The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Viel Lärm um schöne Songs

Das Urgestein Neil Young entfacht keine Stürme mehr. Keystone

Mit Neil Young und den Black Crowes ging am Montreux Jazz Festival ein viertägiges "Rockset" zu Ende. Young und seine Band Crazy Horse fegten zwar wie ein Hurrikan durch die Halle, Bäume aber wurden keine mehr geknickt. Dem Sturm ging irgendwo auf dem Festland die Kraft aus.

Rockabend Nummer vier in der Stravinsky Hall(swissinfo berichtete von allen) eröffneten die amerikanischen Black Crowes. Eine klassische Rockband, die leider 20 Jahre zu spät die Bühne erklomm. Die Crowes mit ihrer Mixtur aus Retro-, Southern-, Soul und Blues wirken zwar wie die Faces der 70er Jahre aber eben doch nur wie die Faces.

Sänger Chris Robinson und sein Bruder Rich stampfen sich mit den andern (langhaarigen) Crowes durch einen Rock der einst schmutzig war und heute schmutzig wirkt. Die Älteren finden «hatten wir schon», die Jüngeren müssten sich erst wieder an solche Bands gewöhnen in einer Welt, die auch im Rock immer stromlinienförmiger wird.

Doch obwohl die Band seit über 10 Jahren zusammen spielt, konnte der Gig der Black Crowes nur wenig Profil gewinnnen, dafür durften sie zu wenig lang krähen.

Das Urgestein Young

Noch viel länger – schon über 30 Jahre – halten Neil Young und Crazy Horse den Rock n‘ Roll am Leben. Obwohl Young viele andere Dinge tat, Crazy Horse tritt immer wieder in Aktion. So auch in Montreux, wo vier bestandene Herren – Neil Young, Ralph Molina, Franck Sampedro und William Talbot – die Bühne erklommen und gleich mal vier laute Songs in den Raum knallten, die uns sagen sollten: «crap» da sind wir. Die Originalbesetzung war es nicht mehr, bereits 1973 starb Gitarrist Danny Whitten an einer Überdosis Drogen.

Die Montreux-Bühne stand im Zeichen der Blockhaus-Romatik: Ein warmes Licht liess uns die Young’sche Heimat Kanada und seine Weiten fühlen. Es stand ein Piano da, eine Hausorgel mit einem aus Holz geschnitzten mannshohen Häuptling Geronimo.

Es waren denn auch die bewegensten Momente im Konzert der Crazy Horse, als Young alleine auf der Bühne stand bzw. sass, der Indianerfrau Pocahontas sein Leid klagte. Oder an der Hausorgel, den Rücken zum Publikum, zur Mutter Natur sang und sich um sie sorgte. Zumal gerade hier Youngs charakteristische und immer noch tolle Stimme voll zur Geltung kam. Gerne hätte man mehr davon gehabt, von diesen schönen Liedern.

Doch das war Wunschdenken. Wie auf Kommando legten Crazy Horse wieder los und ergingen sich in (fast) endlosen Solis. Noch endloser waren die Enden der Songs. «Die Ramones hätten da locker noch zwei Songs reingepackt», meinte ein Konzertbesucher. Es waren diese Dinosaurier-Solis, welche ja gerade von den Ramones und vom Punk weggefegt wurden.

Neil Young müsste es eigentlich wissen. Songs wie «Rock n‘ Roll will never die» oder «I’ll be fine» spielten Crazy Horse durchaus in punkiger Art.

Wie meinten sie das?

Ja, und dann kam ein Sturm auf. Derjenige eben, der keine Bäume mehr knickte. «Like a Hurricane» aus dem 77er Album «American Stars ’n‘ Bars» wurde angestimmt und die Menge tobte. Ein wunderschönes Lied – immer noch.

Doch dann wurde der Song gnadenlos zerstört. Am Schluss wummerten und sirachten die Crazy Horse das Lied zu Tode. Rissen die Saiten von den Gitarren, trampelten auf den Instrumenten herum, während eine verdeckte Orgel Lärm produzierte. Das Licht wurde schummriger und Neil Young und seine Mannen liessen das Volk etwas ratlos zurück. Hat Neil Young resigniert?

Die Zugabe «Rockin in the free world» (mit seinen Töchtern Pegi und Astrid) stimmten auch nicht heiterer. Dann versammelte man sich auf der Bühne, legte sich gegenseitig die Arme auf die Schultern, verbeugte sich, winkte und ging. Dann war fertig.

Urs Maurer, Montreux

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft