Fichenskandal: Mit Eifer nahm der Staat die Ausländer ins Visier

3. März 1990: Protestaktion des "Komitees gegen den Schnüffelstaat" nahe dem Bundeshaus, dem Sitz der Schweizer Regierung. Keystone / Str

Zwischen den 1950er- und späten 1980er-Jahren bespitzelte der Schweizer Staat zahlreiche linke Aktivisten, Politiker und Organisationen. Viele der Aktivistinnen und Aktivisten hatten keinen Schweizer Pass.

Dieser Inhalt wurde am 12. Januar 2020 - 11:00 publiziert
Mattia Lento

Die Aufdeckung des Fichenskandals Ende 1989 stürzte die Schweizer Institutionen in eine tiefe Krise. Der Bundesrat (Landesregierung) entschloss sich, auf die harschen Kritiken mit einer Untersuchung zu antworten und zu versuchen, Klarheit über das bis zu jenem Zeitpunkt aktive Überwachungssystem zu verschaffen.

Am 1. Mai 1990 beauftragte die Regierung den Historiker Georg Kreis und zwei weitere Rechtsexperten, einen Berichts über die angelegten Fichen zu erstellen und somit auch über das System des Staatsschutzes.

Dieser Bericht (Staatsschutz in der Schweiz: die Entwicklung von 1935-1990) bestätigte schliesslich, was viele bereits wussten: Ab dem Zweiten Weltkrieg und besonders ab den 1960er-Jahren diente das Überwachungssystem als Instrument, um primär linksgerichtete Menschen und Organisationen auszuspionieren.

Die Angst vor dem Kommunismus

Der Bericht versuchte herauszufinden, welche Art von Menschen überwacht wurde, wollte aber auch Licht in die Fichen bringen, die nicht alle zur Überwachung von politischen Aktivitäten bestimmt waren.

Rund ein Fünftel der Fichen betraf politische Aktivitäten. Darunter waren die Hälfte Schweizer Bürgerinnen und Bürger, mehr als ein Viertel Ausländerinnen und Ausländer mit Wohnsitz in der Schweiz, etwa ein Fünftel im Ausland lebende Menschen, die in der Regel in einem Land des kommunistischen Blocks lebten und die Schweiz besucht hatten, und eine kleine Zahl an Asylbewerbern.

Unter den fichierten Schweizerinnen und Schweizern waren in Jugendbewegungen Engagierte, Pazifisten, Feministinnen, Umweltschützer, Exponenten der ausserparlamentarischen Linken sowie viele Führerfiguren und Aktivisten der Partei der Arbeit (PdA).

Unter den in der Schweiz lebenden Ausländern war die Hälfte der politischen Fichen Italienerinnen und Italienern gewidmet. Nach Ansicht der Verfasser des Berichts war der Prozentsatz aufgrund der Stärke der italienischen Kommunistischen Partei unter den italienischen Einwanderern so hoch.

So wurde etwa der Dichter, kommunistische Kämpfer, Gewerkschafter, Erzieher und Kulturanimator Leonardo Zanier (1935-2017) – eine zentrale Figur für die italienische Diaspora in der Schweiz – jahrzehntelang von der Bundes- und der Zürcher Polizei überwacht. Er hatte mehrfach zum Thema Fichierung interveniert und erhoffte sich eine Studie über den Zusammenhang zwischen polizeilicher Überwachung und Migrationspolitik zwischen den fünfziger und siebziger Jahren.

Für viele Einwanderer mit kommunistischer Gesinnung führte die Überwachungstätigkeit zur Ausweisung aus dem Land, für andere zu Arbeitsproblemen verschiedener Art, einschliesslich der Schwierigkeit, überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden.

Laut Zanier haben die Schweizer Behörden den demokratischen Charakter der kommunistischen Zugehörigkeit eines Grossteils der italienischen Arbeiterschaft in der Schweiz nie verstanden.

Der auf die Geschichte der italienischen Migration in die Schweiz spezialisierte Historiker Paolo Barcella bestätigt die Ansicht Zaniers: "In der italienischen Gemeinschaft, die in die Schweiz auswanderte, gab es keine bedeutende Anzahl von Menschen mit revolutionären Absichten. Schon gar nicht unter den Führern italienischer politischer und kultureller Organisationen, die der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) nahestanden. Die Zugehörigkeit zur Partei konnte jedoch erhebliche Auswirkungen auf die Arbeit und auf die Beziehungen zu den lokalen Gewerkschaften haben."

"Sogar mein Bruder und ich wussten als Kinder, dass Papa von der Polizei ausspioniert wurde."

Matteo Rodoni, Libreria Italiana

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Die Libreria italiana

Ab Ende der 1940er-Jahre organisierten sich die italienischen Kommunisten in der Schweiz in einem Verband. Wegen des Verbots kommunistischer Aktivitäten auf Schweizer Gebiet sahen sie sich aber bis in die 1980er-Jahre gezwungen, eine heimliche Existenz zu führen.

Es gab viele Fälle von Landesverweis italienischer Arbeiter, vielleicht einige Tausend, was in den Reihen der politisch am stärksten engagierten italienischen Migranten ein Klima der Angst schuf. Deshalb entschied sich die PCI zwischen den fünfziger und sechziger Jahren, auf Sandro Rodoni zu setzen, ein Tessiner und Aktivist der PdA, um zu versuchen, in der Schweiz stärker zu werden.

Bei Rodoni bestand die Gefahr des Landesverweises nicht. So wurde er zu einer der Schlüsselfiguren der Kommunistischen Partei Italiens in der Schweiz. Es gelang ihm, zahlreiche italienische Arbeiter in politische Tätigkeiten einzubeziehen.

1961 eröffnete er zusammen mit seiner Frau Lisetta im Zürcher Kreis 4 die Libreria Italiana. Die Buchhandlung existiert noch heute, im Zeitalter von Amazon und der Digitalisierung, umgeben von Bars und Rotlicht-Etablissements. Die Libreria Italiana wurde zu einem der meistüberwachten Orte durch die Zürcher Polizei. Es fehlte auch nicht an Hinweisen von Anwohnerinnen und Anwohnern.

Die Libreria Italiana in Zürich wurde 1961 eröffnet. Per gentile concessione di Matteo Rodoni

Lisetta Rodoni, heute verwitwet, ist trotz ihres hohen Alters immer noch die Seele der kleinen Buchhandlung. Sie will nicht über diese Zeit sprechen, die sie für ein schmerzhaftes Kapitel in ihrem Leben hält.

Ihr Sohn aber, Matteo Rodoni, erzählt: "Sogar mein Bruder und ich wussten als Kinder, dass Papa von der Polizei ausspioniert wurde. Wir haben uns jedoch nie vorgestellt, was wir später herausfinden würden: 1990 erhielt mein Vater 14 Kilogramm an Fichen, die über ihn und indirekt auch über uns angelegt worden waren."

"Wir waren umzingelt"

Unter den Arbeitern um Sandro Rodoni war auch Bruno Cannellotto. Er war in den 1950er-Jahren mit 18 in die Schweiz gekommen, um als Maurer auf Baustellen in Zürich zu arbeiten. SWI swissinfo.ch trifft ihn an einem an einem für die spanische und italienische Migration historischen Ort: Im "Punto d’incontro / Punto de encuentro di Zurigo" sind noch immer die Zeichen der kommunistischen Vergangenheit zu sehen.

Bruno Cannellotto: "Es gab nicht wenige italienische Denunzianten: Der Antikommunismus war nicht eine Schweizer Exklusivität." Mattia Lento

Cannellotto wusste genau, dass er observiert wurde: "Wenn man auswärts die gleiche Person mehr als einmal traf, vielleicht samstags oder sonntags, war einem sofort klar, dass man beschattet wurde. Ich erinnere mich an eine Versammlung, nach der wir das Gebäude einzeln verlassen mussten, weil rundherum mehr als nur ein Polizist postiert war."

Der Pensionär, der aus dem Friaul stammt, erinnert sich auch, einen Spitzel enttarnt zu haben: "Es gab da einen Römer, der perfekt Deutsch sprach und immer an unseren Versammlungen war. Doch eines Tages musste ich auf die Polizeiwache. Prompt begegnete ich da diesem Typen. Er war gerade dabei, den Polizisten eine Rede von mir zu übersetzen. Es gab nicht wenige italienische Denunzianten: Der Antikommunismus war nicht eine Schweizer Exklusivität."

Aus den Zürcher Fichen, die swissinfo.ch vorliegen, geht hervor, dass Cannellotto seit 1966 observiert wurde. Er war damals Mitglied des Kunst- und Kulturvereins "Michelangelo" in Zürich. Der letzte Eintrag in seiner Fiche stammt von 1986, als er am Tag der Arbeit eine Rede hielt. In der Zwischenzeit war Cannellotto ein beliebter Funktionär der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI). In der Fiche ist zu lesen: "Trat auf dem Helvetiaplatz als Redner auf. Es gab keine Störungen."

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