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Jazz-Pionierin Irène Schweizer wird 60

Irène Schweizer hat die Männerdomaine Jazz tüchtig durcheinander gebracht. Keystone Archive

Sie ist nicht nur die eigenwilligste, sondern auch die weltweit bekannteste Jazzmusikerin der Schweiz. Irène Schweizer, Pianistin und Weg weisende Improvisatorin, wird 60 Jahre alt - und landesweit gefeiert.

Es überrascht kaum, dass Irène Schweizer, deren runder Geburtstag erst am 2. Juni ansteht, bereits seit Wochen geehrt wird. Als gebürtige Schaffhauserin war sie schon Mitte Mai vom dortigen Jazzfestival zu einem Solokonzert und einem Carte-blanche-Abend eingeladen worden. Gleich drei Konzerte gibt Schweizer in diesen Tagen am Uncool- Festival in Le Prese/GR, und am 10. Juni steigt im Zürcher Schauspielhaus die «offizielle» Geburtstagsparty mit Konzert und Würdigungsreden.

Dieser Marathon an Ehrerweisungen belegt: Irène Schweizer zählt zu den herausragenden Künstlerinnen der Schweiz, obwohl sie einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt ist.

Ideen statt Noten

Denn Schweizers Musik ist alles andere als mehrheitsfähig im Sinne von beliebig oder erfolgsorientiert. Die Pianistin, die sich gelegentlich auch ans Schlagzeug setzt, ist eine Meisterin der freien Improvisation. Ihre Musik ist Performancekunst der intensivsten Art, die beim Spielen, beim «instant composing», entsteht.

Freiheit bedeutet für sie zugleich Ungebundenheit und strukturelles Konzept. Anstelle von Noten hält sie sich an Ideen, die sie – abgeleitet aus der Vielfalt der Jazztradition ebenso wie der zeitgenössischen Musik sowie ureigenen Mustern und Modulen – zu Klangstücken voller Wildheit und Poesie, voller Sehnsucht und Witz sampelt.

Eroberung der Männerbastion Jazz

Im Schaffhausen ihrer Jugend spielte die Autodidaktin vorerst traditionellen Jazz und Blues. Im Zürcher «Africana»-Club entdeckte sie den Modern Jazz. Zur Eroberung der männerdominierten Szene setzte sie in den 60er-Jahren an.

Sich an Vorbildern wie Thelonious Monk, Dollar Brand und Cecil Taylor, aber auch zeitgenössischen Avantgardisten wie John Cage, Maurizio Kagel und Karlheinz Stockhausen orientierend, stürzte sie sich ins Abenteuer Improvisation.

Mit Drummer Mani Neumeier und Bassist Uli Trepte lancierte Schweizer 1963 ein erstes Trio, das Geschichte schrieb. Es folgten Kleinformationen mit (u.a.) Manfred Schoof, John Tchicai, Peter Kowald – und immer wieder Pierre Favre: Der Neuenburger Drummer wurde zu ihrem Langzeitpartner.

Drummer sind ohnehin Schweizers Lieblingspartner. Nebst Favre spielte sie mit Luois Maholo, Günter Sommer, Andrew Cyrille und Han Bennink. Mit der «Feminist Improvising Group», aus der das Trio «Les Diabolique» hervorging, leistete Schweizer einen wesentlichen Beitrag zur musikalischen Frauenbewegung. Ein fulminanter Auftritt am Jazz Festival Willisau 1976 etablierte sie schliesslich auch als Solopianistin.

Kulturell engagierte Zürcherin

Als Solistin, mit verschiedensten Duopartnerinnen und -partnern sowie in Kleinformationen ist Irène Schweizer an den wichtigsten Festivals aufgetreten und hat unzählige Alben eingespielt. Kürzlich ist ihr bislang letztes – «Chicago Piano Solo» – erschienen: der Mitschnitt eines wunderbaren Konzertes, das Zeugnis ablegt von ihrer stupenden Ausdrucksstärke, ihrer spielerisch anmutenden Verdichtungsgabe, ihrer perkussiven Wildheit und zarten Poesie.

Ihre Heimat gefunden hat die bescheidene, selbstkritisch gebliebene und stetig suchende Musikerin vor über 30 Jahren in Zürich. Dies wohl nicht zuletzt wegen vier kultureller Institutionen, die sie seit deren Gründung mitgeprägt hat: die «Werkstatt für Improvisierte Musik» (WIM), das Taktlos-Festival, die Reihe «Fabrikjazz» in der Roten Fabrik und das Label «Intakt Records».

swissinfo und Frank von Niederhäusern (sfd)

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