Vom «Herdöpfel» aus dem Rheintal zur Chipstüte
Der heisse und trockene Sommer hat den Kartoffeln besonders zugesetzt. Die Ernte ist so mager wie selten. Trotzdem sind Kartoffelprodukte weiterhin im Supermarkt verfügbar - als Rösti, Stock oder Chips. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Kartoffeln noch von Hand aus dem Boden geholt - etwa im Rheintal, wie ein altes Bild zeigt.
(Keystone-SDA) Das Bild aus dem Keystone-SDA-Archiv zeigt Mühe und schmerzende Rücken. Es ist mit «Kartoffelernte im rheintalischen Hirschelen» vermerkt und soll um 1950 herum aufgenommen worden sein. Hirschelen gehört zur Gemeinde Rebstein im St. Galler Rheintal. Ob im Sommer oder an einem warmen Herbsttag, lässt sich nicht mehr feststellen.
Kartoffeln werden in der Schweiz zwischen Juni und Oktober geerntet, wie es auf der Webseite von Swisspatat heisst. Die Branchenorganisation der Schweizer Kartoffeln beschreibt diese als «unglaublich vielseitig». Die verschiedenen Sorten unterschieden sich in Geschmack und Aussehen und seien mehlig- oder festkochend – und vor allem könnten sie auf x verschiedene Arten zubereitet werden.
Knolle mit kurzer Geschichte
Aber: «Der lange, heisse und trockene Sommer hat den Kartoffeln stark zugesetzt», hält Swisspatat fest. Die Ernte falle deshalb so tief aus wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Auch die Knollen selbst seien kleiner als gewohnt, immerhin aber von guter Qualität.
Abgesehen vom diesjährigen heissen Sommer mit kleiner Ernte, halten wir Kartoffeln für selbstverständlich. Dabei ist ihre Geschichte in der Schweiz verhältnismässig kurz. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam sie mit spanischen Eroberern und englischen Seefahrern nach Europa – und das vorerst auch nur als Zier- und Gartenpflanze, wie es Roger Peter im Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) darlegt. Hierzulande sei das Nachtschattengewächs um das frühe 18. Jahrhundert herum bekannt und angebaut worden, etwa ab 1697 in Glarus oder 1717 in Graubünden.
Hungerkrisen – 1770/1771 und 1816/1817 – sowie eine Umstrukturierung der Landwirtschaft hätten zu einem «Verbreitungsschub» und schliesslich zur Etablierung der Knolle als Grundnahrungsmittel geführt. «Sie warf höhere Flächenerträge als das Getreide ab», schreibt Peter, «erforderte aber viel Dünger und einen hohen Arbeitseinsatz.» Die Kartoffel habe mitgeholfen, die «schnell wachsende Unterschicht» im Zeitalter der Industrialisierung zu ernähren, aber auch teilweise eine gefährliche Abhängigkeit erzeugt.
Herdöpfel auf der Sechseläutewiese
Der Siegeszug der Kartoffel sei trotzdem nicht aufzuhalten gewesen, schreibt Benedikt Meyer in einem Beitrag des Online-Blogs des Schweizerischen Nationalmuseums und erinnert daran, wie der «Herdöpfel» zur Rösti wurde. Diese sei während des Zweiten Weltkriegs gar identitätsstiftend gewesen. In der «Anbauschlacht» während des Zweiten Weltkriegs wurden Kartoffeln laut Meyer in Blumenbeeten, auf Fussballfeldern, auf der Sechseläutenwiese in Zürich und gar direkt neben dem Bundeshaus in Bern angepflanzt.
Nach dem Krieg ging der Pro-Kopf-Konsum zwar zurück, trotzdem war die Kartoffel auch beim Trend zur schnellen Zubereitung zunächst führend, wie es im Blog weiter heisst. «In der Küche der Nachkriegszeit war der fixfertige Kartoffelstock zum Anrühren wohl das erste und erfolgreichste Convenience-Food. Von den seit 1950 produzierten Kartoffelchips ganz zu schweigen.»
Ob die Helferinnen und Helfer bei der Ernte in der Hirschelen etwas von diesen Chips wussten, lässt sich zumindest bezweifeln.
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