Wie die Schweiz zur Bio-Pionierin wurde
Die Schweiz ist Weltspitze beim Bio-Konsum: 12,3% des Lebensmittelumsatzes entfallen hierzulande auf biologische Produkte – mehr als in jedem anderen Land. Bio ist in der Schweiz längst kein Nischenprodukt mehr, sondern fester Bestandteil des alltäglichen Lebensmittelhandels.
Ein Besuch in einem Supermarkt in der Schweiz lässt viele Besuchende aus dem Ausland staunen. Der Anteil an Bio-Produkten, die in den Regalen zur Auswahl stehen, ist hierzulande weit höher als anderswo. «Bio» gehört in der Schweiz unterdessen zum täglichen Einkauf.
Fast jedes dritte Ei im Schweizer Detailhandel stammt aus biologischer Produktion. Bei Gemüse, Salat und Kartoffeln liegt der Anteil bei rund 27%.
Mit einem Anteil von 12,3% Bio-Produkten an allen verkauften Lebensmitteln führt die Schweiz den internationalen Vergleich an. Danach folgen Dänemark mit 11,6% und Österreich mit 11,4% des Lebensmittelumsatzes.
«Bio» ist nicht klar definiert
Die internationalen Daten sind allerdings nicht einheitlich: Die Länder verwenden unterschiedliche Erhebungsmethoden. Begriffe wie «Lebensmittelhandel» und «gesamter Lebensmittelmarkt» werden nicht immer identisch definiert.
Und auch die Definition von Bio ist weltweit nicht geregelt. Ein Produkt mit einem Bio-Label in einem Land erfüllt oft andere Regeln als anderswo. So sind die Schweizer Bedingungen zur Zertifizierung strenger als die EU-Bio-Verordnung oder der Organic-Standard der USA.
Der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe, Bio Suisse, weist auch darauf hinExterner Link, dass die Schweizer Zahlen seit 2024 auf einer neuen Datengrundlage beruhen. Frühere Werte wurden teilweise neu berechnet.
Trotz dieser Einschränkungen bleibt das Bild aber stabil: Im Einkaufswägeli der Schweizerinnen und Schweizer nehmen Bio-Produkte im Vergleich mit der Kundschaft anderen Ländern am meisten Platz ein.
Zudem führt die Schweiz mit umgerechnet 494 Euro pro Kopf und Jahr für Bio-Produkte seit Jahren das Ranking der Ausgaben pro Einwohnerin und Einwohner.
«Allerdings ist hier das allgemeine Preisniveau ohnehin hoch», heisst es im Branchenreport 2026 des deutschen Bunds Ökologische LebensmittelwirtschaftExterner Link (BÖLW).
Aus der Nische zur politischen Anerkennung
Die Geschichte des Erfolgs in der Schweiz beginnt nicht erst mit dem Nachhaltigkeitsboom. Der hiesige Biolandbau entwickelte sich im 20. Jahrhundert zu einer organisierten Bewegung.
1981 gründeten fünf Organisationen den Dachverband der Schweizer Bio-Organisationen, woraus 1997 Bio Suisse wurde.
Mit der «Knospe» schuf der Verband ein gemeinsames Label. Sie ist nicht einfach die Schweizer Variante des EU-Biozeichens, sondern eine privates Kennzeichnung mit eigenen Richtlinien, die in mehreren Bereichen über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen. Dies mit dem Ziel, Vertrauen in Produktionsweise und Kontrollen zu schaffen.
Die politische Anerkennung folgte 1992. Damals wurde der biologische Landbau im Landwirtschaftsgesetz neben der integrierten Produktion (IP-Label) als förderwürdige Produktionsform aufgenommenExterner Link.
Bio wurde dadurch zu einem Bestandteil der staatlichen Agrarpolitik. In der Schweiz wanderten nach biologischen Massstäben hergestellte Produkte somit recht früh aus der Öko-Nische in die Mitte des Ernährungssystems.
Die Supermärkte treten auf den Plan
Den vielleicht wichtigsten Schub erhielt der Markt Anfang der 1990er-Jahre. Coop lancierte seine Bio-Eigenmarke «Naturaplan», in enger Zusammenarbeit mit Bio Suisse. Die Produkte wurden fortan mit der Knospe ausgezeichnet. Bio war damit nicht mehr nur im Fachgeschäft erhältlich, sondern auch im Supermarkt.
Später stieg auch der zweite Schweizer Detailhandelsriese, die Migros, ins Biogeschäft ein. Die beiden Genossenschaften dominieren seit anhin den Schweizer Lebensmittelhandel und verfügen über ein dichtes Filialnetz.
Bio wurde dadurch bequem erreichbar und Teil des täglichen Einkaufs: Heute kommt kein Detailhändler mehr an Bio-Produkten vorbei.
Lag der Anteil der Bio-Artikel am gesamten Lebensmittelmarkt 2007 noch bei 7,1%, waren es 2020 bereits 10,8% und 2024 stand die Schweiz wie bereits erwähnt bei den rekordhohen 12,3%.
4,266 Milliarden Franken beträgt der Umsatz von Bio-Lebensmitteln in der Schweiz.
12,3% beträgt der Bio-Anteil am Lebensmittelmarkt in der Schweiz.
468 Franken geben Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz pro Kopf für Bio-Lebensmittel aus.
52% aller Konsumentinnen und Konsumenten kaufen täglich oder mehrmals pro Woche Bio-Produkte.
7467 Bio-Landwirtschaftsbetriebe und -Gärtnereien sowie Imkerinnen innen und Imker in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein produzieren nach den Richtlinien von Bio Suisse.
18,4% der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Schweiz werden biologisch bewirtschaftet.
Quelle: Bio Suisse
Vertrauen und Kaufkraft als Gründe für den Erfolg
Mit ein Grund für den Erfolg der Bio-Produkte im Einkaufswagen dürfte das hohe Vertrauen sein, das die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten dem Label «Bio» entgegenbringen.
Denn beim Einkauf kann niemand selbst überprüfen, wie ein Feld bewirtschaftet oder Tiere gehalten werden. Die Kundschaft ist auf Kontrollen und glaubwürdige Kennzeichnungen angewiesen.
Bio heisst aber nicht automatisch, dass die Produkte in der Schweiz hergestellt wurden. Weil nicht alles im Inland produziert werden kann, muss die Schweiz auch Bio-Rohstoffe und -Lebensmittel importieren. Dabei wird darauf geachtet, dass die ausländischen Betrieben nach den Knospe-Richtlinien produzieren.
Ein weiterer Grund dürfte die hohe Kaufkraft der Schweizerinnen und Schweizer sein. Biologische Produkte sind teuer, und der Preis gehört zu den wichtigsten Hindernissen. Haushalte mit höherem Einkommen greifen häufiger zu Bio; auch Bildung und Wohnort beeinflussen das Konsumverhalten.
Der Geschmack ist weniger wichtig
Der Geschmack ist laut einer Untersuchung des Bundesamts für Landwirtschaft und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL von 2022Externer Link nicht in erster Linie ausschlaggebend für den Kauf.
Vielmehr stehen für 85% der Befragten eine artgerechte Tierhaltung und die Vermeidung von Rückständen von Pflanzenschutzmitteln im Zentrum. Danach folgen eine umweltschonende Produktion und der Verzicht auf vorbeugende Antibiotika in der Tierhaltung.
Anteil Produktion in Liechtenstein am höchsten
Laut Zahlen von Bio SuisseExterner Link produzierten 2025 fast 7500 Betriebe und Gärtnereien in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein nach den Richtlinien der Branchenorganisation.
Die Schweiz ist zwar Bio-Weltmeisterin im Konsum, nicht aber in der Produktion. Beim Anteil biologisch bewirtschafteter Fläche liegt Liechtenstein mit 43,5% weltweit an der SpitzeExterner Link. Spanien, Frankreich und Italien verfügen in absoluten Zahlen über die grössten Bioflächen Europas.
Aufholbedarf in der Gastronomie
Die Spitzenposition der Schweiz beim Marktanteil von Bioprodukten ist allerdings kein Selbstläufer. Der Marktanteil stagniert gegenwärtig, die Preise sind hoch, und ein Teil der Nachfrage muss durch Importe gedeckt werden.
Die nächste Herausforderung besteht darin, Bio auch ausserhalb des Supermarkts verfügbarer und für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich zu machen.
Dazu gehört auch die Gastronomie: Die bereits erwähnte Untersuchung von Bund und FiBL hat bei den Befragten ein grosses Bedürfnis nach biologischen Lebensmitteln in Restaurants, Kantinen und Takeaways festgestellt.
Denn für viele Menschen ist Bio ausser Haus weniger verfügbar als im Supermarkt. Auch steigende Lebenshaltungskosten können selbst überzeugte Bio-Käuferinnen und -Käufer zu günstigeren Produkten führen.
Editiert von Balz Rigendinger
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