Architektur: Der Modernismus auf dem Prüfstand
Der Modernismus ist mehr als eine historische Bewegung: Er wurde zu einem Symbol für Geschmack, Raffinesse und Connaisseurismus. Sein Einfluss reicht bis zur heutigen Faszination für Secondhand-Möbel aus dieser Zeit.
Der Modernismus entstand in den 1930er-Jahren, einer turbulenten Zeit zwischen den Kriegen. Mechanisierung, neue Technologien und Massenproduktion wurden als Mittel eingesetzt, um erschwingliche, funktionale Designs zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse der Arbeiterklasse abgestimmt sind.
Heute prägt der Modernismus die Gestaltung unserer Wohnungen: von den Proportionen der Räume über die Anordnung der Küchen bis hin zu den Gegenständen, mit denen wir sie schmücken. Er ist mehr als eine historische Bewegung: Er steht für Geschmack, Raffinesse und Connaisseurismus.
Seine Beständigkeit zeigte sich besonders deutlich in der kürzlich im Musée d’Art et d’Histoire in Genf gezeigten Ausstellung «And it began so marvelously«, die im November zu Ende ging. Die Ausstellung zeichnete die Spuren des Modernismus in Architektur, Städtebau, Kunst, Keramik, Tapeten und Möbeln in Zürich und Genf nach und zeigte, wie tief seine Ästhetik und Werte noch immer das Alltagsleben prägen.
Parallel dazu präsentierte der Pavillon Le Corbusier in Zürich anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von Le Corbusiers bahnbrechendem Buch die Ausstellung «Vers une architecture: Reflections». Zu diesem Anlass wurde eine Gruppe von Architekt:innen und Pädagog:innen eingeladen, über dessen anhaltende Relevanz zu reflektieren. Mit dabei waren auch die ETH-Architekturprofessorinnen An Fonteyne und Anna Puigjaner, die neben ihrer Lehrtätigkeit jeweils ein eigenes Architekturbüro betreiben.
Die Vergangenheit neu interpretieren
In ihrer Neudeutung des Modernismus hinterfragt Puigjaner zunächst die Darstellung Le Corbusiers als einsames Genie. Sie betrachtet ihn stattdessen als Teil eines Teams. «Die kollektive Leistung anzuerkennen, ist entscheidend», sagt sie, «denn Architektur ist niemals das Produkt eines einzelnen Geistes».
Sie zitiert Charlotte Perriand, eine Mitstreiterin Le Corbusiers, deren innovative Ideen – wie die Durchreiche der Küche zum Wohnzimmer in der Unité d’Habitation in Marseille – den Wohnraum neu definierten.
Puigjaner verweist auch auf den historischen Kontext, in dem der Modernismus entstand: das Vertrauen in die Technologie als neutrales Werkzeug für die gesellschaftliche Entwicklung, insbesondere bei der Verwendung von Stahl.
«Wir sind uns der Zeit, in der wir leben, sehr bewusst, in der der Klimawandel eine grosse Rolle für unseren Lebensraum spielt. Wir können Extraktionsprozesse nicht einfach weiterführen, als ob nichts geschehen wäre. Die Verwendung von Stahl ist beispielsweise nicht neutral. Stahl impliziert einen Prozess der Extraktion, des Kolonialismus und der Ausbeutung von Arbeitskräften, den wir bei der Produktion von Architektur nicht leugnen können. Und wir sind uns der Folgen technologischer Verfahren und Fortschritte viel bewusster.»
Fonteyne beschreibt den Modernismus als einen Top-down-Ansatz, um die Lebensbedingungen der Massen in den Städten zu verbessern: ein bewundernswertes Ziel, das jedoch auf der Überzeugung beruhte, dass alles neu sein müsse.
«Die neuen Bauweisen, Lebensweisen, Ästhetiken und Standards führten dazu, dass alles, was zuvor existierte, in Vergessenheit geriet.» Der Tabula-Rasa-Ansatz löschte, wie sie betont, das bestehende städtische Leben mitsamt seiner Geschichte, seiner Ästhetik und seinem Wissen darüber, wie die Menschen zusammenlebten, aus.
Urbane Logik
Die urbane Logik der Moderne entstand aus der Top-down-Überzeugung, dass Städte und ihre Bewohner durch Ordnung und Standardisierung optimiert werden könnten. Die modernistische Planung stützte sich auf Zoneneinteilung und räumte Effizienz Vorrang vor sozialer Kontinuität oder menschlichen Massstäben ein.
«Mischnutzung ist etwas, das der Modernismus immer verhindert hat», erklärt Fonteyne. «Die Idee war, bei Null anzufangen und Konzepte zu entwickeln, die zu allem passen. Der kleine Massstab, der menschliche Massstab, wurde nie entwickelt.»
Die Folgen für Stadt und die Architektur sind gravierend. Gebäude, die auf den Prinzipien der Moderne der 1930er-Jahre basieren, wie beispielsweise Cinq Blocs in Brüssel oder Bijlmermeer in Amsterdam, genügen bereits heute nicht mehr den aktuellen Standards hinsichtlich Lebensqualität und städtischer Funktion.
In Brüssel wurde beispielsweise die in den 1960er-Jahren entstandene Siedlung Cinq Blocs – bestehend aus Hochhäusern, die im Sinne der modernistischen Logik auf einer leeren Grünfläche errichtet wurden – nach Jahrzehnten sozialer Isolation, schlechter Instandhaltung und unzumutbaren Lebensbedingungen geräumt. Nun wird sie abgerissen, wodurch die dort seit langem ansässige Gemeinschaft vertrieben wird.
Körper, Normen und Ausgrenzung
Puigjaner betrachtet das Problem der Standardisierung nicht als das Werk eines einzelnen Büros, sondern als eine allgemeine Tendenz der Nachkriegszeit. «Es war nicht nur das Büro von Le Corbusier, sondern eine allgemeine Tendenz, die sich als Folge der beiden Weltkriege herausbildete. In diesen wurden starre Normen zum Standard – und damit auch viel Ausgrenzung», sagt sie.
Dieser Drang zur Standardisierung führte zu neuen Masssystemen und Gestaltungsregeln, darunter vor allem Le Corbusiers Modulor, das auf dem «normalen» menschlichen Körper basiert. Laut Puigjaner schrieb die Nachkriegsarchitektur bestimmte Proportionen und Verhaltensweisen fest und wurde damit effektiv für einen idealisierten, körperlich gesunden Bewohner einer Kernfamilie entworfen.
Diese Normen hatten klare häusliche Konsequenzen, die sich weltweit ausbreiteten. Die moderne Küche, die sich im eurozentrischen Rahmen des häuslichen Lebens entwickelt hat, basiert auf einem einzigen Kochstil: geschlossene Zubereitung, begrenzte Hitze, minimale Gerüche und Nutzung durch die Kernfamilie.
Als diese standardisierte Küche nach der Unabhängigkeit in den öffentlichen Wohnbauten Singapurs eingeführt wurde, galt sie als «neutrale» Lösung, die allen Haushalten gleichermassen dienen sollte. Doch die multikulturellen Kochtraditionen Singapurs – mit oft höherer Hitze, intensiverem Braten und halb im Freien zubereiteten Speisen – passten nicht zu diesem universellen Modell. Das Ergebnis war ein Wohnraum, der unbeabsichtigt kulturelle Praktiken einschränkte und zu Reibungen in den dicht bebauten Wohnblöcken führte.
«Die Küche war schon immer ein umkämpfter Raum», sagt Puigjaner. «In Singapur wurde die moderne Küche neutral gestaltet, sodass jeder die gleiche Küche hatte. Das wurde zu einem grossen Problem, denn erst dank der Hawker Centres – gemeinschaftlichen Food Courts – wurden Kochen und Essen zu einem gemeinschaftlichen Akt.» Dieses Beispiel zeigt, wie modernistisches Design oft an der tatsächlichen kulturellen Komplexität scheitert.
Eine ähnliche Diskrepanz zeigt sich heute in Zürich: Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt allein und die Art und Weise, wie Menschen arbeiten, Kontakte knüpfen und kochen, hat sich durch digitale Technologien verändert. Dennoch reproduzieren neue Wohngebäude weiterhin modernistische Typologien, die auf festen Raumfunktionen und dem Modell der Kernfamilie basieren. Sie lassen wenig Raum für die flexiblen, multifunktionalen Räume, die das moderne Leben erfordert.
Maio Architects, das Büro von Puigjaner in Barcelona, hat mit dem Projekt 110 Rooms eine Lösung für dieses Problem entwickelt. Das Gebäude bietet einen anpassungsfähigen Ansatz: Jede Wohnung kann ohne vordefinierte Raumfunktionen neu konfiguriert werden. Somit kann jeder Raum als Schlafzimmer, Wohnzimmer oder Küche genutzt werden. Die Bewohner:innen können ihre Wohnung je nach beruflicher oder familiärer Situation vergrössern oder verkleinern, ohne umziehen zu müssen.
Der Reiz der Einfachheit
Auf die Frage, warum sich das modernistische Narrativ so hartnäckig hält und es anderen Narrativen so schwerfällt, Raum und Sichtbarkeit zu finden, verweist Fonteyne auf die verführerische Klarheit dieses Narrativs. «Es ist eine einfache Geschichte. Jeder kann sie verstehen. Ihre Kohärenz macht es leicht, sie zu lehren, zu referenzieren und zu reproduzieren.» Sie folgt der Logik der Standardisierung: ein Mass, ein Körper, ein Prinzip, das sich überall wiederholt.
Puigjaner fügt hinzu, dass es bei dieser Beharrlichkeit auch um Bequemlichkeit geht. «Es ist bequemer, bestehendes Wissen zu übernehmen, als es kritisch zu hinterfragen. Vertraute Narrative bieten Sicherheit, während ihre Infragestellung verborgene Hierarchien aufdeckt und lang gehegte Annahmen ins Wanken bringt. Ausserdem bewahren sie die Machtsysteme innerhalb der Disziplin: Probleme bleiben für diejenigen unsichtbar, die sie nie erleben mussten.»
Editiert von Catherine Hickley and Eduardo Simantob/ts, Übertragung aus dem Englischen: Michael Heger/jg
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