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Hélène Smith – die erste Schweizerin auf dem Mars

Helene Smith auf einem Selbstportrait.
Helene Smith auf einem Selbstportrait. zvg

Nach Feierabend bereiste die Genferin Elise Müller im Geist den Mars. Dann beschrieb ein Forscher ihren Fall. So wurde sie als Hélène Smith berühmt. Die seltsame Geschichte einer kreativen Schweizerin.

In den Jahrzehnten vor 1900 rätselte man weltweit über den Mars. Der Auslöser: Astronomen meinten, auf dem Wüstenplaneten ein System von Kanälen erblickt zu haben.

Man war überzeugt, dass nur fortgeschrittene Wesen dieses gesamtplanetare Bewässerungssystem errichtet haben konnten.

Skizzen der Marskanäle von Percival Lowell, der die Theorie in den USA verbreitete.
Skizzen der Marskanäle von Percival Lowell, der die Theorie in den USA verbreitete. zvg

Vorstellungen, wie die Marsmenschen aussahen, schossen ins Kraut. Während sie bei einigen menschenähnlich blieben, verliehen ihnen andere Flügel, beim Literaten H.G. Wells griffen gewaltbereite Hirne mit Tentakeln die Erde an.

Die Grenzen zwischen Fiktion und ernstgemeinten Beiträgen blieben in der Diskussion fliessend. Wissenschaftler schrieben Romane, Romanciers übten sich in Astronomie.

Hélène Smith – Visionen vom Mars

Unter die prominenten Namen, die damals Bilder vom Mars produzierten, mischte sich auch eine Genferin: Hélène Smith. Sie hiess mit bürgerlichem Namen Catherine-Élise Müller und wurde 1861 in Martigny im Wallis geboren. Zwischen 1894 und 1900 leitete sie an die 150 spiritistische Séancen. Ihre Visionen vom Mars machten sie weltberühmt.

Der Spiritismus erlebte damals ein Hoch in Europa. Verschworene Clubs trafen sich zu Séancen – Sitzungen, bei denen man mit Geistern in Verbindung trat.

Im Mittelpunkt dieser Treffen stand das Medium: eine Vermittlerin, die in Trance Kontakt zum Jenseits aufnahm – oder dies zumindest behauptete. Medien interpretierten beispielsweise Klopfgeräusche von Poltergeistern oder liessen ihre schreibende Hand von Geistwesen führen.

Die Geisterwelt als Mittel zur Freiheit

Auffallend oft waren Medien weiblich. Mit Geistern in Kontakt zu treten, war für Frauen, die im 19. Jahrhundert als besonders sensibel, aber unfähig zu einer eigenen gewichtigen Stimme in der Gesellschaft galten, durchaus ein Akt der Emanzipation.

Die Historikerin Claudie Massicotte, die sich in einem Buch mit weiblichen Medien beschäftigt hat, schreibt: «Auch wenn sie nur im Namen anderer sprach, erhielt das Medium die Gelegenheit, sich zu äussern, und nahm eine einflussreiche Position ein – während es sonst schweigend geblieben wäre.»

Auch der Fall Hélène Smith zeigt einen solchen Aufstieg – mit den geborgten Stimmen toter Berühmtheiten. Am Tag arbeitete sie in einem Genfer Stoffgeschäft, nach Feierabend und am Sonntag empfing sie Gäste zu Treffen mit der Geisterwelt in ihrem sorgfältig eingerichteten Salon.

Der erste Geist, zu dem Müller Kontakt aufnahm, war der Schriftsteller Victor Hugo, der erst ein paar Jahre zuvor gestorben war – und zu Lebzeitenselbst ein Anhänger des Spiritismus war. Später durchlebte sie vergangene Leben als Hindu-Prinzessin und als Marie Antoinette.

Zittern, Nebel, Farben: Der Mars!

Die Frage, wie man mit den Marsianern kommuniziert, trieb die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts um. Smiths Kontakt zum Mars geschah unverhofft, 1894: Sie hatte eine Frau zu Gast, die Kontakt zu ihrem mit 17 Jahren verstorbenen Sohn erhoffte.

Im Rückblick schilderte Smith, einem hellen Licht in der Höhe gefolgt zu sein – worauf sie ein Zittern verspürte, so stark, dass ihr Herz fast zu schlagen aufhörte. Sie geriet in einen Nebel mit wechselnden Farben, dann plötzlich fühlte sie festen Boden unter sich: Den Mars.

Bei künftigen Séancen sollte sie immer wieder auf dem Mars wandeln – zum grossen Glück von Madame Mirbel – mit einer Reinkarnation ihres toten Sohnes, der nun als Smiths Führer durch die fremde Welt diente.

Marsmensch in seiner Marslandschaft (Zeichnung)
So zeichnete Hélène Smith einen Marsmenschen in seiner Marslandschaft. zvg

Die Marsianer, die Smith in den Visionen begegnen, sehen wenig spektakulär aus und ähneln Menschen – nur dass Frauen und Männer dieselbe Tracht tragen.

Sie bewegen sich auf «Kutschen ohne Pferde und ohne Räder, die Funken sprühten, während sie vorbeiglitten», wie Smith protokollierte, oder einer Art Ein-Mann-Rakete.

Auch die Landschaft unterscheidet sich ihren Berichten nach wenig von der Erde. Interessanter sind ihre Zeichnungen von der Architektur des Mars sowie von Pflanzen und Insekten.

Marslandschaft, gemalt von Hélène Smith.
Marslandschaft, gemalt von Hélène Smith. (Bibliothèque de Genève) zvg

1896 begann Smith, in einer fremden Sprache zu sprechen und zu schreiben: «Marsianisch». Die Sprache wirkte auf den ersten Blick nicht wie andere Sprachen und schien eine eigenständige Grammatik aufzuweisen – selbst der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure besuchte Séancen, um das Sprachwunder zu untersuchen.

Probe der «marsianischen» Handschrift von Hélène Smith.
Probe der «marsianischen» Handschrift von Hélène Smith. zvg

Es zeigte sich, dass die Sprachstruktur doch stark ans Französische angelehnt war.

International bekannt gemacht hat Hélène Smith jedoch eine weitere fremde Stimme – diesmal eines lebenden Irdischen.

Ihre Visionen wurden der Weltöffentlichkeit durch die Darstellung in einem Buch des Genfer Psychologen Théodore Flournoy bekannt: «Des Indes à la planète Mars» («Von Indien zum Planeten Mars»).

Objekt der psychologischen Forschung

Flournoy hatte ihre Séancen jahrelang begleitet und dokumentiert. Von ihm stammt auch das Pseudonym Hélène Smith, unter dem Müller weltweit bekannt wurde. Für Flournoy war Elise Müller ein psychologisches Forschungsobjekt.

Flournoys Buch nimmt eine merkwürdige Stellung in der Geschichte der Psychologie ein: Es erscheint, im Umbruch zum neuen Jahrhundert, fast zeitgleich mit Sigmund Freuds «Traumdeutung».

Der Spiritismus behauptete, dass unsere Häuser von Geistern heimgesucht werden und wir mit ihnen reden können. Freud meinte (im übertragenen Sinn), dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind, sondern von unbewussten Wünschen gelenkt werden – und dass die Psychoanalyse es ermögliche, mit diesen in Kontakt zu treten.

Flournoy schlug einen Mittelweg ein: Er sah in den Visionen des Mediums Smith keineswegs Botschaften vom Mars oder dem Jenseits, sondern ihren Weg, mit dem eigenen Inneren zu kommunizieren.

Er entwarf dafür die Theorie der «Kryptomnesie»: dass das Unterbewusste tief verborgenes Wissen automatisch wieder hervorbringen kann.

Weltweite Berühmtheit

Hélène Smith mit Théodore Flournoy.
Hélène Smith mit Théodore Flournoy. zvg

Die Geschichte der Psychologie ist voll von Frauen, die als anonyme Patientinnen in Vergessenheit gerieten, während jene, die sie beschrieben, zu Helden der Wissenschaft aufstiegen.

In gewisser Weise erging es auch Müller so: Sie zerstritt sich mit Flournoy, dessen pathologisierende Analyse sie ablehnte. Die meisten ihrer Werke, die sie testamentarisch der Stadt Genf vermachen wollte, wurden nach ihrem Tod verstreut, ihr Nachlass verzettelt.

Doch nach der Publikation von Flournoys Buch berichteten bald auch die abgelegensten Lokalblätter von Smiths Visionen.

Etliche Zeitungen deuteten die Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftler Flournoy so um, als könne man Smiths Visionen tatsächlich Glauben schenken. «Scientists believe Helene Smith, a Swiss girl, has visited Mars» hiess es 1900 im St. Louis Post Dispatch.

Späte Aufmerksamkeit der Kunstwelt

Auch eine amerikanische Mäzenin wird auf sie aufmerksam: Die amerikanische Millionärin Mary Jackson sichert ihr bis zu ihrem Lebensende eine Rente zu.

Marsblume von Hélène Smith.
Marsblume von Hélène Smith. zvg

Für die Surrealisten wurde Smith in der Folge zu einer Heldin. Mit ihrem kreativen Interesse am Unterbewusstsein waren sie ohnehin fasziniert von Schlafwandlerinnen, Menschen, die in fremden Zungen sprachen, und von spiritistischen Medien.

André Breton, Chefdenker der Avantgarde-Gruppe, feierte Smith 1933 als Muse der «écriture automatique», des automatischen Schreibens. Weitere Würdigung erfuhr ihr Werk 2022 an der Kunstbiennale in Venedig, wo ihre Marsbilder im Rahmen der Ausstellung «The Milk of Dreams» gezeigt wurden.

Den eindrücklichsten Nachhall hinterliess sie bei der finnischen Künstlerin Jenna Sutela im Videokunstwerk «nimiia cétiï». Sutela liess damit ein neuronales Netz Smiths Marssprache erlernen.

Dieses generiert im Video eine neue Sprache und Schrift, die auf Bewegungen von Bacillus subtilis reagiert – einer Bakterie, die Sutela als Mediumspartnerin wählte, weil sie theoretisch auf dem Mars überleben könnte.

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Editiert von Balz Rigendinger

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