Tim Mälzer: «Warten und Langeweile sind nicht mein Ding»
Fernsehkoch Tim Mälzer ist Gast am Lernzentrum Square der Universität St. Gallen. Wie es ihm an der Elite-Uni geht, was er anstossen will und wieso er gerne streitet, erzählt er im Interview zwischen zwei Programmpunkten.
(Keystone-SDA) Tim Mälzer ist als Fernsehkoch in «Kitchen Impossible» ein Star und nimmermüder Erfinder von Bonmots. Im Moment ist er dazu «Artist in Residence» am Square der Universität St. Gallen. Zwischen seinem Workshop «Können vegane Apero-Kreationen Stern-Niveau erreichen?» und dem Auftritt an einem Streitgespräch zum Thema Unternehmertum mit Uniprofessor Oliver Gassmann bleibt Zeit für ein paar Fragen – bis 18 Uhr. Dann muss Tim Mälzer zum «Verkabeln». Er spreche so schnell, meint der gut gelaunte Mälzer, dass er bis dahin Material für 80’000 Seiten hinkriege. Von Müdigkeit keine Spur. Was dann kommt, ist ein spontanes rhetorisches Mälzer-Feuerwerk im Abendlicht auf einer der Terrassen auf dem Campus.
Keystone-SDA: Wie geht es Ihnen nach Ihrem ersten Tag als Artist in Residence an der Universität St. Gallen?
Tim Mälzer: Mir geht es gut, ich bin hier wahnsinnig nett empfangen worden. Ich weiss noch nicht ganz genau, wie ich den Kontext einordnen soll, weil ich ja das erste Mal hier bin. Was soll das genau? Wo schaffe ich Inspiration? Aber ich taste mich langsam ran, und ich fühle mich sehr wohl. Sollte ich pro Klasse nur drei, vier Leute erreichen, ist es trotzdem keine vertane Zeit. Mir reicht auch schon einer. Wenn der in einem halben Jahr sagt «Gut, habe ich verstanden, habe ich begriffen. Oder: Was hat er noch mal gesagt?», finde ich das toll.
Sie haben ein volles Programm mit Unterricht, Workshops und Diskussionen. Das ist richtig intensiv.
Ist es das? Ich mache Gastro. Das ist so ein All-In-Job über den ganzen Tag verteilt, in dem ich auf ganz unterschiedlichen Ebenen tätig sein muss. Fast alle Aufgaben sind mit Präsenz verbunden. Deshalb strengt mich das hier nicht so an.
Sie sind das gewohnt.
Das Menschliche wird für mich irgendwann anstrengend. Das ist wie eine Saugglocke. Wenn du viel gibst, kostet das Kraft – nicht die klassische physische Kraft. Aber je lauter, je mehr, desto besser, je länger die Energie abgerufen wird, habe ich Bock drauf. Warten und Langeweile sind nicht um mein Ding.
Das Streitgespräch gleich nachher macht Ihnen also nichts aus?
Oh nein, das liebe ich. Streiten ist die beste Sache der Welt. Wir streiten viel zu wenig. Die Streit-Kritik-Kultur ist eine Katastrophe bei uns. Das ist ganz, ganz schlimm.
Woran liegt das?
Ich glaube, in dieser Generation, und da müssen wir alle aufpassen, wollen wir alle Widerstände aus der Welt geräumt haben. Wir machen es uns inzwischen wirklich zu einfach. Ich kann kein Klavier spielen. Dafür habe ich viele andere Superkräfte und Talente. Dann muss man das andere ja nicht schönreden.
Es wird also zu wenig kritisiert?
Früher hiess es: Du machst, was ich dir sage. Das war falsch. Heute sagen wir: Mach, was du willst. Ich halte das auch für falsch, in allen Belangen. Wenn Kinder nicht wissen, was ihre Eltern dafür getan haben, dass sie hier zur Universität gehen können, wenn da nicht eine gewisse Demut vorhanden ist, sondern sie das als selbstverständlich sehen, glaube ich, dass das keine gute Ausbildung ist. Gestern wurde ich von einem Studenten empfangen, der danach Nachtdienst hatte. Genau das sind die wichtigen Leute. Die entweder arbeiten müssen, arbeiten wollen oder für die es eine Selbstverständlichkeit ist, einen Teil zur Gemeinschaft beizutragen.
Zurück zum Workshop von vorhin: Können die Apero-Häppchen nun Sterne-Niveau erreichen oder nicht?
Grundsätzlich kann man die ausarbeiten, ja. In zwei Stunden geht das natürlich nicht. Meine «Bullerei» (Tim Mälzers Restaurant in Hamburg, Anm. d. Red.) hatte ihren ersten anständigen Gastrotag nach ungefähr sechs Monaten. Es dauert, bis ein Team funktioniert. Nicht wegen der Kompetenz der Leute, sondern weil einfach so viele Dinge zusammenspielen müssen. Das ist eine Maschinerie, die ineinandergreifen muss, die harmonieren muss.
Noch einmal an den Anfang der Geschichte. Was haben Sie gedacht, als Sie der Ruf aus St. Gallen erreichte?
Ich fand das eine richtig dumme Idee von denen, fand es aber auch richtig toll, weil ich Wissenstransfer und Mentoring als etwas ganz Spannendes und ein bisschen als meine Leidenschaft empfinde. Ich möchte nicht Menschen kreieren, die das machen, was ich mache. Ich bin gross geworden, weil ich tolle Leute an meiner Seite hatte, die etwas aus mir rauskitzelten. Die mich nicht zwangen, das zu kopieren, was sie mir vorlebten. Die sahen mein Talent und meine Stärken. Jeder hat Stärken. Aber wenn ich mich nur im unmittelbaren Umfeld bewege und vergleiche, werde ich lange brauchen, um zu verstehen, wer ich bin. Und deshalb fand ich das ganz toll. Ich bin auch stolz. Zu Hause habe ich ein bisschen übertrieben und gesagt, dass ich eine Gastprofessur habe. Ein bisschen auf dicke Hose gemacht. Kann ja keiner überprüfen.
Was erwarten Sie sich vom Schlagabtausch, der Ihnen heute Abend noch bevorsteht?
Ich habe ein bisschen Angst vor mir. Die Leute sind wahnsinnig gastfreundlich zu mir. Ich werde versuchen, meiner Position treu zu bleiben und trotzdem rumzustänkern. Es soll ja ein Streitgespräch sein. Ich bin nicht auf Streit aus. Aber ich mag es lieber, wenn man anderer Meinung ist und dann versucht, einen Konsens zu finden. Oder die Sichtweise des anderen entdeckt. Weshalb soll ich mich in dem bestätigen, was ich sowieso denke? Und deshalb hoffe ich, dass jetzt gleich die Nettigkeit auch mal ein Ende hat. Vielleicht sagt ja auch mal einer: Du bist doch nur ein fetter Fernsehkoch, der grosse Fresse macht und Glück gehabt hat im Leben. Das wäre doch mal ganz schön. Es ist schön, wenn die Leute nett sind. Aber für ein Streitgespräch ist das nicht das Beste.
TV-Koch, Autor, Unternehmer und Mentor
Der 55-jährige Tim Mälzer machte nach dem Abitur und einem Einsatz als Zivildienstleister eine Ausbildung zum Koch. Seit den frühen 2000er-Jahren tritt er in Fernsehkochshows auf und wurde so zum bekanntesten Fernsehkoch Deutschlands. Oder wie er sagt: «Ich bin für die Kulinarik das, was Jesus für die Weltreligionen ist.» Sehr bekannt ist die Kochshow «Kitchen Impossible» auf VOX. Dort treten jeweils zwei prominente Sterne- oder Fernsehköche gegeneinander an, um die Spezialität einer Region möglichst authentisch nachzukochen. Im Hamburger Schanzenviertel betreibt Tim Mälzer das Restaurant Bullerei. Tim Mälzer lebt in Hamburg.