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Optimistischer Roman über die Zukunft nach dem Klimakollaps

Keystone-SDA

Aktuell boomen in der Literatur Zukunfts-Dystopien. Der Schweizer Autor Christoph Keller setzt ihnen mit seinem neuen Roman eine Utopie entgegen. "Nennt mich Wellenkamm" macht Hoffnung, ist faktenreich und fantasievoll.

(Keystone-SDA) «Sorry für diesen Auftritt, liebe follower überall auf der Welt, sorry für mein Aussehen und überhaupt, hier Amiy, in einer ziemlich extremen Situation, also eigentlich fast schon Panik, jedenfalls kommt jetzt ein total anderes Programm als geplant, aber der Reihe nach, step by step.»

Eigentlich wollte Influencerin Amiy auf dem Kreuzfahrtschiff «Splendid» ein Modeshooting machen, nur hat sie dummerweise etwas viel vom Welcome-Drink erwischt und ist über die Reling in den Ozean gekippt. Kapstadt ist schon weit weg, und auch die «Splendid» kehrt nicht um, sondern entschwindet Richtung Horizont. Tapfer hält Amiy via Handy die Follower auf dem Laufenden, während ihre Füsse im antarktischen Benguelastrom allmählich abfrieren. So beginnt Christoph Kellers Roman «Nennt mich Wellenkamm».

Viel Fachwissen

Was sich erst liest wie ein Remake 2.0 des Bestsellers «Gentleman über Bord» von Herbert Clyde Lewis aus dem Jahr 1937 (Amiy verweist darauf), entwickelt sich durch die Rettung der Influencerin bald zu einer Robinsonade in naher Zukunft. Ein Schiff, das an die «Rainbow Warrior» der frühen Greenpeace-Aktivisten erinnert, nimmt Amyi auf. An Bord ist man erfreut über ihre Millionen Follower. Diese hören nun jeden Abend Erzählungen über eine Zukunft nach dem Klimakollaps, kurz «K.» genannt, und wohnen live der Veränderung ihrer Amyi bei.

Zwar investiert Journalist, Podcaster und Autor Christoph Keller wenig in die psychologische Feinzeichnung seiner Hauptfigur. Dafür wartet er mit viel Fachwissen zu den globalen Folgen der Erderwärmung auf und präsentiert in den abendlichen Erzählrunden auf dem Schiff Lösungen, inspiriert von der Lebensweise indigener Völker. Dabei verschwindet das optimierte Superego Amiy, von der Besatzung liebevoll «Wellenkamm» genannt, allmählich in der solidarischen Gemeinschaft.

Historische Bezüge

Der Autor Keller hat in den 1980er-Jahren in Zürich und München Völkerrecht und Sozialanthropologie studiert. So erstaunt es wenig, dass er in seinem Roman an die Jugend- und Umweltbewegungen jener Zeit anknüpft. Die Stadtutopie aus dem Kultbuch «Bolo’Bolo» (1983) wird aufgenommen, der Zürcher Prime Tower mit hängenden Gärten zur Selbstversorgung der Bewohnerschaft begrünt. Gleichzeitig bauen Arbeiter auf Sizilien die Petrochemie zurück, und die einst weltweiten Proteste gegen die französischen Atom-Tests in der Südsee münden endlich in ernsthafte Versuche, verseuchtes Gebiet wieder bewohnbar zu machen.

Während sich die aktuell boomende «Climate Fiction» in der Schweizer Literatur oft um schmelzende Gletscher, Bergstürze und Wasserknappheit dreht, sich also im helvetischen «Reduit» abspielt, öffnet Kellers Roman «Nennt mich Wellenkamm» den Blick fürs Ganze. Das tut gut, auch wenn es ein paar der detaillierten Beispiele zukünftiger «Rückeroberung» weniger getan hätten. Doch schon nur für das erzählerische Highlight am Schluss lohnt es sich durchzuhalten, zusammen mit Amiy.

Klassiker der Schweizer Umwelt-Belletristik

1922 CHARLES FERDINAND RAMUZ, «STURZ IN DIE SONNE» (ORIGINALTITEL: «PRÉSENCE DE LA MORT»): Der kurze Roman des Unterwalliser Schriftstellers liest sich hundert Jahre nach seinem Erscheinen wie eine Prophezeiung. Aufgrund einer Unregelmässigkeit im Gravitationssystem stürzt die Erde Richtung Sonne. Es wird immer heisser, doch die Menschen im Dorf verdrängen, was vor ihren Augen geschieht, bis es nicht mehr geht.

1977 ERIKA BURKART, «DAS LICHT IM KAHLSCHLAG»: Lebensraum und Stoff der Aargauer Lyrikerin war die Natur, deren Zerstörung sie nicht mit Gewalt, sondern mit Worten entgegentrat. Unter dem «Blutbusch» grub sie nach «dem Stein, dem uralten Handstück / den ich / nicht werfe». In einem anderen Gedicht wandte sie sich von den Menschen ab, die «Bäume morden» und «Jahrhundert-Eschen den Gruss verweigern»: «Ich gehe, bevor ihr mich seht. Ich halte mich an die letzten Gräser».

1982 FRANZ HOHLER, «DIE RÜCKEROBERUNG»: In dieser bekannten Erzählung beschreibt der Zürcher Autor und Kabarettist, wie Tiere und wild wuchernde Pflanzen langsam, aber stetig eine Stadt übernehmen, ohne dass deren Bewohnerinnen und Bewohner etwas dagegen tun können. Utopisch oder dystopisch? Beides.

1983 P.M. ALIAS HANS WIDMER, «BOLO’BOLO»: Das Kultbuch der Zürcher 80er-Bewegung und Hausbesetzer-Szene, in zahlreiche Sprachen übersetzt, ist im Grunde nicht mehr als ein Glossar. Mit seinen frei erfundenen Begrifflichkeiten entwirft der lang anonym gebliebene Autor eine Stadtutopie selbstverwalteter Öko-Wohnräume. So bissig wie witzig. Das Buch wurde 2023 neu aufgelegt.

2009 URS AUGSTBURGER, «WÄSSERWASSER»: Nach «Schattwand» und «Graatzug» ist «Wässerwasser» der abschliessende Roman einer Bergtrilogie. Darin geht es um ein Luxus-Resort im Wallis, wo es noch Wasser gibt und die letzten Nadelbäume dem Klimawandel trotzen. Eine Gruppe von weniger Privilegierten erpresst die Besitzer des Resorts: Wenn sie ihr Wasser nicht teilen, wird der Wald abgefackelt. Da besinnen sich diese auf eine alte Sage. Science-Fiction, Krimi und Heimatroman in einem.

2019, 2022, 2025 SIBYLLE BERG, TRILOGIE: Die Romane «GRM: Brainfuck», «RCE: #RemoteCodeExecution» und «PNR: La Bella Vita» erzählen von der Apokalypse. Vier illegal überlebende Jugendliche sind im ersten Buch auf Rachefeldzug im düsteren London unterwegs und werden im zweiten Buch zu Hackern, die dem Kapitalismus den Stecker ziehen wollen. Im dritten Buch keimt Hoffnung auf: Die Rebellen waren erfolgreich und streben eine neue, solidarische Gesellschaft an.*

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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