Polarisierung nimmt zu – ein Jahr vor den Wahlen baut die SVP ihre Führung aus
Mit fast 30 Prozent der Stimmabsichten festigt die SVP ihre Position als stärkste Partei der Schweiz. Auch die Linke legt zu, während die Parteien der bürgerlichen Mitte an Rückhalt verlieren – ein Zeichen wachsender Polarisierung. Das zeigt das neue Wahlbarometer der SRG.
Am 24. Oktober 2027 geht das Schweizer Volk an die Urnen, um das Bundesparlament neu zu bestellen. Das Institut Sotomo hat ein Jahr vor diesem politischen Grossereignis im Auftrag der SRG (Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft, Mutterhaus von Swissinfo) die Meinungen und Prioritäten der Wählerinnen und Wähler erhoben.
Die Analyse der Parteistärken zeigt: Die politischen Pole gewinnen an Gewicht, während die Parteien der bürgerlichen Mitte an Boden verlieren. Die SVP (Schweizerische Volkspartei) galoppiert an der Spitze: Fänden die Wahlen heute statt, wäre die rechtskonservative Partei die grosse Gewinnerin mit 29,9 Prozent der Stimmen. Dieses Ergebnis würde ihren eigenen Rekord von 29,4 Prozent aus den eidgenössischen Wahlen 2015 übertreffen.
Die SVP verzeichnet seit Oktober 2023 den deutlichsten Zuwachs und hat ihren Wähleranteil um 2 Prozentpunkte ausgebaut.
Auch die Sozialdemokratische Partei (SP) und die Grünen legen leicht zu, was die kumulierte Stärke der Linken insgesamt um 1,5 Punkte erhöht.
Dieser Anstieg ist hauptsächlich der SP zuzuschreiben, die auf 19,3 Prozent der Stimmabsichten klettert (+1 Punkt gegenüber den letzten Wahlen 2023) – das wäre ihr bestes Ergebnis seit 2007, stellt Sotomo fest.
Die beiden traditionellen bürgerlichen Parteien schwächeln
Die Erosion der Wählerschaft setzt sich hingegen bei der Mitte fort, die auf 12,6 Prozent der Stimmen kommt, und in geringerem Masse auch bei der wirtschaftsliberalen FDP. Beide Parteien verlieren in den Stimmabsichten 1,5 beziehungsweise 1 Punkt.
Im Vergleich zum Barometer von 2025 gewinnt die FDP einen Platz und zieht an der Mitte vorbei. Doch der Wähleranteil, den sie derzeit erzielt – 13,3 Prozent –, würde das schlechteste Ergebnis in ihrer gesamten Geschichte bei Nationalratswahlen darstellen, wie die Studie festhält.
Zusammen kommen FDP und Mitte, die traditionell das bürgerliche Lager dominierten, derzeit auf 26 Prozent der Stimmen – ein Wähleranteil, der um 4 Punkte unter jenem der SVP allein liegt.
Klimawandel wird wieder zur Priorität
Diese Kräfteverschiebung innerhalb der Parteienlandschaft spiegelt die grössten Sorgen der Bevölkerung jedoch nur teilweise wider. Auffällig ist insbesondere, dass die Migrationspolitik, das Kernthema der SVP, in der Prioritäteniste der Wahlbevölkerung nach unten rutscht.
Die zwei politischen Herausforderungen, die von den befragten Wählerinnen und Wählern heute als am dringendsten eingestuft werden, sind die Krankenkassenprämien (39 Prozent) und der Klimawandel (36 Prozent).
Klimawandel, das Thema, das zuletzt aus der Mode gekommen schien, sei infolge des Hitzesommers 2026 deutlich zurückgekehrt, erklärt Sotomo-Gründer Michael Hermann. Der Anteil der Personen, die darin eine grosse Herausforderung sehen, ist innerhalb eines Jahres um 9 Punkte gestiegen.
Dennoch schlägt sich die Klimasorge noch nicht in einem massiven Wähler:innenrückhalt nieder. Wie erwähnt, haben die Grünen nur leicht zugelegt, während die Grünliberale Partei einen leichten Rückgang verzeichnet.
Obwohl das Institut Sotomo keine neue grüne Welle erwartet, die mit jener von 2019 vergleichbar wäre, schätzt es die aktuelle Tendenz für die beiden Ökoparteien dennoch als «positiver ein, als es auf den ersten Blick erscheint», denn «sie haben es dank eines ökologischen Brandings zumindest geschafft, sich aus dem Wellental zu befreien, in dem sie sich befanden».
65 Prozent der in diesem Wahlbarometer befragten Personen sind der Meinung, dass die vom politischen System ergriffenen Massnahmen zum Schutz vor den Folgen des Klimawandels nicht weit genug gehen. Die Unterstützung für zusätzliche Massnahmen variiert jedoch stark je nach politischer Zugehörigkeit.
Generell hängt die Wahrnehmung der Klimadringlichkeit stark von der Partei ab, der man angehört: Sie wird von fast 90 Prozent der Grünen-Wählerschaft als prioritär eingestuft, aber nur von 5 Prozent der SVP-Wählerschaft.
Die Problematik der Krankenkassenprämien hingegen überbrückt die Parteigrenzen.
Einwanderung und Kriminalität bleiben für die Rechte zentral
Hinter diesen beiden besonders herausragenden Themen folgen vier Themenbereiche, die jeweils von rund einem Viertel der Befragten genannt werden: die Asylpolitik, die Beziehungen zur EU und die Einwanderung, aber auch – neu hinzugekommen – die Wohnungskrise.
Dieses Thema hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen und stieg von 13 Prozent im Jahr 2023 auf heute 23 Prozent. Ähnliches gilt für die Kriminalität, die im gleichen Zeitraum um 9 Punkte nach oben schnellte (von 10 auf 19 Prozent), besonders innerhalb der rechten Wählerschaft.
Umgekehrt hat das Thema Einwanderung deutlich an Gewicht verloren: 2023 wurde es noch von 35 Prozent der Befragten als grosse Herausforderung genannt. Es bleibt jedoch das Thema Nummer eins für die SVP-Wählerschaft.
Schweiz im Umgang mit den USA und Israel als «zu freundlich» eingestuft
Angesichts des hohen Stellenwerts der Aussenpolitik in dieser Legislaturperiode hat das Wahlbarometer auch untersucht, wie die Haltung der Schweizer Regierung auf der internationalen Bühne wahrgenommen wird.
Am kritischsten beurteilt die Bevölkerung das Verhalten Berns gegenüber den Vereinigten Staaten – eine Reaktion, die über die verschiedenen Wählerschaften hinweg recht einheitlich ausfällt. Mehr als 80 Prozent der Befragten finden, dass der Bundesrat gegenüber Washington zu freundlich auftritt.
Ebenso empfinden fast drei Viertel der Befragten die offizielle Haltung der Schweiz gegenüber Israel als zu freundlich. Diese Meinung wird ebenfalls von den meisten politischen Lagern geteilt, wenn auch weniger ausgeprägt von der Basis der SVP und der FDP.
Die Haltung gegenüber Russland und der EU offenbart hingegen sehr grosse Unterschiede zwischen den Wählerschaften, die den Bruchlinien zwischen den ideologischen Blöcken folgen.
Während etwas mehr als die Hälfte aller Befragten die Haltung Berns gegenüber Russland als zu freundlich betrachtet, ist die Wahrnehmung der SVP-Wählerschaft grundlegend verschieden: Weniger als 30 Prozent sind dieser Ansicht, gegenüber mehr als 70 Prozent bei den Wählerinnen und Wählern der Linken.
Ähnliches gilt für die Beziehungen zur Europäischen Union. Während fast 90 Prozent der SVP-Sympathisantinnen und -Sympathisanten den Bundesrat im Umgang mit der EU als zu freundlich einschätzen, teilen lediglich 10 Prozent der SP- und Grünen-Wählerschaft diese Ansicht.
Die Befragten wurden gebeten, den wahrgenommenen Einfluss und die Sympathie für jedes Mitglied des Bundesrats einzuschätzen. Finanzministerin Karin Keller-Sutter (FDP) führt das Einfluss-Ranking klar an (63 Prozent), gefolgt von SVP-Energie- und Umweltminister Albert Rösti (53 Prozent) und Guy Parmelin (SVP).
Der Wirtschaftsminister, der als amtierender Bundespräsident die Regierung Ende Jahr verlassen wird, hat seine Position innerhalb eines Jahres deutlich gestärkt. 42 Prozent der Befragten nennen ihn heute als eines der einflussreichsten Mitglieder des Bundesrats, gegenüber 17 Prozent im Oktober 2025.
Er belegt auch erstmals den Spitzenplatz im Ranking der als sympathischsten eingestuften Bundesräte (von mehr als 60 Prozent der Befragten) vor Verteidigungsminister Martin Pfister von der Mitte (50 Prozent) und Karin Keller-Sutter (46 Prozent).
Datenerhebung und Methode
Die Datenerhebung für das SRG-Wahlbarometer fand online zwischen dem 10. und 23. September 2026 statt. Die Rekrutierung der Befragten erfolgte einerseits über die Webportale der SRG und andererseits über das Online-Panel von Sotomo. Die Antworten von 25’092 Wählerinnen und Wählern konnten für die Auswertung verwendet werden.
Statistische Gewichtungsverfahren wurden eingesetzt, um die Stichprobe den zentralen soziodemografischen Merkmalen der Bevölkerung anzupassen – hinsichtlich Wohnort, Alter, Geschlecht, Bildung und politischer Merkmale.
Der Stichprobenfehler beträgt +/–1,2 Punkte bei einem beobachteten Prozentsatz von 50 Prozent mit einem Konfidenzintervall von 95 Prozent.
Editiert von Samuel Jaberg, aus dem Französischen von Balz Rigendinger
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