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Abenteuer Rückkehr

Lotti Pfyl packt ihr Hab und Gut und kehrt in ein paar Wochen zurück in die Schweiz. Keystone / Lukas Lehmann

Lotti Pfyls Traum ist geplatzt. Die Auslandschweizerin muss nach fünf Jahren Deutschland in die Schweiz heimreisen. In ihrem Rückkehr-Tagebuch beschreibt sie für uns, wie sie diesen Schritt erlebt.

Dieser Inhalt wurde am 23. Dezember 2020 - 12:14 publiziert
verfasst von Lotti Pfyl / Melanie Eichenberger
Lotti Pfyl. zvg

"Im September kam endlich, endlich der ersehnte Besuch aus der Schweiz. Mein Sohn kam mit vielen Neuigkeiten aus seinem Leben. Er hat die Möglichkeit, im kommenden Frühling ein Ausflugsrestaurant in der Innerschweiz zu übernehmen. Nach seiner Abreise bekam ich den ersten heftigen Schub Heimweh.

Das fühlte sich an wie ein schmerzhafter Anfall, mit Herzrasen und Atemnot. Das kannte ich bis dahin nicht. Ich hatte schon zwischendurch etwas Wehmut bei Verabschiedungen, aber es war noch nie so heftig. Jetzt mit Corona, ohne Kontakte, auch am neuen Ort, ist die Sehnsucht nach Familie, nach Heimat stärker denn je.

Ich haderte, mir einzugestehen, dass sich mein Traum vom anderen Leben im Ausland nicht erfüllt hat. Mir einzugestehen, dass ich nicht die geborene Unternehmerin bin. Ich bin doch eigentlich die Kreative mit vielen tollen Ideen, die umgesetzt werden wollen. Ich musste akzeptieren, dass ich nicht mehr die Kraft habe, nochmals etwas Neues aufzubauen. Dieses Eingeständnis fiel mir nicht leicht.

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Wo sind die möglichen Stolperfallen? 

Anfänglich fühlte sich dieser Weg sehr diffus an. Wie auf einem herbstlichen Waldspaziergang, bei dem der Weg zugedeckt ist mit frisch gefallenen Blättern. Die möglichen Stolperfallen müssen ertastet werden. Auf diesem Weg gibt es kein Laufen, kein Rennen, sondern nur sorgsames, bewusstes Gehen.

"Wie auf einem herbstlichen Waldspaziergang, bei dem der Weg zugedeckt ist mit frisch gefallenen Blättern." Lotti Pfyl


"Und was heisst das nun, mit dem Existenzminimum auskommen zu müssen?"

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Jetzt wartet ein neuer Lebensabschnitt auf mich. Ein Leben als Rückkehrerin, vielleicht sogar ein Leben als Sozialhilfeempfängerin, sofern sich nicht noch ein kleines Wunder einstellt. Und was heisst das nun, mit dem Existenzminimum auskommen zu müssen?

Es wird ein Leben mit weniger Besitz aber mit viel mehr Lebensqualität, davon bin ich überzeugt. Mir schwirrt gerade der Kopf, so viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich weiss, ich habe in der Schweiz nur noch zwei Zimmer, Küche und Bad zur Verfügung. Ich muss mein Hab und Gut reduzieren.

Loslassen

Von meinen Büchern, die mich jahrzehntelang begleiteten und mir enorm wichtig sind, trenne ich mich. Meinen Haushalt reduziere ich ebenfalls. Was soll ich mit all den Pfannen und Töpfen, Geschirr und Besteck für 12 Personen? Nicht, dass ich meinen Besitz auf nur 100 Dinge beschränken möchte wie das im Trend liegt. Aber weniger ist bekanntlich mehr und ich freue mich sogar auf den leichteren Rucksack. Ich bin sogar ein bisschen stolz auf mich, dass ich loslassen konnte und mich ohne Tränen verabschieden konnte von meinen Schätzen.

Border Collie Hündin Kiuma half Lotti Pfyl über die einsame Zeit hinweg. Lotti Pfyl

Eine Schatzkiste kommt jedoch unsortiert wieder zurück in die Schweiz. Eine Schatzkiste nicht für mich, aber für meine Kinder. Da drin sind Familienfotos, die Geburtsanzeigen und Taufkerzen meiner Kinder oder die kopierten Zettel für den alljährlichen Samichlaus-Besuch. Jetzt möchte auch ich wieder etwas in diese Schatzkiste legen, Erinnerungen an meine Auswanderung.

"Was bringe ich Gutes zurück in die Schweiz mit?"

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Was bringe ich Gutes zurück in die Schweiz mit? Meine Border Collie Hündin Kiuma. Sie begleitet mich seit Sommer 2016. Ohne sie hätte ich diese Corona-Zeit als Auslandschweizerin nicht überstanden. Ich werde wohl die alten Hundemarken reinlegen und gelungene Fotos von ihr und meinen Erlebnissen.

Kaum in Weihnachtsstimmung

Jetzt steht Weihnachten vor der Tür. Zumindest laut Kalender und den weihnachtlichen Dauerhits im Radio. Meine Weihnachtskisten fristen ihr Dasein noch unten im Keller. Immer noch. An die Fenster habe ich lediglich mit Kreide Sterne gemalt, draussen beim Eingang steht ein grosser Holzstern und der Weihnachtsengel bekommt jeden Abend ein neues Kerzenlicht.

Ein kleines bisschen Weihnachten in Deutschland. Lotti Pfyl

Bei lieben Nachbarn wurde ich an den Adventssonntagen zum Tee eingeladen. Das schätzte ich sehr; es gab mir wenigstens ein bisschen Weihnachtsstimmung. Und: Ich fühlte mich etwas weniger einsam in dieser Zeit.

Innerlich sind dieses Jahr keine Weihnachten für mich. Ich reise nicht in die Schweiz zu Familie und Freunden und ich erwarte auch keinen Besuch aus der Schweiz. Hier in der Oberpfalz habe ich kaum Kontakt zu Mitmenschen, ausser zu einer Schweizerin.

Sie und ihre Pflegetochter habe ich bei einem Hundespaziergang kennengelernt. Nun werden wir Heiligabend bei einem feinen Risotto und einem guten Glas Rotwein gemeinsam feiern. Ein kleiner Lichtblick."

Abenteuer Rückkehr

Lotti Pfyl nimmt uns mit auf ihr Abenteuer "Rückkehr in die Schweiz". In ihrem Rückkehrblog gibt sie uns Einblick in ihre Gefühlswelt. Der nächste Beitrag erscheint kurz vor ihrer Rückreise Ende Januar. 

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