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Mit Informationen gegen resistente Keime

Eine Kultur Staphylococcus aureus (MRSA), die als resistente Spitalkeime vielen Patienten schwer zu schaffen machen.

(Keystone)

Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ist besorgt über das Problem der Antibiotika-Resistenz und will mehr darüber wissen.

Das ergab eine Umfrage im Auftrag des Nationalen Forschungs-Programms "Antibiotika-Resistenz" (NFP 49). Eine Informations-Plattform soll Abhilfe schaffen.

Rund 80% der Befragten betrachten das Problem Antibiotika-Resistenz als reale Gefahr für ihre Gesundheit. Fast ebenso viele sind besorgt über die Zunahme resistenter Keime. Dies sind die Hauptergebnisse einer Umfrage, welche das Forschungsinstitut gfs.Bern bei 1007 Schweizerinnen und Schweizer gemacht hat.

Die Befragung zeigte weiter, dass die Meisten recht gut informiert sind. Trotzdem möchten sie gerne mehr zur Problematik wissen.Mit der Umfrage wollten die Wissenschafter des NFP 49 herausfinden, wie das Problem Antibiotika-Resistenz in der Bevölkerung wahrgenommen wird.

Denn dies spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die Situation zu verbessern: Vor allem Hygiene und vorschriftsgemässe Einnahme der Medikamente helfen mit, solche Resistenzen zu verhindern.

Bessere Information

Das NFP 49 hat den Handlungsbedarf erkannt und eine Informationsplattform aufgebaut, welche von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern betrieben wird. In erster Linie soll sie Anlaufstelle für Medien und Behörden sein.

Doch auch in der Wissenschaft selber sei der Informationsbedarf gross und das Wissen über Antibiotika-resistente Bakterien erst bruchstückhaft, betont Kathrin Mühlemann vom Inselspital Bern, die im Rahmen des NFP 49 für die Überwachung der Antibiotika-Resistenz zuständig ist. "Nur über einzelne Keime wissen wir einigermassen gut Bescheid", sagt sie.

Dazu gehören die Pneumokokken, Bakterien, die Lungenentzündungen verursachen. Immer wieder war es in den vergangenen Jahren zu kleineren Epidemien gekommen, von denen besonders kleine Kinder betroffen waren. Zuerst traten die resistenten Bakterien nur in der Westschweiz auf, mittlerweile auch in der Ostschweiz.

Gefürchtete Spitalkeime

"Im Moment haben wir die Situation noch im Griff," beruhigt Mühlemann. Bisher seien diese Pneumokokken noch nicht gegen alle Antibiotika resistent, so dass Reservemittel mit breiterer Wirkung eingesetzt werden könnten. Diese seien aber nicht optimal. "Ein Teufelskreis", erklärt die Medizin-Professorin, "denn dadurch werden wieder neue Resistenzen gefördert."

Mehr Kummer bereiten ihr aber die so genannten Spitalkeime. Der häufigste und gefürchtetste ist der multiresistente Staphylococcus aureus, abgekürzt MRSA: "Da geht es manchmal wirklich ums Überleben."

MRSA verursacht Hautinfektionen und Blutvergiftungen, die für bereits geschwächte Kranke fatal werden können. "Ein paar Mal pro Jahr begegnen wir sogar solchen, die gegen alle bekannten Antibiotika resistent sind."

Desinteresse der Industrie

Neue Antibiotika gibt es nur wenige. Patrick Francioli vom Universitätsspital Lausanne und am NFP 49 beteiligt, ortet bei der pharmazeutischen Industrie ein gewisses Desinteresse, neue wirksame Antibiotika zu entwickeln. "Im Moment ist das noch nicht schlimm, aber was ist in einigen Jahren, wenn wir solche wirklich nötig haben?"

Die Entwicklung eines neuen Medikaments dauert in der Regel rund zehn Jahre. Patrick Francioli weist noch auf ein anderes Hindernis hin: "Das Know-how geht mit der Zeit verloren."

Nicht nur hausgemacht

Punkto Antibiotika-Resistenzen liegt die Schweiz im internationalen Vergleich nicht mehr an bester Stelle, zur Zeit aber immerhin noch im untersten Drittel.

Der Trend geht allerdings auch in der Schweiz in Richtung Zunahme resistenter Bakterien. "Die Antibiotika-Resistenz ist aber längst nicht immer hausgemacht," betont Kathrin Mühlemann.

Wie bei der Grippe entstehen irgendwo auf der Welt Krankheitsherde mit Erregern, welche sich epidemieartig ausbreiten. Reisende sind für sie ein ideales Transportmittel. Auch Tiere können solche Keime weitergeben, dies meistens in Form verarbeiteter Lebensmittel.

Die meisten Probleme mit resistenten Keimen drohen aber nicht von tierischen Lebensmitteln, ist Kathrin Mühlemann überzeugt: "Das Problem der Antibiotika-Reistenz beim Menschen generiert die Humanmedizin selber."

Dynamische Situation

Bisher gibt es zu wenig Daten, um sich ein umfassendes Bild über die Situation der Antibiotika-resistenten Keime zu machen. Ziel des NFP 49 sind daher weitere Erhebungen über die Lage in der Schweiz und verbesserte Diagnosemöglichkeiten.

Der Schweizerische Nationalfonds hat für das auf fünf Jahre angesetzte Projekt 12 Mio. Franken bewilligt. Wie es danach weitergeht, ist noch nicht klar. Die Rede ist von einem nationalen Forschungszentrum, denn das Problem, da sind sich die Fachleute einig, wird nicht so schnell gelöst sein.

Dazu kommt, dass es sich hier um sehr dynamische Prozesse handelt. Keime können neu resistent werden, sie können über lange Zeit stabil bleiben, können zusätzlich weitere Resistenzen erwerben und so multiresistent werden.

Sie können aber ihre Antibiotika-Resistenz auch plötzlich wieder verlieren.

swissinfo, Antoinette Schwab

Fakten

Im Auftrag des NFP 49 wurden 1007 Personen befragt.
Rund 80% gaben an, sich Sorgen um Antibiotika-Resistenz zu machen.
Rund 40% wünschen mehr Informationen.
Antibiotika wirken nur gegen Bakterien.
Das NFP 49 läuft seit 2001 für 5 Jahre und hat 12 Mio. Franken zur Verfügung.

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