Al Dschasira: Neuer Stern am Medienhimmel
Seit Afghanistan in den Blickpunkt des Interesses gerückt ist, flimmern auch im Westen Bilder des arabischen TV-Senders Al Dschasira über die Bildschirme. Nicht zur Freude aller.
Kritik aus der arabischen Welt war sich der Sender wegen seiner bisherige Arbeit gewohnt, nun wurden solche Töne auch im Westen laut. Mhamed Krichene, Journalist und Moderator des Senders aus Katar, der auf Einladung von swissinfo in Bern weilte, erläuterte bei seinem Besuch Philosophie und Arbeitsweise seines Senders. Umfassen könne man sie mit dem Slogan «Die Meinung und die andere Meinung.»
Rückblick: 1991. In der Schweiz wie anderswo dringen die Bilder des US-Nachrichtensenders CNN vom Irak-Krieg in die guten Stuben. Der Krieg macht CNN praktisch auf einen Schlag weltweit bekannt. Zehn Jahre später, US-Angriffe gegen Afghanistan: Dieses Mal kommen die Bilder vom Krieg nicht von CNN, sondern vom arabischen Satelliten-Sender Al Dschasira, der im Westen bisher kaum bekannt war.
Rasch wird der Sender Al Dschasira (Insel) nicht nur im Westen aber auch als Sprachrohr von Osama Bin Laden betrachtet. Denn er strahlt jene Videos von Osama Bin Laden aus, in dem dieser seine Sicht der Dinge zu den US-Angriffen darlegt.
Pluralität als Credo
Al Dschasira wurde 1996 vom Emir von Katar gegründet, nachdem die britische BBC ihren arabischsprachigen Fernseh-Dienst eingestellt hatte. Von dort holte der Emir auch die ersten Journalisten wie Mhamed Krichene. «Der neue Sender hat die arabische Medienlandschaft durcheinander gebracht», erklärt Moderator Krichene.
«Die Menschen waren an offizielle Verlautbarungen, an die Glorifizierung ihrer jeweiligen Staatschefs gewohnt. Die Meinung der Opposition etwa wird in den arabischen Medien marginalisiert, wenn nicht gar ganz unterdrückt. Al Dschasira versucht, diesen Trend zu brechen», sagt Krichene.
«Wir begannen, Oppositionelle einzuladen, Themen aus der arabischen Welt wenn immer möglichst von verschiedenen Standpunkten her darzustellen, unterschiedliche Seiten zu Wort kommen zu lassen. Das war nicht einfach: So wurde uns gleichzeitig vorgeworfen, dass wir von der CIA, dem (israelischen) Mossad, den Irakern oder von islamischen Fundamentalisten finanziert werden.»
Die Bin-Laden-Videos
Anvisiert wird die Meinungsvielfalt. Das Thematisieren verschiedenster Ansichten schlägt sich im Motto des Senders nieder: «Eine Meinung und die andere Meinung» – und mit dieser Politik zog der Sender auch regelmässig den Zorn der Herrscher in der Region auf sich, etwa wenn sich neben der palästinensischen auch die israelische Seite äussern durfte.
Im aktuellen Konflikt in Afghanistan macht Al Dschasira weder vor den Videos von Bin Laden noch den offiziellen amerikanischen Verlautbarungen halt. «Wir senden direkt, wie CNN oder die BBC», sagt Mhamed Krichene weiter.
Auf die Frage, ob es denn legitim sei, alle Meinungen über den Bildschirm flattern zu lassen, erklärt Mhamed Krichene: «Unserer Ansicht nach ja. Schliesslich hängt doch alles vom eigenen Blickwinkel ab: Ein gewöhnlicher Araber kann kaum tolerieren, wenn ein Israeli am Bildschirm zu sehen ist, erst recht dann nicht, wenn es sich um einen einflussreichen Politiker handelt. Und die Amerikaner, zumindest einige, können nicht tolerieren, dass ein Taliban-Verantwortlicher oder Osama Bin Laden sich am Fernsehen äussern können. Jeder hat seine Gegner, jeder seinen Standpunkt, was toleriert werden darf und was nicht.»
Krichene gesteht auch ein, dass die Gefahr der Manipulation und der Propaganda besteht. Und er weiss um die verführerische Gefahr eines Medienscoops.
In dem Zusammenhang dürfte auch die unkommentierte Ausstrahlung des ersten Videos von Osama Bin Laden im aktuellen Konflikt zu sehen sein, die nicht nur von Seiten der USA sondern auch von arabischen Ländern kritisiert wurde. Beim zweiten Video, das letzten Samstag ausgestrahlt wurde, erfolgte die Ausstrahlung begleitet von einer Diskussionsrunde.
Der Korrespondent in Kabul
Mit den Berichten zu den US-Angriffen wurde Al Dschasira, der im Gegensatz zu CNN seinen Korrespondenten nie aus Kabul abzog, praktisch über Nacht zum unverzichtlichen Lieferanten von Bildern aus Afghanistan – und auch im Westen bekannt.
Allerdings sagt Krichene: «Am 7. Oktober, dem Beginn der US-Angriffe, flimmerten unsere Bilder, mit oder ohne Bewilligung, praktisch auf der ganzen Welt über die TV-Bildschirme. Auch die Nachfrage nach den Bin-Laden-Videos war gross. Anders sieht es bei den Bildern von Opfern des Konflikts aus.»
Klar dürfe man nicht naiv sein: In Kriegszeiten spiele die Information eine wichtige, eine dominierende Rolle, so Krichene weiter. Eine elegante Art und Weise einzugestehen, dass Information in Krisenzeiten nicht immer nur Information ist.
Mhamed Krichene gibt sich überzeugt, dass der Aufstieg von Al Dschasira die Art und Weise, wie heute über den Krieg berichtet wird, fundamental verändert hat. «Zum ersten Mal haben die Amerikaner nicht die Kontrolle über den ‚Medienkrieg'», erklärt er unter Hinweis auf den Golfkrieg.
Und nun spannen die beiden zusammen: Al Dschasira liefert CNN Informationen aus Kabul und dem Einflussbereich der Taliban. CNN revanchiert sich mit Informationen aus dem Gebiet der oppositionellen Nord-Allianz, wo der arabische Sender nach der Ermordung von Kommandant Massud durch falsche Journalisten in Ungnade gefallen ist.
Bernard Lechot und Rita Emch
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