Heute in der Schweiz
Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Zu Halloween gibt es in der Schweiz nicht nur Süsses, sondern auch Schreckmomente: Vom EU-Paket über China-Sanktionen bis zur Zahl der Kindsentführungen – die Themen in diesem Briefing sind so vielschichtig wie gruselig.
Für die Kinder zuhause bleibt es heute zum Glück einfacher: Verkleiden, um die Häuser ziehen und Süsses naschen.
Gruselige Grüsse
In Bern endet heute die Vernehmlassung zum «Paket Schweiz–EU». Der Bundesrat erhält breiten Zuspruch, doch die Begeisterung hält sich in Grenzen: Zu viele wollen das Paket nach eigenem Geschmack nachbessern.
Pünktlich zu Halloween endet in Bern die Vernehmlassung zu den neuen EU-Abkommen – und ein bisschen Grusel ist dabei. So drückte etwa der Gewerbeverband laut Le Temps seine «Angst vor einem bürokratischen Monster» aus. Die SVP ist die einzige Partei, die das Paket rundweg ablehnt. Doch auch die Befürworter:innen zeigen sich wenig begeistert. «Ja zu den Abkommen – aber alle wollen sie massgeschneidert», schreibt Le Temps.
Zwar gibt es einen breiten Konsens, den bilateralen Weg fortzusetzen, doch die neuen Verträge spalten. Die Befürworter:innen sehen in ihnen laut der NZZ die Zukunft, die Gegner:innen einen schleichenden Beitritt zur EU. «Wer hat recht? Das ist die schlechte Nachricht: Niemand weiss es», schreibt die NZZ.
Im Zentrum steht die heikle Frage der dynamischen Rechtsübernahme. Künftig soll die Schweiz innerhalb der bilateralen Abkommen neues EU-Recht grundsätzlich übernehmen – ein Schritt, der innenpolitisch umstritten bleibt. Ein Nein zum neuen Paket wäre zwar möglich, doch Brüssel könnte als Reaktion (potenziell schmerzhafte) Ausgleichsmassnahmen ergreifen, so die NZZ. Die Schweiz könne zwar frei entscheiden, ob sie die Verträge annehmen oder ablehnen wolle – «der Ungewissheit entkommt sie dennoch nicht.»
Die Schweiz übernimmt EU-Sanktionen gegen zwei chinesische Banken nicht – und entfacht damit alte Debatten neu.
Die Schweiz übernimmt die EU-Sanktionen gegen zwei chinesische Banken nicht – und erntet dafür Kritik. SP-Nationalrat Fabian Molina spricht von einem «Einknicken» gegenüber China, der Bundesrat widerspricht. Er habe den Entscheid «unter Berücksichtigung aussenpolitischer, aussenwirtschaftlicher und rechtlicher Kriterien» gefällt.
Konkret geht es um die Heihe Rural Commercial Bank und die Heilongjiang Suifenhe Rural Commercial Bank, denen die EU vorwirft, Russland beim Umgehen der Sanktionen zu helfen. Der Bundesrat begründet seinen Entscheid gemäss SRF damit, dass Schweizer Finanzinstitute keinerlei Aktivitäten mit den beiden Banken hätten. Für Molina ist das zu wenig: Die Schweiz stelle «Profit über Völkerrecht», sagt er mit Blick auf die laufenden Verhandlungen über die Erweiterung des Freihandelsabkommens mit Peking.
Unterstützung erhält der Bundesrat aus der Mitte: Parteipräsident Philipp Bregy betont, Sanktionen müssten «eine konkrete Wirkung» haben. Das Wirtschaftsdepartement bezeichnet die Vorwürfe des Einknickens als «haltlos» – schweigt aber dazu, ob China im Vorfeld interveniert hat. Solche Vorwürfe, die Schweizer Regierung nehme bei heiklen Aussenbeziehungen Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen, sind nicht neu – ähnliche Kritik gab es bereits im Zusammenhang mit Russland- und Mediensanktionen.
Internationale Kindsentführungen nehmen in der Schweiz zu. 2024 verzeichnete das Bundesamt für Justiz 154 Fälle – oft dauern Rückführungen wegen komplexer Abläufe zwischen Behörden mehrere Monate, obwohl das Haager Übereinkommen nur sechs Wochen vorsieht.
«Die zunehmende Zahl von Kindsentführungen führt vor Augen, wie fragil der Schutz des Kindeswohls in der Schweiz ist», schreibt die NZZ. Zwar verpflichtet das Haager Übereinkommen Staaten, von einem Familienmitglied entführte Kinder innert sechs Wochen zurückzuführen. In der Schweiz dauert es im Schnitt vier bis sechs Monate – oft länger.
2024 registrierte das EDA 17 konsularische Schutzfälle im Zusammenhang mit Kindsentführungen. Insgesamt verzeichnete das Bundesamt für Justiz 154 internationale Fälle – Tendenz steigend. Rückführungen scheitern an komplexen Verfahren, fehlender Spezialisierung und widersprüchlichen Abläufen zwischen den beteiligten Behörden in der Schweiz und im Ausland.
Auch in anderen Ländern gibt es viele internationale Kindsentführungen, doch dort verlaufen Rückführungen oft schneller. Deutschland, Norwegen oder England verfügen über spezialisierte Familiengerichte, beschleunigte Verfahren und straffere Fristen, was Verzögerungen reduziert. In der Schweiz hingegen führt das Zusammenspiel von Gerichten, kantonalen Behörden und internationalen Partnern häufig zu längeren Verfahren.
Meine beiden älteren Kinder können es kaum erwarten: «Halloween! Wir wollen uns verkleiden und Süssigkeiten sammeln!» In unserem Quartier in einem Vorort von Bern wird der Brauch schon richtig zelebriert – und auch sonst gewinnt Halloween in der Schweiz zunehmend an Bedeutung.
Vor drei Jahrzehnten hätten die meisten Schweizer:innen bei gruselig verkleideten Kindern nur ratlos geguckt. Heute stapeln Supermärkte Kostüme, Süssigkeiten und Deko, extra angelegte Vergnügungsparks servieren Kürbisgerichte, und überall leuchten Kürbisfratzen in die Nacht.
Halloween kam in den 1990er-Jahren via Frankreich in die Schweiz. Es dauerte ein paar Jahre, bis Detailhändler, Medien und Kürbisbauern den Trend entdeckten –heute ist der Kürbis der heimliche Star der Saison. Statt um okkulte Rituale geht es längst um Nervenkitzel, Zucker und ein bisschen Schabernack, wie mein Kollege Thomas Stephens in seinem Artikel schreibt.
Trotzdem gehen die Meinungen auseinander: Für die einen ist Halloween ein spassiger Höhepunkt im Jahreskalender, für andere eher ein überflüssiger, kommerzieller Anlass. Und ja: Menschen gruseln sich gern! Das Phänomen der «Angstlust» sorgt dafür, dass wir uns freiwillig kleinen Schreckmomenten aussetzen, wie Der Bund heute schreibt. Mit Kitzel, Lachen und ein bisschen Stolz, wenn man sich mutig durchs Viertel traut. Noch kleiner als in den USA, aber mit viel Kreativität und Humor hat Halloween in die Schweizer Bräuche gefunden.
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