Bundespolitik

Wie weit geht die Schweiz bei der Entkriminalisierung von Drogen?

Die Schweiz zeichnete sich international durch ihren innovativen Ansatz bei der Suchtbekämpfung aus. Ab Mitte der 1990er-Jahre, als Hunderte von Drogenabhängigen zentrale Plätze in den Städten Zürich und Bern in Beschlag nahmen, verfolgte die Schweiz eine neue Drogenpolitik. Der Platzspitz hinter dem Zürcher Bahnhof war damals die grösste offene Drogenszene Europas und schaffte es als "Drogenhölle" in die Weltmedien.

Dieser Inhalt wurde am 12. März 2020 - 16:39 publiziert
Paula Troxler (Illustration)

"Der Mensch, nicht die Droge, muss im Mittelpunkt der aktuellen Überlegungen stehen", sagte der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset an der UNO-Sonderkonferenz über Drogen im Jahr 2016. Seit 25 Jahren verfolgt die Schweiz die so genannte Vier-Säulen-Politik: Es sind dies Prävention, Therapie, Schadensminderung und Strafverfolgung. Dieses Modell hat sich mittlerweile bei Suchtfachleuten durchgesetzt und seine Wirksamkeit ist in Studien nachgewiesen.

Seit Einführung der Vier-Säulen-Politik vor einem Vierteljahrhundert ist die Zahl der Drogentoten zurückgegangen, ebenso die Beschaffungskriminalität. Gleichzeitig hat sich der Gesundheitszustand der Drogenabhängigen deutlich verbessert und offene Drogenszenen sind Geschichte.

Ein zentraler Pfeiler dieses ganzheitlichen Ansatzes ist die medizinisch kontrollierte Abgabe von Heroin durch den Staat. In diesem Programm erhalten Schwerstsüchtige in einer Abgabestelle ihre tägliche Dosis Heroin oder Methadon, eine Ersatzdroge. Dort spritzen sich die Süchtigen die erhaltenen Substanzen. Dies geschieht unter Aufsicht eines Gesundheitsteams und unter hygienisch einwandfreien Bedingungen.

Diese 1994 eingeführte Politik kommt heute rund 1700 Drogenabhängigen in der ganzen Schweiz zugute. Es sind Schwerstsüchtige, die gewisse Anforderungen erfüllen müssen. Die vier Säulen haben effektiv zur Senkung der Übertragung von Krankheiten, Infektionen und von Überdosierungen beigetragen. Abhängige Personen sind in der Lage, mit ihrer Sucht ein fast normales, geregeltes Leben zu führen.

Insbesondere fällt mit der staatlichen Drogenabgabe die Beschaffungskriminalität zur Finanzierung der Sucht weg. "Ohne dieses Programm wäre ich schon vor langer Zeit gestorben", sagt etwa Evelyn, die seit über 30 Jahren Heroin konsumiert, das ihr staatlich befugte Ärzte verschreiben.

Trotz ihrer fortschrittlichen und international stark beachteten Vier-Säulen-Politik tut sich die Schweiz mit der Entkriminalisierung von Cannabis wie auch harten Drogen schwer. Experten hingegen fordern einen neuen Ansatz, dessen Hauptziel es sein sollte, die durch den Konsum von Betäubungsmitteln verursachten Schäden so weit wie möglich zu reduzieren. "Die Geschichte hat gezeigt, dass die Prohibition mehr Probleme schafft, als sie löst", sagt Michael Herzig, ehemaliger Delegierter für Drogenfragen der Stadt Zürich.

Die Frage der Entkriminalisierung ist umstritten und wird in der Schweiz immer noch heftig diskutiert. Ein erster Schritt ist jedoch beim Cannabis getan: Seit 2011 sind Produkte mit sehr niedrigem THC-Gehalt, die also keine psychoaktive Wirkung haben, frei erhältlich. Die Regierung beabsichtigt ebenfalls, den Zugang zu medizinischem Cannabis zu erleichtern. Patienten könnten dann in Apotheken gegen Rezept Cannabis zur Therapie medizinischer Probleme beziehen.

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