Kopf vs. Herz -Kunstsprache vs. Dialekt
Im Kanton Graubünden ist "Kunstsprache" Rumantsch Grischun Zankapfel. Sie wurde vor bald zwanzig Jahren geschaffen und wird vor allem im schriftlichen Verkehr verwendet. Am 10. Juni ist sie Gegenstand einer Volksabstimmung.
Spektakulär klingt die Abstimmungsvorlage nicht: «Teilrevision des Gesetzes über die Ausübung der politischen Rechte im Kanton Graubünden». Was jedoch trocken klingt, spaltet im Kanton die Geister.
Regierung, Kantonsparlament und sämtliche romanische Organisationen möchten, dass die Erläuterungen zu kantonalen Abstimmungen künftig nur noch in Rumantsch Grischun erscheinen – sowie natürlich auf Deutsch und Italienisch.
Damit würden die beiden verbreitetsten rätoromanischen Dialekte, Sursilvan und Vallader, aus dem Abstimmungs-Büchlein verschwinden.
Muttersprache vs. Brotsprache
«Eine Sprache ist eine Frage des Herzens, der Seele. Man kann nicht einfach verfügen, dass das Volk eine Sprache übernehmen muss.» Alt-Nationalrat Dumeni Columberg initiierte vor Jahrzehnten das Sursilvan und Vallader im Abstimmungs-Büchlein. Heute wehrt er sich gegen deren Abschaffung.
Die Idiome haben in den Regionen lange Tradition, haben sich über Jahrhunderte zu einer Schriftsprache mit eigener Literatur entwickelt. Romantsch Grischun hingegen ist neu. Und die Menschen in den Tälern Graubündens kennen sie wenig, schreiben sie nicht. Deshalb, so Columberg, der Widerstand.
Angst herrscht auch vor einer unfreundlichen Übernahme der Idiome, einer schleichenden Einführung des Rumantsch Grischun, der Entwertung des Ladins, des Sursilvans, des Sutsilvans und des Surmirans.
Deutsch vs. Rumantsch Grischun
Vor allem im Bündner Oberland gehen die Emotionen hoch. Schon heute werden die Steuererklärung und andere amtliche Dokumente lieber in deutscher Sprache ausgefüllt. Rumantsch Grischun will man da nicht haben.
Der Sursilvans sprechende Dumeni Columberg befürchtet eine schleichende Germanisierung des Kanton Graubünden – im Gegensatz zu Gion A. Derungs. Er ist Generalsekretär der Lia Rumantscha, der Dachorganisation aller romanischen Sprach- und Kulturvereine.
«Wir sind der Meinung, dass Rumantsch Grischun die Idiome stärkt», zeigt er sich gegenüber swissinfo überzeugt. Derungs räumt ein, dass die neue Sprache etwas Übung brauche. Aber man müsse ganz klar sehen, dass Romantsch Grischun nur in wenigen Bereichen eingeführt werde. Den Vorwurf der Salamitaktik lässt sich Derungs nicht gefallen. Eher sei die Einführung der Sprache ein Prozess in Etappen.
Kunstsprache vs. Idiome
Im Kanton Graubünden werden, neben Deutsch und Italienisch, fünf rätoromanische Idiome, Sprachen gesprochen: Sursilvan wird vor allem im Bündner Oberland gesprochen, Sutsilvan im Schams, Surmiran in Zentralbünden, das Puter im Oberengadin und Vallader im Unterengadin. Puter und Vallader werden zusammen auch als Ladin bezeichnet.
1982 erfand der Zürcher Sprachforscher Heinrich Schmid die «Richtlinien für die Gestaltung einer gesamtbündnerischen Schriftsprache». Daraus entstand das Rumantsch Grischun, ein Destillat aus den fünf Dialekten.
Hintergrund dieser «Erfindung» war die sinkende Popularität des Rätoromanischen. Vor 200 Jahren noch sprach die Mehrheit der Bündner und Bündnerinnen rätoromanisch. Heute sind es weniger als 20%. Das Rätoromanische sollte dem Deutsch ebenbürtig werden. Zumindest in der Schriftsprache.
Teilrevision vs. Rumantsch Grischun
Seit 1986 verwendet der Bund Rumantsch Grischun für Texte, die für das rätoromanische Gebiet von Bedeutung sind und seit 1996 ist es im schriftlichen Verkehr mit der Rätoromania obligatorisch.
Am 10. Juni dieses Jahres können sich die Bündnerinnen und Bündner nun erstmals zu Rumantsch Grischun äussern. Die Vorlage wird damit zu einem Für oder Wider Rumantsch Grischun und nicht zu einem Für oder Gegen die Teilrevision eines kantonalen Gesetzes.
Rebecca Vermot
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