Geschichte & Religion

Wie wurde die Schweiz die Schweiz? Die Stationen bis 1848

1848 entstand mit dem Schweizer Bundesstaat ein einzigartiger demokratischer Staat im monarchistischen Europa. Doch die "Schweiz" existierte bereits vorher – welche Konflikte und Entwicklungen durchlief der Staatenbund seit seiner sagenumwobenen Gründung im Jahr 1291?

Dieser Inhalt wurde am 12. März 2020 - 11:17 publiziert
Andreas Gefe (Illustration)

Die Geschichte der Schweiz bis zum demokratischen Staat 1848 ist jenseits ihrer Grenzen kaum bekannt. Das liegt auch daran, dass sie sich weitgehend entlang anderen Linien und Routen als die ihrer Nachbarn entwickelte.

Die Geschichte der Schweiz lässt sich in zwei grosse Etappen einteilen: vor 1848 und danach. Damals wurde der lose Bund der Kantone, also Klein-Staaten, zu einem Bundesstaat. Vor dem Hintergrund der Monarchien, die damals das politische Gesicht Europas prägten, erschien die Schweizerische Republik wie eine absolute Ausnahme. Doch wann begann die Formation dieses Staatenbundes? Grob könnte man von fünf Entwicklungsepochen sprechen, die der Gründung des Bundesstaates vorangegangen sind.

Ein Bund der Schutzlosen 1200 bis 1400

Als Anfangsdatum galt lange Zeit das Jahr 1307, das Jahr der "Vertreibung der österreichischen Landvögte aus der Schweiz". Nicht zufällig zieren diese Zahlen noch heute den Sockel des Altdorfer Wilhelm Tell-Denkmals. Ende des 19. Jahrhunderts hat man sich in der Schweiz aber dennoch bewusst für das Jahr 1291 entschieden. 

Denn der politische Attentäter Tell taugte nicht als Symbol eines neuen Staates: Eine politische Vereinbarung hingegen wie der Bundesbrief, der "zu Anfang des Monats August" 1291 von adeligen Vertretern der drei Regionen der Zentralschweiz angeblich unterzeichnet wurde, umso mehr. 

In diesem Dokument haben die sogenannten "Urkantone" einander versprochen, sich gegenseitig militärische und wirtschaftliche Hilfe zu leisten. Unter Schweizer Historikerinnen und Historikern ist die Bedeutung dieses Datums heute umstritten. Wenn auch symbolisch wichtig, so ist eigentlich nichts Besonderes geschehen: Es wurden zahlreiche solche "Bundesbriefe" vor und nach diesem Datum unterzeichnet.

Zwischen Fakten und Mythen: Von Morgarten bis zum Wiener Kongress

Ausserhalb der Schweiz glaubt man bis heute, die Schweizer Staatlichkeit sei infolge des militärischen Widerstands gegen die habsburgische Expansion entstanden. Diese Theorie hat jedoch nichts mit der Realität zu tun. Im frühen Mittelalter konnte das soziale und politische Überleben einer bestimmten territorialen oder administrativen Einheit nur dann garantiert werden, wenn sie von der obersten Behörde, in diesem Fall dem Grossrömischen Reich deutscher Nation, geschützt wurde. 

Doch diese unwirtliche bergige Region Europas konnte auf keine Schirmherrschaft und auf keinen militärischen Beistand seitens des Imperiums hoffen, da sie ihrerseits dem Imperium nichts anzubieten hatten. Deshalb waren die zukünftigen "Kantone" gezwungen, sich in Ermangelung des äusseren Schutzes durch das Imperium gegenseitig zu verteidigen und zu unterstützen. 

Aussenpolitische Expansion im 15. Jahrhundert 

Den Kern der Kristallisation dieses Bundes bildeten die Regionen der Zentralschweiz sowie der Kanton Bern, den die Historiker nicht selten als das "Schweizer Preussen" bezeichnen. Durch die Bündelung ihrer militärischen Kräfte und wirtschaftlichen Ressourcen dehnte sich die Schweiz über das deutschsprachige Europa hinaus aus, unterwarf Gebiete am nördlichen französischsprachigen Ufer des Genfersees und traf auf das Grossherzogtum Burgund, das unter der Führung Karls des Kühnen ebenfalls versuchte, eine der "europäischen Grossmächte" jener Zeit zu werden.  

Die Phase der sogenannten Burgunderkriege (1474-1477) war die wichtigste Periode der Schweizer Geschichte. Nach ihrem Sieg eroberte die Schweiz nicht nur neue Gebiete, sondern auch bedeutende finanzielle Mittel, die die Grundlage des Wohlstands und der Macht nicht nur für Bern, sondern auch für die anderen Regionen der Alten Eidgenossenschaft bildeten.

Implosion: Der Beginn des Sonderwegs nach der Reformation   

Nach 1515 verursachte die Reformation auch in der Schweiz permanente religiöse Konflikte, die in den beiden Kappeler Kriegen (1529 und 1531) sowie den beiden Villmerger Kriegen (1656 und 1712) gipfelten. Dazwischen gab es noch einen fünften Krieg, den so genannten Schweizer Bauernkrieg (1653), der durch das Ende des Dreissigjährigen Krieges ausgelöst wurde. Die Schweizer Bauern, die das kriegführende Deutschland damals mit Getreide versorgten, waren plötzlich in einer akuten Schuldenkrise. 

Video: "Schweizer Geschichtsmythen und die öffentlichen Debatten" (Russisch)  

In der Zeit dieser komplexen Konflikte wendete sich das Land von der Aussenwelt ab und fokussierte auf die Lösung der inneren Konflikte – blieb aber immer noch ein integraler Bestandteil der westeuropäischen Wirtschaft. Die Beschäftigung der neutralen Schweiz mit ihren inneren Angelegenheiten machte aus einem Land, das sich im Grunde in einem permanenten Bürgerkrieg befand, eine "politische Insel", deren historische Entwicklung seither einen "Sonderweg" eingeschlagen hat.

Regierung von Aussen: Napoleons Einfluss um 1800

Die nächste Etappe ist gekennzeichnet durch die Einführung einer Art "external governance" in der Schweiz. Das Schicksal des Landes wurde zuerst von Napoleon, dann von den europäischen Mächten am Wiener Kongress bestimmt. Diese Zeit ist eines der "unbeliebtesten" Themen in der Schweizer Nationalgeschichte. Denn die Schweiz gibt nicht gern zu, dass alle notwendigen politischen und sozialen Reformen erst nach dem Einmarsch der revolutionären französischen Truppen in die Schweiz im Jahre 1798 eingeleitet werden konnten. 

So verdankt die Schweiz die Gleichheit aller vor dem Recht, die Gleichheit der Bürgerinnen und Bürger von Stadt und Landschaft, die Gleichheit aller Kantone und die Aufhebung der Unterteilung der Schweiz in "ursprüngliche alte Kantone" und "Kolonien" oder: "zugewandte Orte" in starkem Mass den Franzosen. Auch die Tatsache, dass auf dem Wiener Kongress 1815 erst mit Genehmigung der europäischen Mächte eine neutrale postnapoleonische Schweiz geschaffen werden konnte, möchten die Schweizerinnen und Schweizer lieber nicht erwähnen.

Der träge Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert

Auf die Zeit nach dem Wiener Kongress folgte in der Schweiz ein zweiter, permanenter und "träger" Bürgerkrieg, der etwa 20 Jahre dauerte. 1847 erreichte dieser Krieg seinen Höhepunkt in Form des sogenannten "Krieges gegen den katholischen Sonderbund".

Dieser Krieg beendete eine ganze Reihe von lokalen politischen Konflikten, in deren Mittelpunkt die Konfrontation zwischen protestantischen Liberalen und katholischen Demokraten stand. Erstere waren der Meinung, das Volk müsse im rationalen Geiste der protestantischen Ethik aufgeklärt und erzogen werden, wobei die Bedeutung der Schaffung eines vereinten Staates stets betont wurde.

Die anderen wiesen darauf hin, dass das Volk so leben sollte, wie es wollte, und sich zu seiner (katholischen) Religion sollte bekennen dürfen. Sie betonten die Bedeutung der Existenz souveräner Kantone. Die ersteren gewannen schliesslich den Sonderbundskrieg und schufen einen neuen Schweizerischen Bundesstaat, der auf den französischen Menschenrechten, der deutschen Philosophie der Rechtsstaatlichkeit und dem englischen Utilitarismus basierte. 

1848 begann eine qualitativ neue Etappe in der Schweizer Geschichte, die ohne Unterbrechung bis heute andauert. Eine mehr als 170 Jahre andauernde konsistente historische Entwicklung, ohne scharfe Zäsuren — in der Geschichte Europas gibt es keine Analogien zu diesem Phänomen. 

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen