Dorothee Elmiger: "Schreiben ist wie der Gestus eines Kindes"

Dorothee Elmiger ist die vielversprechendste junge Autorin der Schweiz. Mit Büchern, die Lesegewohnheiten herausfordern, ist sie zum dritten Mal für den Schweizer Buchpreis nominiert. Wir haben sie in Zürich getroffen.

Dieser Inhalt wurde am 07. November 2020 - 11:00 publiziert
Anne-Sophie Scholl, Text und Thomas Kern, Bilder
Die Autorin Dorothee Elmiger in ihrem Habitat in einem Aussenquartier von Zürich.

Es ist Zufall: An dem Tag, an dem sie die Vernissage ihres neuen Buches feiert, wird auch ihre Nomination für den Deutschen und für den Schweizer Buchpreis bekannt, die beiden wichtigsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum. Sie sei zunächst ein bisschen unglücklich gewesen, als ihr Lektor ihr die Nachricht mitgeteilt habe, sagt Dorothee Elmiger an der Vernissage in Zürich. Wie bitte?

"Schreiben ist wie der Gestus eines Kindes, das im Dreck wühlt, einen Stein findet und sich freut, diesen zu zeigen, ihn mit anderen zu untersuchen und zu besprechen", erklärt sie. Im Literaturbetrieb würden Bücher jedoch schnell als Beitrag zu einem grossen Wettbewerb gesehen. "Sie werden als Konkurrenten zueinander betrachtet, statt dass man sie befragt oder wahrnimmt, dass sie etwas miteinander zu tun haben."

Schweizer Schreibwelten

Die Schweizer Literaturkritikerin Anne-Sophie Scholl begegnet in der Serie Schweizer Schreibwelten  von swissinfo.ch den wichtigen Schweizer Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Teil 1: Arno Camenisch, Jahrgang 1978.

End of insertion

Die Autorin war mit ihren ersten beiden Büchern "Einladung an die Waghalsigen" (2010) und "Schlafgänger" (2014) bereits zweimal für den Schweizer Buchpreis nominiert und wurde mit anderen wichtigen Preisen ausgezeichnet.

Zwischenzeitlich erwog sie jedoch immer wieder, das Schreiben aufzugeben. Zum Glück hat sie das nicht getan. Und: Natürlich freut sie sich auch über die Nominationen — vor allem über die Aufmerksamkeit, die ein Buch wie ihres dadurch erfahre, sagt sie.

Denn: "Aus der Zuckerfabrik" fordert Lesegewohnheiten heraus. Wie alle bisherigen Bücher von Dorothee Elmiger hat es keinen Plot. Wurden die vorangehenden Texte vom Verlag noch als "Roman" angepriesen, fehlt beim neuen Buch ein Label.

Ist es ein Essay, also eine "versuchsweise Anordnung der Dinge" wie es im Text einmal heisst? Ist es ein Roman? Sind es Aufzeichnungen oder ist es ein Forschungsbericht? Das Buch hat durchaus fiktionale Aspekte. Aber es ist auch die kunstvolle Zusammenstellung einer Recherche. 

Kunstvoller Recherchebericht

Ausgangspunkt des Textes ist eine Szene in einem Dokumentarfilm aus den 1980er-Jahren über den ersten Schweizer Lottokönig Werner Bruni: ein Arbeiter aus dem Berner Oberland, der 1,7 Millionen Franken gewinnt und diese in kürzester Zeit wieder verliert. Der Film zeigt die Konkursversteigerung, an der Bruni selbst nicht teilnimmt.

Dicht gedrängt steht die lokale Bevölkerung in dem Raum, angepriesen werden ein paar Weinflaschen, ein Karabiner und zwei Frauenfiguren aus schwarzem Holz oder Stein, mutmasslich aus Haiti. «Schaut nur diese Brüste», sagt der Auktionator um den Preis der beiden Figuren zu treiben. Schliesslich, als der Hammer fällt: "Dann sind diese alten N———— auch weg da."

Als sie diese Szene zum ersten Mal gesehen habe, sei sie elektrisiert gewesen, sagt Dorothee Elmiger beim Gespräch in einem Café in ihrem Quartier. Immer wieder sei sie dorthin zurückgekehrt. "Aber ich habe lange nicht verstanden, was ich herauszufinden versuche".

Dorothee Elmiger entdeckt auch dort etwas, wo andere nichts sehen.

Ihr Alter Ego im Buch lässt sie sagen, es sei, als zeige sich etwas, das sie nicht formulieren, höchstens wiederfinden könne "in Verhältnissen von ähnlicher, von analoger Struktur, als Verwandtschaften, Wiederholungen, Parallelen".

Und das ist es, was die Autorin im Buch macht: Sie trägt Textpassagen zusammen, in denen ein Echo verschiedener Themen anklingt, die in dieser kurzen Szene zusammenkommen.

Dabei greift sie weit aus in Zeit und Raum: Es geht um Kapitalismus, um den Export der kapitalistischen Arbeitsverhältnisse in die Neue Welt. Es geht um Rassismus und Sexismus.

Es geht aber auch um den Hunger nach mehr, den Wunsch, aus sich herauszutreten, um Lust, Verlangen oder Extase. Und es geht darum, wie ein solcher Drang oder ein solches Begehren in etwas Zerstörerisches kippen kann. 

In Texten des irischen Autors James Joyce findet sie zum Beispiel eine Figur, die Eveline. Diese sitzt am Fenster und überlegt sich, ob sie mit dem Schiff, das im Hafen vor Anker liegt, über den Atlantik nach Buenos Aires fahren soll.

Dabei erinnert sie sich an die Worte ihrer sterbenden Mutter: "Derevaun Seraun!" — ein rätselhafter Ausruf, für den es widersprüchliche Übersetzungen gibt: Die Aufforderung, Neuland zu entdecken. Oder umgekehrt die Warnung, Vertrautes zu verlassen. "Es ist toll, so etwas zu finden", sagt Dorothee Elmiger, "mit einem solchen Fund eröffnen sich neue Pfade."

Ein Echo findet die Eveline von Joyce etwa in der Mystikerin Teresa von Avila, deren Brüder alle in die Neue Welt zogen, während sie, die Frau, zu Hause blieb und in der religiösen Exstase einen Weg fand, aus sich herauszutreten. Und dann gibt es in dem Text Parallelen zum Irrsinn und zum Wahn.

Die Schönheit der Offenheit

Doch, bei all den Themen, die in dem Buch anklingen: Worum geht es ganz grundsätzlich? Dorothee Elmiger lacht. "Darf ich als Autorin antworten oder verrate ich dann den Text?", fragt sie. Ihre Texte sollten nicht absichtlich kryptisch sein und sie gebe gerne Lesehilfe. Aber das Schöne an dem Text sei seine Offenheit, diese wolle sie bewahren. 

Dorothee Elmiger ist 35. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf im Appenzell. Sie hat am Schweizerischen Literaturinstitut studiert. Nach Stationen in Leipzig und Berlin lebt sie heute in Zürich.

Als Schriftstellerin steht sie mitten in der Welt, wohnt aber lieber am Stadtrand.

Man sollte sich nicht von der experimentellen Form des Textes abschrecken lassen, ebensowenig von den belesenen Zitaten oder von den wohlmöglich Ehrfurcht erweckenden Namen.

Ihr Verleger Jo Lendle, der Elmigers Texte bereits bei Du Mont und nach einem Wechsel nun bei Hanser veröffentlicht hat, beides grosse Publikumsverlage, sagt: Dorothee Elmiger akzeptiere, dass Erkenntnisgewinn nicht auf geradem Weg erfolgt. Sie zeige, dass die Muster dieser Wege selbst erkenntnisfördernd sind. "Eigensinnig, intensiv, besonnen geht sie Phänomenen auf die Spur, umkreist sie, wirft Netze aus – und diese Netze aus Bezügen machen ihr Schreiben so unvergleichbar", sagt er.

Zu Beginn des Buches zeichnet Dorothee Elmiger das Bild eines Gestrüpps, in dem sich ihr Ich im Buch verhakt. Fundstücke in dem Gestrüpp — die Aufzeichnungen, Notizen und Textfragmente legt sie auf einem weitläufigen Platz aus: "Es gibt an diesem Ort keine feststehende Ordnung", schreibt sie. "Mit jedem Gang durch das Chaos scheinen die Dinge in neue Verhältnisse zueinander zu treten."

Die Verhältnisse der Dinge stehen im Zentrum. Über das Glückspiel heisst es einmal, es sei vielleicht die "ins Unpolitische gewendetet Hoffnung auf Emanzipation, auf Freiheit", die Hoffnung auf neue Verhältnisse. Und über die Versteigerung: Es sei ein "Ritual", das die "ursprüngliche Ordnung" wiederherstellt.

Das Buch ist eine Collage von Texten, die in einen schillernden, zuweilen gar rauschhaften Dialog miteinander treten. Es ist eine Einladung, nachzudenken über die Verhältnisse, in denen wir leben — und deren Teil wir auch selber sind. 

Das müssen Sie gelesen haben

Dorothee Elmigers Debüt "Einladung an die Waghalsigen" (2010) erzählt von zwei Schwestern in einer postapokalyptischen Welt. Ihr Zweitling "Schlafgänger" ist eine Auseinandersetzung mit Grenzen. Das neue Buch "Aus der Zuckerfabrik" nimmt die Produktion von Zucker als Ausgangs- und Bezugspunkt: Zucker, der einerseits mit Appetit, Naschen, Vergnügen und Lust verbunden wird. Und andererseits historisch unter mörderischen Umständen in der Neuen Welt produziert wurde — durch Sklaven. Diese traten an die Stelle der Lohnarbeiter, weil sich im globalen Frühkapitalismus das System der Lohnarbeit nicht nach Übersee exportieren liess. In dem Buch montiert Dorothee Elmiger Textauszüge aus scheinbar weit auseinanderliegenden Feldern wie die Psychiatrie, die Mystik oder die Literatur von Max Frisch. Es ist eine Form, über Verstrickungen unserer Welt nachzudenken. Lesenswert — auch wegen der Präzision und Schönheit der Sprache.

Dorothee Elmiger: "Aus der Zuckerfabrik", Hanser 272 Seiten.

End of insertion

Kommentare unter diesem Artikel wurden deaktiviert. Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch.

Diesen Artikel teilen