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Die Leiden der Auslandschweizer in Brexitannien

Viel Ungewissheit: Auslandschweizer Jérôme Robert führt mit seiner britischen Partnerin Anneke Short eine Uhrenmanufaktur in London. swissinfo.ch

Als wäre Covid-19 nicht genug, müssen sich die Auslandschweizer in Grossbritannien zusätzlich mit Brexit-Folgen herumschlagen. Dieser bringt nicht nur unternehmerisch, sondern auch privat zahlreiche Herausforderungen mit sich.

Dieser Inhalt wurde am 15. Januar 2021 - 13:30 publiziert
Nicole Krättli, London

Seit Anfang Jahr geht das Vereinigte Königreich seinen eigenen Weg. Welche Konsequenzen das hat, zeigt eine Szene am Fährhafen Hook of Holland. Dort nahm ein Zollbeamter einem britischen Autofahrer kürzlich sein Schinkensandwich weg.

Sie dürfen Lebensmittel wie Fleisch, Obstund Gemüse nicht länger in die EU mitbringen, erklärte er dem irritierten Mann. Ob er wenigstens die Butterbrote behalten dürfe, wenn er den Schinken am Zoll lasse, fragt der Reisende. Nein, antwortete der Beamte vor der Kamera eines niederländischen TV-Senders. "Welcome to the Brexit, Sir, I’m sorry".

Leere Regale, neue Zölle, Chaos

Regale in Grossbritannien leeren sich, sodass die britische Supermarkt-Kette Sainsbury’s letzte Woche sogar Produkte vom Konkurrenten Spar verkaufen musste. Traditionshäuser wie Fortnum & Mason haben ihre Lieferungen nach Europa temporär gestoppt. Kunden in Grossbritannien und Nordirland beschweren sich über stornierte Lieferungen aus Kontinentaleuropa oder überraschende Zollgebühren.

Und weiterhin haben viele Menschen und Unternehmer mehr Fragen als Antworten. Auch Jérôme Robert. Der Auslandschweizer führt mit seiner britischen Partnerin eine Uhrenmanufaktur in London. Obschon sich der Uhrendesigner seit Monaten darum bemüht, die nötigen Informationen zusammenzutragen, damit die Camden Watch Company weiterhin ihre Kunden in Europa beliefern kann, fehlt es an klaren Wegweisungen seitens der Regierung.

"Wir haben uns nun entschieden, die Bestellungen auf gut Glück zu verschicken und abzuwarten, was passiert." Die grösste Angst des 36-Jährigen ist es, dass seine Kunden in Europa zur Kasse gebeten werden und unverhofft Zollgebühren bezahlen müssen. Noch verheerender wäre es, wenn er sich künftig in jedem europäischen Land, das er beliefert, einzeln für die Mehrwertsteuer registrieren müsste. "Der administrative Aufwand wäre so gross, dass wir wohl aufhören müssten, gewisse Nischenmärkte zu bedienen und uns nur noch auf die wichtigsten Länder konzentrieren könnten", erklärt der Westschweizer.

Was ist mit dem Datenschutz?

Diese Sorge treibt auch Ané-Mari und Marc Peter um. Seit 20 Jahren führen sie das Grafik- und Webdesign Unternehmen on-IDLE in London. "Vorher gabs eine Mehrwertsteuerregel. Jetzt ist alles viel komplizierter und aufwendiger", erklärt Ané-Mari Peter. Doch die Probleme gehen weit über die Mehrwertsteuer hinaus. Die letzten zwei Wochen konnten sie ihre Angestellten in Tschechien nicht bezahlen, weil steuerrechtliche Fragen unklar waren. Ebenfalls ein grosses Problem für die Webdesigner: der Datenschutz. Mit dem Austritt aus der EU ist Grossbritannien nicht mehr der europäischen Datenschutzgrundverordnung unterstellt.

Steuerliche und rechtliche Unsicherheiten: Ané-Mari und Marc Peter führen ein Grafik- und Webdesign Unternehmen in London. swissinfo.ch

Für viele ihrer Firmenkunden können juristische Probleme entstehen, wenn ihre Websites über britische Server laufen. "Doch um eine Website in der EU zu hosten, braucht man vielfach eine Geschäftsadresse in diesem Land. Da kommen wir mit unserer britischen Geschäftsadresse nicht weit", so Peter. Versuche, konkrete Informationen zu erhalten, bleiben erfolglos: "Die Regierung kommuniziert schwammig. Vieles ist Interpretationssache."

Herausforderung für binationale Paare

Doch nicht nur geschäftlich bereitet der Brexit vielen Auslandschweizern Kopfzerbrechen. Insbesondere für binationale Paare ist die Abspaltung von Europa eine Herausforderung. Seit über sieben Jahren leben Sandra Keller* und ihr britischer Partner im schottischen Edinburgh. Eigentlich soll es – sobald das Corona-bedingt wieder realistisch ist – zurück in die Schweiz gehen. Weil ihr Arbeitgeber noch nichts davon weiss, möchte Keller ihren richtigen Namen nicht publik machen.

Hätte das Paar vor dem 31. Dezember lediglich einen Flug in die Heimat buchen müssen, um dort ein neues Leben zu beginnen, gestaltet sich der Rückzug nun um einiges schwieriger. Als Bürger eines Drittstaats unterliegt Kellers Partner nun den wesentlich strengeren Einwanderungsbestimmungen der Schweiz. "Wir werden wohl nicht darum herumkommen, zu heiraten", sagt die 33-jährige Zürcherin. Das wäre zwar ohnehin früher oder später der Plan gewesen, "es nun aber wegen des Visums zu machen, ist unglaublich unromantisch."

"In den letzten Monaten hab ich einen grossen Zusammenhalt innerhalb der Auslandschweizer Community gespürt."

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Damals, als sie nach Edinburgh zog, sei sie bei null gestartet. "Ich bin einfach hier hingekommen und hab mir ein Leben aufgebaut. Diese Freiheit und Chance wird meinem Freund nun verwehrt. Es ist so traurig." Doch selbst die Heirat löst nicht alle Probleme. Denn um als Ehepartner einen B-Ausweis beantragen zu können und somit eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung zu erhalten, müssen die beiden erst einmal in der Schweiz wohnen. "Das ist mit einem grossen Risiko verbunden, weil wir hier alles aufgeben und ohne Absicherung zurückziehen müssen."

Geschäftsführerin Ané-Mari Peter versteht die Frustration vieler Auslandschweizer, weist aber darauf hin, dass nicht alles schlecht ist: "In den letzten Monaten hab ich einen grossen Zusammenhalt innerhalb der Auslandschweizer Community gespürt. Menschen helfen sich in Foren, tauschen Informationen aus, unterstützen sich", berichtet das Vorstandsmitglied der ‚Federation of Swiss Societies UK‘. Letztlich helfe kritisieren nichts. "Es ist ein demokratischer Entscheid, den es zu respektieren gilt. Darum heisst es bei uns: Gring ache u schaffe!"

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