Pflastersteine unter der Lupe
In der Berner Altstadt werden zur Zeit über eine Viertel Million Pflastersteine neu versetzt, und in Freiburg werden Pflästerungen wissenschaftlich untersucht.
Dabei entpuppen sich die Steine als wahre Schatztruhen der Artenvielfalt.
Es wird wieder gepflästert. Bern etwa saniert die ganze Kram- und Gerechtigkeitsgasse.
In Freiburg widmet sich derweil ein interdisziplinäres wissenschaftliches Projekt den Problemen rund um die Sanierung von Pflästerungen in historischen Städten.
«Es geht uns darum, die Lebensqualität in unseren historischen Innenstädten zu verbessern,» umreisst Michael Fritz die Ziele des Forschungsprojektes. Er ist Professor für Architekturgeschichte an der Fachhochschule für Technik und Architektur in Freiburg und Initiator des Projektes.
Er stellte fest, dass unter den Fachleuten gerade im Bereich der Gestaltung des öffentlichen Raumes grosse Meinungsverschiedenheiten bestehen.
Stein des Anstosses
In den 60er- und 70er-Jahren wurden dem Verkehr zuliebe alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Und Pflaster hatten einen schlechten Ruf. Die Spurrinnen wurden bemängelt, die Haltbarkeit oder der Lärm. Hier gelte es zum Teil auch mit Vorurteilen aufzuräumen.
«Bei Geschwindigkeiten, wie sie in den engen Stadtzentren in der Regel gefahren werden, ist die Lärmentwicklung auf Pflaster nicht grösser ist als auf Asphalt, denn dann ist das Motorengeräusch sehr viel präsenter als das Rollgeräusch,» erklärt Michael Fritz.
Guter Pflasterstein
Nicht jeder Stein ist ein guter Pflasterstein. «Ein guter Pflasterstein besteht aus zwei Komponenten: einer weichen und einer harten,» sagt Marino Maggetti.
Zusammen mit seinen Leuten von Institut für Petrographie und Mineralogie hat er die Pflaster von Freiburg kartiert und analysiert. Neuland für den Geologen: «Wer schaut schon auf den Boden?» fragt er.
Die Stadt Freiburg hat 50’000 Quadratmeter Pflaster. 95 Prozent davon sind Flyschsandsteine. Das sei aber noch nicht lange so.
Neue Steinbrüche
Flysch ist eigentlich der Abtragungsschutt der entstehenden Alpen. Der Flyschsandstein ist älter als der Molassesandstein, aber härter und belastbarer.
In Freiburg hat man etwa ab 1920 begonnen, die älteren Pflaster durch Flyschsandsteine zu ersetzen.
Vorher, vor dem Bau besserer Strassen, waren diese Steinbrüche einfach schlecht erreichbar. Man nahm, was es in der Umgebung gab: Kiesel aus dem Fluss oder den weicheren Molassesandstein.
Mediterrane Lebensräume
Nur an wenigen Standorten ist diese alte Plästerung erhalten geblieben. Sie hat sich als wahre Schatztruhe der Artenvielfalt entpuppt. «Ich war hingerissen von den vielen seltenen Arten, die wir an den alten Pflasterstandorten gefunden haben,» sagt der Botaniker Gregor Kozlowski.
Seine Erklärung dafür: «Die Pflasterstandorte imitieren ideal naturnahe Standorte: sandige Standorte, Uferpartien oder mediterrane Lebensräume.»
Zu seinen Highlights gehört das kahle Bruchkraut, eine alte Medizinalpflanze, die, wie der Name sagt, zur Behandlung von Brüchen verwendet wurde. Im Kanton Freiburg kommt es nur gerade in der Altstadt von Freiburg vor.
Die Art stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und ist vermutlich mit italienischen Auswanderern oder mit Gütertransporten ins prosperierende mittelalterliche Freiburg gelang.
Appellation d’origine
Gut gepflästerte Strassen waren immer ein Zeichen von Prosperität. Doch als nun im Bern die Sanierung der Pflästerungen in den grossen Altstadtgassen anstand, wollte die Stadt die neuen Pflastersteine zuerst aus Vietnam kommen lassen.
Sie hat sich dann, trotz Mehrkosten von rund 700’000 Franken, schliesslich für Schweizer Steine entschieden, Flyschsandsteine aus dem Guber-Steinbruch oberhalb von Alpnach im Kanton Obwalden.
Dort arbeiten normalerweise gut 50 Personen. Nun sind es 12 mehr, extra für Bern. Früher kamen sie vorwiegend aus Italien, später aus Spanien, heute sind fast alles Portugiesen.
Eine harte Arbeit. Von Hand und im Akkord hauen die Richter die Pflastersteine zu. «Die Produktion von Pflastersteinen ist zu 60% Handarbeit», betont der Geschäftsführer Kurt Herrmann.
Für eine Tonne brauchen sie etwa drei Stunden. 3000 Tonnen braucht Bern. Das sind ungefähr 272’000 Pflastersteine.
Beruf mit Zukunft
Auch die Richter, die in der Berner Altstadt die Pflastersteine neu versetzen, sind grösstenteils aus Portugal. In den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts ist der Beruf des Pflästerers fast ausgestorben.
Nun zieht die Nachfrage nach Pflaster, und damit auch an Pflästerern wieder an. In den 80er-Jahren hat der Schweizer Pflästererverband pro Jahr vielleicht sechs bis acht Lehrlinge ausgebildet, nun führen sie bereits Klassen mit 15-20 Lehrlingen.
swissinfo, Antoinette Schwab
Bern saniert in diesem Sommer die Kram- und Gerechtigkeitsgasse. Vom 16. Juli bis 22. Oktober sind sie gesperrt.
In Freiburg befasst sich ein Forschungsprojekt mit der Sanierung von Pflästerungen in historischen Stadtzentren.
Das Projekt wird von Stadt und Kanton Freiburg sowie vom Bund finanziert (Kommission für Technologie und Innovation KTI).
In den 60er- und 70er-Jahren wurden dem Verkehr zuliebe alle Hindernisse im öffentlichen Raum entfernt, auch viele Pflästerungen.
Nun wird wieder vermehrt gepflästert, zum Beispiel in Bern.
In Freiburg untersuchen Fachleute aus verschiedensten Disziplinen Fragen und Probleme rund um die Pflästerungen.
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